"Der Turm" ist in Dresden schiefgegangen

Die Inszenierung am Staatsschauspiel nach der Romanvorlage von Uwe Tellkamp kann nicht überzeugen

"Der Turm" nach dem gleichnamigen Roman von Uwe Tellkamp steht derzeit auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses. Das fast tausendseitige, gleichsam gelobte wie verschmähte Buch über den Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch im finalen Verfallsstadium der DDR ist in der Heimatstadt des Autors "vertheatert" worden. Das Ergebnis ist eindeutig: "Der Turm" ist im Dresdner Staatsschauspiel schiefgegangen. Die Inszenierung ist enttäuschend. Das Buch wurde in der Stadt seines Geschehens kein Erfolg auf der Bühne.

Von einer szenischen Untiefe zur nächsten

Die Schauspieler sind hier auf der Dresdner Bühne arme Geschöpfe. Die verkrampfte Romanvorlage Uwe Tellkamps zwängt sie schon genug ein; den Rest besorgt die leider völlig einfallslose Dramaturgie, die sie wie willenlose Wesen von einer szenischen Untiefe zur nächsten stolpern lässt. Nur Christine Hoppe als die Schriftstellerin Judith Schevola, im Buch eine der wenigen glaubwürdigen Figuren, ragt aus dem sich lang hinziehenden Theaterabend heraus. Lars Jung kann in der Darstellung des exzentrischen Autors Eduard Eschschloraque einige Glanzpunkte setzen, ehe auch er in das traurig stimmende Mittelmaß der Aufführung abgleitet.

So etwas wie schauspielerisches Format zeigt neben ihnen noch Benjamin Höppner als der Lektor Meno Rohde. Hübsch wirken Henner Momann und Eike Weinreich als Akteure der Staatssicherheit. Ina Piontek kann als die Sekretärin Josta und Geliebte mit Kleinkind gefallen. Der gute Holger Hübner, aus früheren Dresdner Schauspielzeiten zum Beispiel in Dürrenmatts Physikern in vorzüglicher Erinnerung, ist als der Vater Richard Hoffmann im "Turm" eine glatte Fehlbesetzung. Er müht sich, der Rolle etwas Prickelndes zu geben, sich aus dem Einerlei hervorzuspielen, doch entwickelt sich dieser Versuch zwangsläufig zum tragischen Scheitern.

Wie Hühner im Massenkäfig

Das muss sich einer vorstellen: An Hühner im Massenkäfig erinnernd, stehen die Akteure im Dresdner Großen Haus auf vielen kleinen Hebebühnen neben- und übereinander herum, um von Zeit zu Zeit die ihnen in den Mund gelegten Plattitüden in den Zuschauerraum zu sprechen. Wer vor diesen rund dreieinhalb nervenden Stunden einen ansprechenden Theaterabend erwartet hat, dem wird bei dieser Aufführung schlicht und ergreifend (ohne ergriffen zu sein) unbehaglich zumute.

Es lässt sich noch dramatischer ausdrücken: Wer vordergründig wegen der Regiearbeit von Wolfgang Engel gekommen war, der in Dresden eine lebende Theaterlegende ist, den überkommen starke Zweifel. Engel scheint sich dem modernen Regietheater anbiedern zu wollen. Es sei ihm verziehen, falls dieser Eindruck täuscht. Wenn aber Stücke wie dieser "Turm" für den umjubelten Stilwechsel des Dresdner Staatsschauspiels unter dem neuen Intendanten Wilfried Schulz stehen sollen, dann stellt sich die Frage, in welche trübe theatralische Zukunft das Haus am Postplatz wohl blickt.

Sven Bernitt, Stephanie Taubert

Sven Bernitt - Sven Bernitt ist seit 2002 unabhängiger Buchhändler in Dresden (www.leselust-dresden.de) und war einige Jahre Journalist in ...

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