Der Ursprung des Familiennamens Heesters

Jeder von uns hat einen - und doch wissen wir nur selten, was er bedeutet: der Familienname. Dabei kann er oft spannende Einblicke in die Geschichte vermitt

Am 5. Dezember 2011 ist er 108 Jahre alt geworden: Johannes Heesters. Der 1903 im niederländischen Amersfoort geborene und derzeit älteste aktive Schauspieler und Sänger der Welt heißt eigentlich mit vollem Namen Johan Marius Nicolaas Heesters. Doch welchen Ursprung hat der Familienname der Bühnenlegende: Heesters?

Für einen Sprecher des Niederländischen ist der Name recht durchsichtig. Er ist an das niederländische Wort heester „Strauch, Staude“ anzuschließen. Dem Namen Heesters dürfte die Dativ-Plural-Form besagten Wortes zuvor liegen, das ursprünglich diejenige Person benannt hat, die „bei den Sträuchern“ wohnte. Heesters ist somit eine Benennung nach der Wohnstätte. Ein Vorfahr des beliebten Schauspielers lebte also an einer Örtlichkeit, die von der namengebenden lokalen Gemeinschaft durch das Vorhandensein von Sträuchern, Büschen etc. charakterisiert wurde.

Etymologie von mittelniederdeutsch heester

Doch auch das Wort heester selbst hat aus etymologischer Perspektive eine interessante Geschichte zu erzählen. Auch im Deutschen ist das Wort anzutreffen. Es wird allerdings für die Hochsprache zum peripheren Wortschatz oder zur Fachsprache gerechnet. Deutsch Heister bedeutet „junge Buche, junger Laubbaum aus einer Baumschule“ (Kluge, S. 404). Der Begriff scheint aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche gelangt zu sein, denn im Niederdeutschen hatte das Wort eine größere Bedeutungsbreite und war nicht unbedingt auf die junge Buche beschränkt. Mittelniederdeutsch hêster bedeutet generell „junger Baum“ (Derks, S. 26f.). In einigen Dialekten tritt auch die Form heister auf (vgl. z.B. den im Familien- und zahlreichen Straßennamen konservierten Flurnamen Heisterkamp). So heißt es z.B. 1704 in einer Anordnung für die Grafschaft Mark, dass wenn jemand Bauholz geschlagen hat, „müste derselbe als dan bei jedem stamm vier junge heistern zusetzen, mit dörnern oder sonsten zu umbinden und bis ins dritte jahr [...] laube hinzu liefern [als Dünger] und vorm schaden des viehes zu bewahren schuldig sein.“ (Schütte, S. 304). Durch diese Vorschrift sollte der Holzbestand gesichert und der Raubbau am Gehölz verhindert werden.

Wortbildung

Das mittelniederdeutsche Wort hêster (morphologisch zu trennen in hês-ter) ist mit einer germanischen Baumbezeichnung suffigiert (abgeleitet) worden, die wir noch im altsächsischen Wort treo „hölzerner Balken“ fassen können (Derks, S. 27). Auch in den heutigen Pflanzennamen Flie-der, Holun-der, Wachol-der u.a. begegnet dieses Baumwort (Kluge, S. 404, 419). Im ersten Teil steckt hês, entstanden aus germanisch *hais. Im Altsächsischen, der dem Mittelniederdeutschen vorangehenden Sprachstufe, ist *hês zufällig nicht belegt; ebenso fehlt ein Beleg für ein zu erwartendes althochdeutsches *heis. Erst Mitte des 13. Jahrhunderts werden hesepenninge – wohl eine Waldnutzungsabgabe – erwähnt, in denen hês enthalten ist. Doch macht es trotzdem keine Schwierigkeiten, dieses Wort zu erklären. (Derks, S. 26).

Das aufgrund des langen Vokals ê bzw. des Diphthongs ei (möglicherweise ist das i urspünglich auch als Längenkennzeichnung des vorangehenden Vokals e anzusehen; Derks, S. 26) zu erschließende germanische Wort *hais ist etymologisch eng verwandt mit lateinisch caesus, dem Partizip Präteritum zu caedere „fällen“, also „gefällt“. Beide Wörter sind auf die indogermanische Grundlage *kaid-to „das Gehauene, das Geschnittene“ zurückzuführen. Das Wort entstammt also ursprünglich dem Vokabular des semantischen Feldes der Holzgewinnung, der Niederwaldwirtschaft (Much, S. 41; Trier, S. 95-106).

Niederwald

Unter „Niederwaldwirtschaft“ versteht man eine Waldwirtschaftsform, bei der die Laubholzbestände alle paar Jahre dicht am Boden kahl geschlagen werden; der neue Bestand entsteht dann durch Stockausschlag. Das so gewonnene Holz diente als Brennholz, zur Herstellung von Geräten und Werkzeugen sowie zur Fertigung von Körben, Zäunen, Wänden (vgl. die Etymologie des Wortes Wand, das zu „winden“ von Weidenruten als Vorgang der Wandherstellung zu stellen ist), aber auch der Gewinnung von Gerbstoffen zur Lederbearbeitung aus der gerbsäurehaltigen Rinde durch das Schälen der Laubbäume. Niederwaldfähige Bäume, also solche, die zum Stockausschlag fähig sind, sind die Eiche, Esche, Buche, Birke, Hasel, Eibe, Erle, Linde, Nuss, Ulme, Weide und die Espe (Trier, S. 118).

Somit erinnert der Familienname Heesters uns noch heute an eine sehr alte und sehr lange angewandte historische Waldwirtschaftsform.

Zeichen

* vor einer Wortform bezeichnet eine schriftlich nicht belegte, aber notwendig erschlossene Form.

^ über einem Vokal bezeichnet dessen Länge.

Quellen und Literatur

  • Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Essen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Essen 1985.
  • Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. Elmar Seebold, 24. durchges. u. erw. Aufl., Berlin u.a. 2002.
  • Much, Rudolf, Silva Caesia, in: Zeitschrift für Mundartforschung 11 (1935), S. 39-48.
  • Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007.
  • Trier, Jost, Holz. Etymologien aus dem Niederwald, Münster u. Köln 1952.

Christof Spannhoff - Spannhoff, Christof – Studium der Fächer Geschichte und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität ...

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