Der transatlantische Sklavenhandel – eine globale Migration

Cape Coast Castle Ghana - Johannes Becker / pixelio.de
Cape Coast Castle Ghana - Johannes Becker / pixelio.de
Fast 10 Millionen Menschen mussten in drei Jahrhunderten ihren Heimatkontinent Afrika als Sklaven auf der gefährlichen Middle Passage gen Amerika verlassen.

Aktuelle Schätzungen der Geschichtswissenschaft gehen von etwa 9 bis 10 Millionen Menschen aus, die vom 16. bis 19. Jahrhundert aus Afrika in die „Neue Welt“ transportiert wurden – ohne Rücksicht auf deren Meinung, Familie oder Leben. Welche Motive und Ziele begleiteten aber die in der Historie einmalige Migration und welche Auswirkungen hatte sie auf die beteiligten Gesellschaften?

Die Sklaverei als gesellschaftliches Phänomen im 15. Jahrhundert

Die Sklaverei als Form der unfreien Arbeit war bereits vor Beginn des überseeischen Sklavenhandels bekannt – in Europa wie auch in Afrika selbst. Da die frühneuzeitlichen Seemächte Portugal und Spanien Arbeitskräfte für die Zuckerplantagen auf den neuerworbenen Inseln (etwa Madeira oder den Kanaren) benötigten, nahmen sie daher schon im 15. Jahrhundert Sklaven. Ein erster Transport soll 1444 aus dem nordafrikanischen Raum nach Lissabon erfolgt sein – wobei Berichte sich in der Aussage widersprechen, ob die Europäer selbst Sklaven auswählten und zur Küste trieben oder sie auf vorhandene Mechanismen der afrikanischen Reiche zurückgriffen. Diese selbst, wie etwa das mächtige westafrikanische Songhai auf dem Gebiet des heutigen Mali, nutzten die Arbeitskraft von persönlich Unfreien in den Goldbergwerken, der Verwaltung oder als Verstärkung im Militär – dabei wies diese Abhängigkeit andere Strukturen auf, als die Europäer vielfach interpretierten: Ein Sklave galt nicht überall als recht- oder besitzlos und seine Hautfarbe determinierte nicht automatisch seinen Status.

Der transatlantische Sklavenhandel – zwischen Notwendigkeit und lukrativem Geschäft

Mit der (Wieder-) Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 öffnete ein unbekannter Markt seine Pforten, dessen wirtschaftliche Urbarmachung einen Mangel an Arbeitskräften nach sich zog – dem man nun in Form der Transporte afrikanischer Sklaven begegnete. Das war eine durchaus rationale Entscheidung: Den Bedarf an Arbeit in den Bergwerken hätten die Europäer nie alleine bewältigen können, sowohl auf Grund der geringen Anzahl an Siedlern als auch durch Krankheiten, die sie in der „Neuen Welt“ erwarteten. Die Indigenen Amerikas fielen als „Lückenfüller“ hierbei heraus, da sie den von Europäern eingeschleppten Krankheiten zum Opfer fielen und sich der völligen Unterordnung in das spanische (encomienda) und portugiesische Zwangsarbeitssystem (bei dem eine starke Diskrepanz zwischen theoretischer und praktischer Ausführung herrschte) verweigerten.

Portugal begann daher als erstes europäisches Reich, afrikanische Sklaven in großem Stil nach Amerika zu verschiffen und etablierte dafür notwendig gewordene Institutionen – Forts an der afrikanischen Küste, die der Sicherung und der Verwahrung von Sklaven vor dem Weitertransport dienten ebenso wie geregelte Beziehungen zu den afrikanischen Herrschern (gut dokumentiert ist der Sklavenhandel mit dem Reich des Manikongo), die das Privileg der Sklaverei auf ihrem Gebiet besaßen. Die Portugiesen waren also auf Grund ihres zeitlichen und gesundheitlichen Drucks hochgradig von der Militärelite der afrikanischen Staatsgebilde abhängig, die ihnen das Recht auf Sklavenerwerb übertrug, von dem sie regen Gebrauch machten. Das führte, beabsichtigt oder nicht, zur Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Struktur, in dem sich die afrikanischen Aristokratien mehr und mehr zur Küste orientierten, ihre Schutzmechanismen vernachlässigten, in die Abhängigkeit europäischer Güter gerieten, die später nicht zur Industrialisierung beitragen konnten. So wurde schließlich deren Souveränität beeinträchtigt.

Die Schrecken der Middle Passage

Daneben verloren die afrikanischen Gesellschaften eine erhebliche Anzahl an potenziellen Arbeitskräften, die die Europäer über die sogenannte „Middle Passage“ nach Amerika verschifften: Portugiesische, englische, französische und holländische Händler verdienten eine Menge Geld durch den Sklaventransport, der neben dem Bergbau sowie der Zucker- und Tabakwirtschaft längst selbst zum Wirtschaftszweig geworden war – auf Kosten der Afrikaner, von denen viele während der Überfahrt an Unterernährung, Krankheiten oder psychischer Belastung starben. Nach neueren Berechnungen waren das zwischen 8 und 30 Prozent einer Schiffsbesatzung. Schon beim meist unfreiwilligen Marsch zur afrikanischen Küste trennten die Sklavenhändler häufig Familien voneinander – sofern die Sklaven überlebten, bestand dazu bei der Verteilung auf ihre Besitzer in der „Neuen Welt“ noch einmal die Möglichkeit.

Die sukzessive Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels

Bis weit in das 19. Jahrhundert prägten die afrikanischen Sklaven die Gesellschaft Amerikas – vom puritanisch geprägten Norden, der die Sklaverei schon frühzeitig als „Sünde“ ablehnte, über den „Deep South“, der seine wirtschaftliche Stärke und sein politisches Gewicht wie die Karibik wesentlich aus der Arbeit der Sklaven herleiten musste, bis in die Andenländer Südamerikas, wo die Sklaven vor allem lebensgefährliche Arbeit in den Bergwerken und auf den Zuckerrohrplantagen Brasiliens verrichteten. Im britischen und US-amerikanischen Parlament (nach 1776) setzten sich vor allem eben jene Protestanten für die Abschaffung des unmenschlichen Sklavenhandels und der Sklaverei ein, als Berichte die unhaltbaren Zustände an Bord der Schiffe immer offenkundiger werden ließen, und errangen 1807 einen ersten Erfolg: Großbritannien schaffte als erste Nation den Sklavenhandel ab und übernahm auch Ausgleichszahlungen an die Sklavenhändler sowie die Kontrolle der internationalen Gewässer – weil aber weder die Händler Interesse an finanziellen Verlusten hatten, noch die anderen Nationen dieser Selbstverpflichtung nachkamen, lief der Transport (vornehmlich inneramerikanisch) bis zum endgültigen Verbot der Sklaverei in Großbritannien 1834, Frankreich 1848, den USA 1865, auf Kuba 1880 und Brasilien 1888 weiter.

Der Sklavenhandel hatte nicht nur Auswirkungen auf das im 19. Jahrhundert forcierte koloniale Engagement der europäischen Mächte, sondern auch bis heute auf die ethnische Geschichte Amerikas und ihre Aufarbeitung.

Quellen:

Davidson, Basil: Vom Sklavenhandel zur Kolonialisierung. Afrikanisch-europäische Beziehungen zwischen 1500 und 1900. Rowohlt 1966.

Eckert, Andreas (Hrsg.): Europe, slave trade, and colonial forced labour. Beck 2009.

Klein, Herbert S.: The Atlantic Slave Trade. Cambridge University Press 1999.

Wirz, Albert: Sklaverei und kapitalistisches Weltsystem. Suhrkamp 1984.

Markus Leithold, Markus Leithold

Markus Leithold - Ich finde, das Leben sollte erfüllt sein, Spaß bereiten und - das Wichtigste - glücklich machen. Beim Schreiben über ...

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