Welchen Ursprung hat der Ladberger Familienname Ferlemann? Er gehört zu den zahlreich vorkommenden Familiennamen, die mit dem Grundwort -mann gebildet wurden, z.B. in Ladbergen Eschmann, Fleddermann, Kattmann, Lagemann, Vennemann, Sundermann etc. Die Liste ließe sich unschwer fortsetzen. Bei der Durchsicht der mit -mann gebildeten Namen fällt auf, dass bei einer Vielzahl von ihnen das Grundwort an eine Flurbezeichnung angehängt wurde (z.B. Esch-mann, zu mittelniederdeutsch esch = offenes (Saat-)Land; Schiller/Lübben I, S. 745 – Eschmann ist derjenige, der am Esch wohnt). Wie verhält es sich nun aber mit Ferlemann?
Die ältesten Belege
Die älteren Belege des Namens geben wenig Auskunft, da der Name seit 1494 in fast unveränderter Form erscheint: 1494, 1511, 1580, 1621, 1634 Verleman, 1643, 1673 Verlman, 1755 Verleman, 1774 Verelman, 1833 Ferlemann (Leesch, S. 26, 27, 88, 106, 136, 167, 228, 285). Doch bergen die älteren Tecklenburger Schatzungsregister dennoch die Lösung des Problems, denn 1580 erscheint neben Verleman noch ein Johan achterm Verl, der 1621 Johan achter dem Verlo und 1634 Johan achter dem Verle genannt wird (Leesch, S. 28, 30, 31). Der Beleg von 1621 zeigt deutlich, dass auch dem Namen Ferlemann ein alter Flurname zugrunde liegt: Verlo. Doch was genau benannte dieser Flurname?
Was ist ein Verlo?
Es handelt sich um ein Kompositum, eine Zusammensetzung (wie Haus-Tür) mit dem Grundwort mittelniederdeutsch -lô(h) „Busch, Baumbestand in Niederwaldwirtschaft, Nutzwald“. Doch um welche Art Busch oder Nutzwald handelte es sich? Was verbirgt sich hinter dem Bestimmungswort ver? Es ist es an mittelniederdeutsch vêr, einer Nebenform zu far, varre, ferre „Stier, Bulle“ anzuschließen (Schiller/Lübben V, S. 207, 236, Dittmaier, S. 43). Diese Nebenform ist im aktiven mittelniederdeutschen Sprachgebrauch belegt, z.B. im Sprichwort: „Me dryft enen ver tho Mompeler, kumpt her wedder, he blyft en steer“ – „Man treibe einen Stier (ver) nach Montpellier, kehrt er auch zurück, er bleibt ein Stier (steer)“ (Schiller/Lübben V, S. 236). Somit handelt es sich bei einem als Verlo bezeichneten Gehölz um einen „Stier- oder Bullenbusch“. Durch die sogenannte End- bzw. Nebensilbenabschwächung wurde aus dem (silben-)auslautenden Vokal o ein e, so dass sich aus Verlo die Form Verle ergab, die bis heute im Familiennamen Ferlemann erhalten ist. Die als Ferlemann bezeichnete Person lebte also auf einem bäuerlichen Anwesen, das in der Nähe eines Verlos, eines Bullen- oder Stierbuschs, lag. Das Bestimmungswort des Flurnamens (ver) ist auch in der Lengericher Flurbezeichnung Verwisscke "Bullen- oder Stierwiese" enthalten, die 1537 belegt ist (Tecklenburger Geldpachtregister: Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Sammlung FOT 586).
Rinderhaltung in der Vergangenheit
Für die vormoderne Landwirtschaft war die Viehweide im Wald von existenzieller Wichtigkeit. Da es noch keine künstlichen Düngemittel gab, war der Ertrag der Getreideernte recht bescheiden. Deshalb setzten die vormodernen Bauern auf eine viehbetonte Wirtschaftsweise. Allerdings fehlte es an ausreichend Weideflächen zur Gras- und Heuproduktion, da der Wiesenbau bis ins 19. Jahrhundert hinein nur schwach ausgeprägt war (Herzog, S. 141-143). Dadurch besaßen die meisten Bauern einen im Verhältnis zur möglichen Futterproduktion viel zu hohen Viehbestand. Das Problem des knappen Viehfutters wurde durch die sogenannte "Laubweide" gelöst. Das Rindvieh wurde in den Buschwald getrieben, wo es Blätter und junge Triebe der niedrigen Bäume und Büsche als Nahrung vorfand (Trier, Holz, S. 19f.). Die Laubweide zu Fütterungszwecken ist auch in der mittelhochdeutschen Dichtung „Meier Helmbrecht“ Wernhers des Gärtners (um 1250) belegt. Dort geht die Mutter der Gotelind am Abend spät „suochen kelber in dem lohe“ – Kälber suchen im Busch – die man zuvor zum Äsen des Laubes in den Loh eingetrieben hatte (Vers 1391; Derks, Sprockhövel, S. 81, Anm. 636). Im ersten und zweiten Weltkrieg erinnerte man sich dieses Futtermittels und ließ die Schulkinder Laub pflücken und sammeln, das getrocknet als „Laubheu“ zur Fütterung des Viehs und der Militärpferde diente (Trier, Venus, S. 1). Der Flurname Verlo legt also nahe, dass dieser Busch vorwiegend zur Laubweide für einen oder mehrere Bullen benutzt wurde. Diese separate Haltung getrennt vom übrigen Rindvieh dürfte dem unberechenbaren Temperament der Stiere geschuldet gewesen sein und mag der Geburtenkontrolle in der Herde gedient haben.
Eine weitere mögliche Deutung
Sollte man allerdings von einer ursprünglichen Form *Ver(e)nlo(h) für Verlo auszugehen haben, wie sie anhand der frühen Belege des Hofes Schulte Verloh in Ostbevern (im Norden der Bauerschaft Schirl, 4 km östlich von Ostbevern, südlich des Flurstücks Stoltebeensvenn, heute [2011] Pohlmann) nachzuweisen ist (1294 de domo Werrelo, 1339 schultete van den Verenlo, um 1378 curtem to Vernlo in parrochia Ostbevern, 1498 schulte Verloe; Korsmeier, S. 399), so ist im Bestimmungswort des Namens wohl eher altsächsisch fer, mittelniederdeutsch vêre "weit, fern, entfernt" anzusetzen, wodurch sich die Deutung von *Ver(e)nlo(h) > Verlo - "entfernter bzw. weit ausgedehnter (Nieder-)Wald" ergibt (Korsmeier, S. 399).
* bezeichnet eine nicht belegte, sondern erschlossene Form.
Quellen und Literatur
- Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Sammlung FOT 586.
- Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel, Bochum 2010.
- Dittmaier, Heinrich, Die (H)lar-Namen. Sichtung und Deutung, Köln u.a. 1963.
- Herzog, Friedrich, Das Osnabrücker Land im 18. und 19. Jahrhundert. Eine kulturgeographische Untersuchung, Oldenburg 1938.
- Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011.
- Leesch, Wolfgang (Bearb.), Schatzungs- und sonstige Höferegister der Grafschaft Tecklenburg 1494 bis 1831, Münster 1974.
- Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
- Trier, Jost, Holz, Etymologien aus dem Niederwald, Münster u. Köln 1952.
- Trier, Jost, Venus. Etymologien um das Futterlaub, Köln u.a. 1963.
