Der Umzug des Suhrkamp-Archivs

Wie die Schätze vom Archivkeller ins Deutsche Literaturarchiv kommen

Ein Umzug der Superlative: Geschätze 1.200 Leitz-Ordner Manuskripte werden im Dezember 2009 von Frankfurt ins Literaturarchiv nach Marbach gebracht.

Die Archivkeller des Suhrkamp Verlags dokumentieren ein wichtiges Stück Verlagsgeschichte. Neben Autorenkorrespondenz, Pressearchiv und Schriftverkehr über Lizenzvereinbarungen beinhaltet die Sammlung des Verlags auch Manuskriptfassungen bedeutender Romane. Durch den Erwerb durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach werden die Schätze endlich der Wissenschaft zugänglich gemacht. In den Jahrzehnten haben sich jedoch enorme Papiermassen angesammelt, so dass es unmöglich ist, die Wichtigkeit aller Dokumente im Schnellverfahren zu beurteilen. Damit keine einzige wertvolle Handschrift übersehen wird, hat sich das Literaturarchiv entschlossen, zunächst alles nach Marbach überzusiedeln und dort eine sorgfältige Prüfung vorzunehmen.

Ein Umzug der Superlative

In den verwinkelten Kellern des Frankfurter Verlagsgebäudes lagern über 1.200 Leitz-Ordner. Noch vor dem Umzug des Verlags nach Berlin, so die Vereinbarung, holt das Literaturarchiv die Neuerwerbung zu sich nach Marbach. In der Kürze der Zeit ist es besonders wichtig, eine grobe Vorordnung durchzuführen. Denn wenn erst einmal alle Ordner eingepackt sind, wäre die ohnehin komplizierte Erschließung der Dokumente ohne Hinweise auf den Kartoninhalt eine kaum zu bewältigende Sisyphosarbeit. Vor Ort in Frankfurt wird deshalb jeder einzelne Ordner mit einer Markierung versehen, die seine Herkunft bezeichnet. Stammen die Unterlagen aus dem Wissenschaftslektorat oder aus der Presseabteilung? Handelt es sich um Rechnungen des Insel Verlags oder um Rechte- und Lizenzabsprachen? Mitarbeiter des Literaturarchivs müssen diese Fragen beantworten und eine bestimmte Signatur auf den Ordnerrücken schreiben. Viel Zeit für intensives Lesen bleibt dabei nicht, denn die Masse an Manuskripten erfordert eine zügige Vorgehensweise.

Verstaubte Manuskripte von Bertolt Brecht

In einem Winkel des Kellers stoßen die Mitarbeiter auf staubige Theatermanuskripte von Bertolt Brecht, Georg Bernhard Shaw und anderen bedeutenden Dramatikern. Unzählige Schreibmaschinenseiten mit Korrektureintragungen, Stücke in gekürzten, übersetzten, zweiten, dritten oder endgültigen Fassungen lagern in großen Postumschlägen: offensichtlich Dokumente aus der Abteilung Lektorat des Theaterverlags. Beeindruckende Ordnerbestände randvoll mit Rezensionen reihen sich einige Räume weiter; hier handelt es sich um das Pressearchiv des Suhrkamp Verlags. Gut geschützt im Tresorraum liegen die größten Schätze: Briefe und Manuskripte von Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal oder Max Frisch. Auch das Manuskript von Max Frischs „Stiller“ taucht auf. Eine Überraschung: Der legendäre erste Satz des Romans („Ich bin nicht Stiller.“) fehlt hier noch – offensichtlich wurde er erst recht spät dem Text hinzugefügt.

Security für den wertvollsten Umzug des Jahres

Wochenlang ist ein Umzugsunternehmen damit beschäftigt, die riesige Dokumentenmenge in Kartons zu verstauen und für den Transport bereitzuhalten. Sechs LKW-Fuhren sind nötig, die jeweils etwa 800 Kisten nach Marbach bringen. Ein Security-Unternehmen begleitet den Transport. Vor Ort, als die Dokumente in den Kellern des Literaturarchivs verschwinden, weichen sie keine Minute von ihrem Posten. Für das Marbacher Archiv ist das Eintreffen der Manuskripte ein bedeutender Moment: Die Sammlung des Archivs wird dadurch wesentlich bereichert. Eine so umfangreiche und wertvolle Erwerbung ist selbst für die renommierte Institution kein Alltagsgeschäft.

Die Erschließung der Manuskripte in Marbach

Bis jede einzelne Kiste an- und ausgepackt ist, werden voraussichtlich zwei Jahre ins Land ziehen. Die Feinordnung und Katalogisierung wird aber noch viele weitere Jahre in Anspruch nehmen. Für Wissenschaftler werden einzelne Teile aber schon früher zugänglich sein. Eine Prognose über den Zeitpunkt der Benutzung kann das Archiv aber erst im Frühjahr 2010 machen.

Jasmin Hambsch, Jasmin Hambsch

Jasmin Hambsch - Studium der Fächer Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Pädagogik. Promotion im Fach Literaturwissenschaft. ...

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