Kontroversen unter Philosophen sind keine Seltenheit und so manche Geistsgröße ließ sich zu wenig schmeichelhaften Bemerkungen über den ein oder anderen Kollegen herab. Sokrates wurde zum Selbstmord gezwungen, Boethius hingerichtet, Archimedes starb im Krieg, Cicero durch einen Mordauftrag, Edith Stein im Konzentrationslager, auch Denker werden also nicht nur verbale Opfer ihrer Feinde, wenn auch eher selten aus philosophischen Motiven. Warum aber erschoss ein ehemaliger Student den Philosophen Moritz Schlick mitten in der Wiener Universität?

Moritz Schlick - der Kopf des Wiener Kreises

Schlick, gebürtiger Berliner, war der Kopf des Wiener Kreises, eines Zusammenschlusses von Intellektuellem verschiedener Richtungen, Philosophen, Ökonomen, Juristen, Mathematiker und andere Geistes- und Naturwissenschaftler, deren grob gefasstes Ziel es war, die Philosophie auf eine wissenschaftliche, das heißt nach ihrem Verständnis empirisch-positivistische Basis zu stellen. Mit anderen Worten die Philosophie von ihren metaphysischen Zügen zu befreien, sie überprüfbar und quasi axiomatisch zu gestalten, ein Anliegen, das sich hauptsächlich in einer Sprachphilosophie, aber auch ambitionierten Projekten wie einer Einheitswissenschaft niederschlug. Moritz Schlick, der gelernte Physiker, der seit 1922 in Wien Philosophie lehrte, führte die Gruppe, der unter anderem Rudolf Carnap, Otto Neurath oder auch Kurt Göldel angehörten, deren Einfluss vor allem im angelsächsischen Raum bedeutend war – oder wurde, da viele Angehörige des Wiener Kreises gezwungen waren spätestens 1938 zu emigrieren.

Moritz Schlick und die politischen Verhältnisse in Österreich

Denn die Ansichten der Gruppe wurden keineswegs nur in Akademikerkreisen kontrovers diskutiert. Auch politisch war die Idee der Anti-Metaphysik umstritten, auch wenn sich dort das Niveau bereits stark intellektuell herabgesenkt hatte; aber dies galt für das politische Klima insgesamt. Österreich war auf dem Weg in eine autoritäre bürgerliche Diktatur, den so genannten Austrofaschismus, ein verzweifelter Versuch, sich vor dem mächtigen aggressiven Nachbarn Deutschland zu schützen. Schlick erläuterte zwar dem Bundeskanzler Engelbert Dollfuß in einem Brief die Vereinbarkeit der Ansichten des Wiener Kreises mit denen des Ständestaats, allein er stieß auf taube Ohren, die Vereinigung wurde verboten. Mit dem Tod Dollfuß’ und der erzwungenen deutschfreundlichen Politik seines Nachfolgers Kurt von Schuschnigg verschärften sch die politisch-gesellschaftlichen Gegensätze noch mehr.

Das Attentat in der Wiener Universität

Am 22.Juni 1936 wartete der ehemalige Doktorand Schlicks Johann Nelböck in der Universität Wien auf den Professor, der zur letzten Sitzung des Sommersemesters eintrifft, und schießt ihn auf der so genannten Philosophenstiege mit vier Schüssen nieder, Schlick stirbt kurz darauf. Tatsächlich führt Nelböck in seinem Geständnis philosophische Gegensätze – Schlicks antimetaphysischer Kurs habe jegliche Sinnentleerung zur Folge – für seine Tat an. Doch unter dieser Oberfläche vermengt sich ein ganzes Konglomerat von Motiven, teils privater Natur, teils obskurer Wahnvorstellungen. Nelböck wird zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Die Folgen: Kontroversen um die Motive und Amnestie durch die Nazis

Schlicks Tod wurde dennoch zum Politikum, obwohl ein politischer Hintergrund nicht direkt nachzuweisen war (und ist). Während die verbliebenen liberalen Kreise entsetzt sind, zeigt sich die konservative und rechte Presse gewissermaßen klammheimlich oder manchmal sogar offen erfreut über den Tod des Mannes, der ihnen für „undeutsches, zersetzendes“ Denken steht. Die überlebenden Angehörigen des Wiener Kreises zerstreuten sich mit dem Einmarsch der Nazideutschen in alle Welt, wodurch sich ihr Denken nur umso mehr verbreitete. In Österreich aber gab es einen, der sich ganz persönlich über die Machtübernahme freuen konnte: Johann Nelböck. Er wurde von den Nazis sogleich freigelassen.

Literatur:

  • Rudolf Carnap: Mein Weg in die Philosophie. Stuttgart: 1993.
  • Peter Kampits: Zwischen Schein und Wirklichkeit. Eine kleine Geschichte der Österreichischen Philosophie. Wien: 1984.
  • Moritz Schlick: Fragen der Ethik. Frankfurt/Main: 1984.
Bild: Bernd Deschauer-pixelio.de