
- Vargas Llosa: Der Traum des Kelten - Suhrkamp Verlag
1916: Ein Mann im Londoner Pentonville-Gefängnis wartet auf seine Hinrichtung, verurteilt wegen Hochverrat. Vielleicht wird er doch noch begnadigt? Nein, es sieht nicht danach aus, denn Passagen aus seinem Tagebuch sind in der Presse erschienen, die seine homosexuellen Neigungen enthüllen. Da nützt es nichts, dass dieser Mann sich um die Menschenrechte verdient gemacht hat, indem er für die britische Krone Ausbeutung, Folter und Völkermord im Kongo und am Amazonas angeprangert hat. Er wurde dafür in den Adelsstand erhoben, doch dann, als er sich für den Aufstand der Iren gegen die britischen Besatzer einsetzte, zum Tod durch den Strang verurteilt.
Roger Casement – eine Persönlichkeit mit vielen Facetten, vielen Leben
„Jeder von uns ist, sukzessive, nicht einer, sondern viele (...) Und diese Persönlichkeiten zeigen untereinander die sonderbarsten und verblüffendsten Kontraste.“ Dieses Zitat von José Enrique Rodó, das Vargas Llosa seinem Buch als Motto voranstellt, richtet den Fokus des Autors – und mit ihm des Lesers – auf die Widersprüche und Wandlungen der Hauptfigur. Diese historische Persönlichkeit (1864-1916) eignet sich demnach als Romanfigur. Außerdem kann anhand ihres Lebenswegs das Übel des Kolonialismus geschildert werden, dessen schlimmste Ausprägungen Roger Casement im Kongo und in Amazonien untersucht hat. Früh verwaist, ging er als naiver Zwanzigjähriger nach Afrika, um bei den Segnungen mitzuwirken, die die Europäer dem dunklen, rückständigen Kontinent vermeintlich bringen wollten.
Schnell waren diese Illusionen verflogen und Casement setzte alles daran, die ungeheure Brutalität zu dokumentieren und anzuklagen, mit welcher die Europäer im Namen des Profits die eingeborenen Völker quälten. Mutig nahm er äußerst beschwerliche Reisen auf sich, trotzte Krankheit und vielfältiger Lebensgefahr und trug schließlich als britischer Diplomat viel zur Diskreditierung der belgischen Herrschaft über den Kongo und zum Niedergang des Kautschuk-Unternehmens Peruvian Amazon Company bei. Dass er sich darüber zum irischen Nationalisten entwickelte, der während des Ersten Weltkriegs mit den Deutschen paktierte, wurde ihm zum Verhängnis – der Held wird in den Augen der Welt zum Verbrecher, zusätzlich stigmatisiert wegen seiner sexuellen Vorliebe für junge Männer.
Der Autor Vargas Llosa und seine Romanfigur
Souverän gestaltet Vargas Llosa die gründlich recherchierte Geschichte dieses Mannes, indem er seinen Stoff in drei große Blöcke (Kongo – Amazonas – Irland) aufteilt und zwischen jedes im Rückblick erzählte Kapitel eine Szene aus der Todeszelle schiebt. Auf formale Innovationen hat er es dabei nicht angelegt, alles wird konventionell ausgeführt im Sinne der Romantradition des neunzehnten Jahrhunderts. Die Fülle des Stoffs, die sich auch in unzähligen Ort- und Personennamen äußert, scheint eher einem historischen Werk zu entsprechen als einem literarischen. Auch vermisst man die Innensicht auf den Charakter, der im Mittelpunkt steht. Mehrmals wird berichtet, dass Casement angesichts der Gräuel, die er sehen musste, fast wahnsinnig geworden wäre, aber nirgends wird dieser Zustand am Rande des Wahnsinns für den Leser sinnlich nachvollziehbar. Am Ende wissen wir viel über Roger Casement und erfassen doch nicht wirklich, was sich in ihm abgespielt hat.
Der Traum des Kelten: Aufklärung über den Kolonialismus und die Natur des Menschen
Die Stärke dieses Romans ist dagegen sein Informationswert, sein genauer Blick auf ein immer noch vernachlässigtes Kapitel der europäischen Geschichte, die Auswirkungen des Kolonialismus auf die betroffenen Völker. Dies ist nicht nur historisch interessant, die Problematik ist immer noch aktuell, auch wenn die Formen der Ausbeutung sich gewandelt haben. Detailreich bis zum Unerträglichen wird der systematische Verstoß gegen die fundamentalen Menschenrechte geschildert. Und dabei wird erschreckend deutlich, wie rasch ganz „normale“ Menschen zu brutalen Bestien werden können, wenn die Umstände es ihnen erlauben und sie daraus Vorteil ziehen können – auch dies ein Thema von großer Aktualität.
So ist „Der Traum des Kelten“ zwar kein großartiges Romanwerk des Nobelpreisträgers von 2010 geworden wie „Das Fest des Ziegenbocks“ oder „Gespräch in der Kathedrale“, aber als kritischer Einblick in die Kolonialgeschichte und das Abgründige der Natur des Menschen ein wichtiges und lesenswertes Buch.
Maria Vargas Llosa: Der Traum des Kelten. Suhrkamp Verlag 1911. Gebunden, 447 Seiten. 24,95 Euro.
