
- Sonnenuntergang über Wasser mit Segelschiff - CFalk / pixelio.de
Am 3. Juni 1780 verlässt der Ostindiensegler Grosvenor von der East India Company unter Captain John Coxon den Hafen von Portsmouth. Der vollbeladene Dreimaster soll über Rio de Janeiro nach Madras gehen. Die 40 Meter lange Grosvenor ist wie alle Schiffe der East Indiamen-Klasse aus englischer Eiche gebaut und mit 26 Kanonen bestückt. Seit ihrem Stapellauf im Oktober 1770 steht sie im Ostindien-Dienst. Die Grosvenor besitzt die Frachtkapazität eines Handelsschiffs und die Schnelligkeit und gute Manövrierbarkeit eines Kriegsschiffes.
Vollbeladen in die Katastrophe
Am 3. Juni 1782 lichtet die Grosvenor in Trincomalee, einem Hafen auf Ceylon, die Anker und segelt Richtung Heimat. Einschließlich ihrer Mannschaft hat sie 150 Passagiere an Bord, darunter auch Frauen und Kinder. Vollbeladen pflügt das Schiff sich durch die Wellen. Außer der offiziellen Fracht aus Seide und Gewürzen, deren Wert mit 300.000 Pfund Sterling beziffert wird (heute also etwa drei Millionen Pfund Sterling) hat die Grosvenor eine Ladung von Gold, Edelsteinen und Juwelen an Bord, was durchaus den Gepflogenheiten der Kapitäne von Ostindienseglern entsprach. Gerüchte besagen, dass sogar einer der kostbarsten Juwelen der Erde, der Pfauenthron des indischen Großmoguls, darunter gewesen sein soll. Er hätte heute einen Wert von etwa 35 Millionen Euro.
Am 2. August 1782 hatte die Grosvenor Madagaskar schon passiert, als sie 300 Meilen vor der nächsten Küste in einen Nebel und in schwere See gerät. Der Segler kommt vom Kurs ab und steuert geradewegs auf die südafrikanische Küste zu. Das Schiff läuft auf den äußeren Rand eines Riffs in 150 Meter Entfernung von der so genannten Wild Coast von Pondoland auf. Das Schiff bricht allmählich in zwei Teile auseinander, wobei ein Teil des Schiffes, auf dem sich die meisten Passagiere befinden, wie durch ein Wunder in Richtung Land getrieben wird. Am Abend sind 123 erschöpfte Menschen in Sicherheit gebracht; die See hat nur 15 Menschenleben verschlungen.
Der Marsch des Leidens beginnt
Wenige Tage darauf, kaum dass sich die Überlebenden von den Strapazen des Unglücks erholt haben, beschließt Captain Coxon den Aufbruch zur nächsten holländischen Siedlung, die angeblich nur 16 Tagesmärsche von der Bucht entfernt sein soll. Am 7. August, drei Tage nach der Katastrophe, zieht der Treck der Schiffbrüchigen los in Richtung Port Elizabeth. Man ist mit einigen Nahrungsmitteln, ein paar Gewehren, jedoch nur wenig Munition ausgerüstet und hofft auf die Hilfe der Eingeborenenstämme, deren Siedlungen auf dem Weg liegen. Nur zwei Mitglieder der Crew, der Matrose Joshua Glover und der ehemalige Soldat John Bryan, bleiben in der Bucht zurück.
Der Marsch wird für die Menschen zu einem Leidensweg ohne Ende. Wälder von nahezu undurchdringlichem Dickicht und unzählige Flussmündungen mit steil aufragenden Felsen versperren den Schiffbrüchigen den Weg, der immer beschwerlicher wird. Die Lebensmittelvorräte gehen schnell zu Ende und ständig wird der Treck von den angeblich so freundlich gesinnten Eingeborenen angegriffen und beraubt.
Die Gesellschaft teilt sich schließlich in mehrere Gruppen auf. Während die einen weiter an der Südostküste entlanggehen, wagen sich die anderen durch eine zerklüftete Wüstenlandschaft ins Landesinnere vor. Doch auch hier werden sie von Eingeborenen überfallen. Verseuchtes Trinkwasser und giftige Pflanzen lassen zudem viele von ihnen erkranken. Nach und nach dezimieren sich die Gruppen. Den Strapazen des am Ende 117 Tage langen Marsches ist kaum jemand gewachsen. Nur wenige erreichen lebend die nächste holländische Siedlung.
Die Millionenfracht der Grosvenor
Erst im Jahre 1880, knapp 100 Jahre nach dieser Tragödie, interessiert sich die Öffentlichkeit auch für den Schatz der Grosvenor. Eingeborene fanden immer mal wieder goldene Münzen in der Umgebung jener Stelle, wo der Segler einst strandete. Es handelt sich um einen Felsen etwa eine halbe Meile nördlich des Flusses Tezani, etwa 25 Meilen entfernt vom St.-Johns-River auf der Seite von Natal. Es ist Captain Sidney Turner, der erste erfolgreiche Tauchversuche unternimmt. Eine Expedition nach der anderen wird daraufhin in das Gebiet geschickt. Man birgt weitere Münzen sowie Schiffsutensilien und Kanonenkugeln. Der große Schatzfund bleibt jedoch aus.
Erfolglose Bergungsversuche
Im Jahre 1905 etwa wird das Grosvenor Recovery Syndicate zur Bergung des Schatzes gegründet. Mit einem Kran sollen 2.000 Tonnen Felsen in der Umgebung abgebaut werden, so dass das gesamte sandige Bett der Bucht abgesucht werden kann. Doch das Unternehmen scheitert.
Anfang des Jahres 1923 orten Mitarbeiter des Grosvenor Bullion Syndicate einen 40 Meter langen mit Sand bedeckten Schiffsrumpf in einer Felsrinne vor der Küste. Es gleicht von den Ausmaßen her der Grosvenor. Doch die raue See lässt eine Bergung vom Meer her nicht zu. So beginnt man, von der Küste aus einen 170 Meter langen Tunnel in Richtung des Wracks zu bohren, der zum Teil bis unter das Meer reicht. Auf der Wasseroberfläche ist die Position des Wracks mit Bojen markiert. Im September hat man zwei Drittel des Tunnels fertiggestellt, und nur noch 100 Fuß Felsen trennen die Männer von ihrem Ziel – da stürzt der Tunnel ein und wird hoffnungslos überflutet.
Wo liegt das Wrack der Grosvenor?
Zwischen 1939 und 1941 werden weitere Unternehmungen gestartet, die mit Hilfe eines Wellenbrechers beziehungsweise eines riesigen Krans das Wrack zu bergen versuchen. Sie scheitern jedoch daran, dass die Geldgeber infolge des Kriegsausbruchs in Europa ihr Kapital zurückziehen.
Im Oktober 1950 macht sich dann der Ingenieur Dr. Nico Bartman daran, das Wrack der Grosvenor zu heben. Er beabsichtigt, einen Hafen an der Stelle zu bauen, wo das Schatzschiff liegt. Doch zuvor begibt er sich mit ein paar Tauchern auf die Suche von See her. Zur Überraschung aller orten Sie ein der Grosvenor ähnliches Wrack 450 Yards weiter südwestlich von der bislang vermuteten Position. Doch eindeutig lässt sich dieses in zwei Teile gespaltene Wrack nicht mehr identifizieren. Es könnte sich auch um zwei verschiedene Wracks handeln. Schließlich wurden starke Strömungen und plötzlich auftretende Stürme mit riesigen Wellen vielen Schiffen an der Wild Coast von Transkei zum Verhängnis.
Ein strammer Wind weht in der Coffee Bay, der die Wellen an die Felskliffe donnern lässt, während sie sich in den Sandbuchten gemütlich ausrollen. Nicht weit draußen in der Bucht liegt der Schatz der Grosvenor unter dem Sandboden begraben. Doch bis auf ein paar Kanonenkugeln, drei Anker und einem Silberbarren wurde bis dato nichts mehr gefunden.
Quellen (unter anderem):
- Janusz Piekalkiewicz: Da liegt Gold, Stuttgart 1997.
