Auf welchen Ursprung lässt sich der Familienname Dölling zurückführen? Nach Ausweis der Tecklenburger Schatzungsunterlagen stammten die ersten Träger dieses Namens aus Lengerich, Bauerschaft Aldrup (Kreis Steinfurt). 1580 wird dort die Dollingsche mit einer Steuerabgabe von 18 ½ Schillingen aufgeführt. 1621 wird Merten Dollinck genannt, 1634 Marten Dollingh, 1643 nur Dollingk, ohne Rufnamen, 1673 Döllingk, 1755 Jürgen Döelling, 1831 Dolling. In Lienen ist der Name seit mindestens 1755 nachweisbar (Leesch, S. 40f., 116, 139, 182, 192, 194, 292).
Das ing-Suffix
Die Sammlung der Belege zeigt, dass der Name mit dem polysemen germanisch-deutschen Suffix -ing gebildet wurde. Dieses Suffix diente zur Benennung von Personal-, Familien- oder Siedler-Verbänden nach dem familiären oder rechtlichen Oberhaupt. Familie und Volk Karls des Großen wurden z.B. althochdeutsch als die Karlinga, die „Karlinge“ bezeichnet. Als Lotharinga wurden die Einwohner des Reiches Lothars I. (+ 855) und Lothars II. (+ 869) benannt (Derks, S. 55).
Das Suffix ist in Westfalen von Beginn der schriftlichen Überlieferung (Ende des 8. Jahrhunderts) bis in das späte Mittelalter hinein produktiv gewesen und wurde zur Bildung von Namen verwendet. So wurde im Münsterland im 14. und 15. Jahrhundert eine Vielzahl von Familiennamen mit -ing gebildet. Auch im Kirchspiel Lengerich werden noch 1494 Hassinckman (zum Rufnamen Hasse, Haseke; Hartig, S. 171) und Lodelinckman (zum Rufnamen Lodde; Hartig, S. 193) erwähnt. 1511 erscheint ferner ein Evert Arndinck (Leesch, S. 91; zum Rufnamen Arnd; Hartig, S. 137f.). Das Suffix konnte auch mit Appellativen kombiniert werden und somit namenbildend wirken (z.B. 1289 Haus Waterbeking bei Amelsbüren südlich von Münster; Derks, S. 55-61).
Worauf geht der Familienname zurück?
Es ist also zu entscheiden, ob dem Namen ein Appellativ (Wort) oder ein Rufname zuvor liegt. Unter den Appellativen käme das mittelniederdeutsche Wort dôle „Graben, Abzugsgraben, Kanal“ in Frage, das sich aus altsächsisch dôlia „Vertiefung, Gosse, Kanal“ entwickelt hat (Meineke, S. 131). Der Name Dölling hätte dann denjenigen bezeichnet, der in irgendeiner Beziehung zu einer Vertiefung oder einem Graben stand, z.B. dort wohnte. Doch geht die Mehrzahl der Namen, die mit -ing gebildet wurden, auf einen Rufnamen zurück. Deshalb ist allein aus Gründen der Wahrscheinlichkeit ein solcher auch im Familiennamen Dölling zu vermuten und der Ableitung von mittelniederdeutsch dôle vorzuziehen.
Welcher Rufname kommt in Frage?
Doch welcher Rufname liegt dem Familienname Dölling zuvor? Hilfe bei der Beantwortung dieser Frage vermag der Siedlungsname Döllinghausen bei Merzen in der Nähe von Bramsche zu geben. Dessen älteste Belege lauten: 1158 Dudelinchusen, 1280 Dodelinghusen bzw. Dolinghusen, nach 1321 Dodelinkhusen, 1350 Dodelinchusen, 1512 Dolinckhusen, 1599 Dollinckhusen, 1628/29 Dollingkhausen, 1667 Döllinchausen, 1718 Döllinghaußen und schließlich 1772 Döllinghausen. Zu diesem Siedlungsnamen ist auch der Hofname Döllmann zu stellen (Belege nach Wrede I, S. 123f.). Dieser Siedlungsname ist mit dem Grundwort altsächsisch -hûsun, mittelniederdeutsch -hûsen „bei den Häusern“, Dativ Plural zu altsächsisch und mittelniederdeutsch hûs „Haus“, gebildet worden (Derks, S. 55). Die ältesten Belege zeigen, dass im Bestimmungswort der Rufname Dôdilo steckt, der mit dem Suffix -ing zusammengesetzt wurde. Somit ergibt sich als Bedeutung des Ortsnamens Döllinghausen „Siedlung / bei den Häusern [-husen] der Leute [-ing] des Dôdilo“. Ein Dodilo kommt z.B. um 1020 in Magdeburg und 1121/40 in Minden vor (Schlaug, S. 189).
Ähnliche lautliche Entwicklung
Wenn man also eine ähnliche lautliche Entwicklung von Döllinghausen und Dölling annimmt, dürfte auch dem Familiennamen Dölling der Rufname Dodilo zuvor liegen. Das ö in Dölling und Döllinghausen, das in der schriftlichen Überlieferung zwar erst spät graphisch gekennzeichnet wird, aber bereits für die Formen des 16. Jahrhunderts lautlich anzusetzen ist, erklärt sich ebenfalls durch das Suffix -ing, weil ein i in der Nebensilbe die Angleichung des Vokals der Stammsilbe bewirkt (vgl. Erde : irdisch; recht : richtig; Kraft : kräftig; Macht : mächtig; Haus : häuslich; Not : nötigen). Das umlautende Element kann dabei zu e abgeschwächt worden oder ganz weggefallen sein und ist dann nur noch an seiner Wirkung festzustellen (alt : älter; Hand : Hände [alt: hendi]; Derks, S. 181). In den beiden hier betrachteten Namen hat sich das umlautbewirkende i des Suffixes –ing erhalten. Die mit dem Namen Dölling benannte Person war also der Nachkomme [-ing] eines Dôdilo.
^ bezeichnet einen langen Vokal.
Quellen und Literatur
- Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2010.
- Hartig, Joachim, Die münsterländischen Rufnamen im späten Mittelalter, Köln u.a. 1967.
- Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.
- Meineke, Birgit, Die Ortsnamen des Kreises Lippe, Bielefeld 2010.
- Schlaug, Wilhelm, Studien zu den altsächsischen Personennamen des 11. und 12. Jahrhunderts, Lund 1955.
- Wrede, Günther, Geschichtliches Ortsverzeichnis des ehemaligen Fürstbistums Osnabrück, 3 Bde., Hildesheim 1975-1980.
