Das „Tecklenburger Land“ ist eine Region im Norden von Nordrhein-Westfalen. Seine Benennung rührt von den in diesem Gebiet einst herrschenden Grafen von Tecklenburg her, die wiederum ihren Namen von ihrem Wohnsitz erhalten haben: der Tecklenburg. Durch den Ausbau ihres Herrschaftsbereiches übertrugen die Tecklenburger Grafen den ursprünglichen Burgennamen auch auf das von ihnen beherrschte Gebiet – die Grafschaft Tecklenburg. An den Namen dieses historischen Territoriums anknüpfend wurde 1816 der Kreis Tecklenburg gegründet, der bis 1975 bestand und dann mit dem Altkreis Steinfurt und einem Teil des Kreises Münster zum neuen „Kreis Steinfurt“ verwaltungsmäßig zusammengefasst wurde.
Wie hieß das Tecklenburger Land vor dem Auftreten der Grafen von Tecklenburg?
Doch wie hieß diese Region bevor die Tecklenburg und die nach ihr benannten Grafen um 1100 in das Licht der Geschichte traten? Einem glücklichen Überlieferungszufall ist es zu verdanken, dass sich bis heute drei schriftliche Nachrichten erhalten haben, die es ermöglichen, hierüber eine Aussage zu machen. Im Jahr 859 übertrug Ludwig der Deutsche dem Kloster Herford Besitzungen im Landstrich (lateinisch pagus) Threcwiti (OUB I, Nr. 39; die RHW I, CD, Nr. 24 bieten die Form Threcuuiti). Diese Region wird bereits in der Beschreibung der Überführung der Gebeine des Heiligen Alexander nach Wildeshausen im Jahr 851 als Tregwiti genannt (OUB I, Nr. 33). Damals soll ein Mann aus dieser Region (de pago Tregwiti), der vor langer Zeit durch ungerechte Richter geblendet worden war, beim Durchzug der Gebeine des Heiligen nach Osnabrück gekommen und dort geheilt worden sein. Aus dieser Angabe geht hervor, dass die Landschaft Threcwiti in der Nähe von Osnabrück zu suchen ist. Einen festen Ortspunkt in diesem frühmittelalterlichen Bezirk bieten die „Corveyer Traditionen“, die zwischen 836 und 891 entstanden sind. Dort heißt es: „in Hrecwiti in villa nuncupata Osidi“ – in Hrecwiti in der Siedlung genannt Oesede (OUB I, Nr. 22). Neben dem Ort Oesede südlich von Osnabrück, der also eindeutig dieser Region zugeordnet werden kann, lässt sich die Ausdehnung des Gebietes aber auch durch die königliche Besitzschenkung an das Kloster Herford eingrenzen. Nach seinem ältesten Heberegister aus dem 12. Jahrhundert besaß das Kloster im Gebiet um Osnabrück nur Besitzungen in den heutigen Gemeinden Bad Iburg, Bad Laer, Hagen a.T.W., Ibbenbüren, Ladbergen, Lengerich, Lienen, Rheine und Tecklenburg (Darpe, S. 21-51; Lokalisierungen nach Darpes Register [ebd., S. 369-473]). Die Besitzungen in Bad Iburg und Bad Laer waren durch Schenkung Ludwigs des Deutschen bereits 851 dem Kloster Herford übereignet worden und sollen nach Ausweis der Urkunde in einer anderen Landschaft namens Sutherbergi – südlich des Berges – gelegen haben (OUB I, Nr. 35). Sie bleiben also für die hier verfolgte Verortung fern. Somit dürfte die historische Landschaft Threcwiti um Oesede, Lengerich und Ibbenbüren zu suchen sein: dem heutigen „Tecklenburger Land“.
Was bedeutet der Name Threcwiti?
Doch was verbirgt sich hinter dem Landschaftsnamen Threcwiti? Aus den überlieferten Belegen ist eine altsächsische Form *Threkwidi zu erschließen (Derks, S. 200). Es handelt sich demnach um eine Zusammensetzung (Kompositum) mit dem Grundwort altsächsisch *widu „Wald, Gehölz, Holz“. Das Wort ist für das Altsächsische nicht direkt bezeugt, kann aber durch althochdeutsch witu „Scheitholz, Wald“, altenglisch widu, wudu „Wald“ und mittelniederdeutsch wede, wedeholt „Holz aus dem Niederwald“ erschlossen werden (Derks, S. 208-213. Derks, S. 201, weist allerdings auf das Problem des inlautenden -t- in allen Belegen des Namens [Threcwiti, Tregwiti, Hrecwiti] hin, während für „Wald“ ein altsächsisches *widu, *widi zu erwarten wäre. Möglicherweise ist hier von hochdeutschem Einfluss auszugehen?). Das Bestimmungswort ist bereits von den Altertumsforschern Franz Jostes und Wilhelm Effmann im Jahr 1888 (S. 53) gedeutet worden. Auch die Germanisten und Namenforscher Hermann Jellinghaus (1910, S. 135f.), Peter von Polenz (1961, S. 171, mit Fragezeichen) und Paul Derks (2004, S. 200f.) kamen zu einem ähnlichen Ergebnis wie Jostes und Effmann. Das Bestimmungswort ist an altsächsisch thraka, threki „Kraft, Kampf, Gedränge“ anzuschließen. Daraus ergibt sich eine Deutung von *Thekwidi als „Kampfwald“ (mit sämtlichen Nachweisen: Derks, S. 200f.). Eine semantische Entsprechung könnte der Name in Haduloha, einem mittelalterlichen Bezirk bei Cuxhaven, haben (zu altsächsisch *hathu, *hadu „Kampf“ und altsächsisch *lo[h] „Wald, Niederwald“; vgl. Polenz, S. 171. Weitere Deutungsmöglichkeiten bei Udolph).
Kampf- oder Schreckenswald?
Paul Derks erwägt auch, das mittelniederdeutsche Wort traken „sich erschrecken, scheuen“ zu altsächsisch thraka, threki „Kraft, Kampf, Gedränge“ in semantische Beziehung zu setzen, so dass sich für *Threkwidi auch eine Interpretation als „furchterregender Wald“ ergeben könnte. Für den römischen Schriftstellers Tacitus (+ 120 n. Chr.) war Germanien zwar generell mit schauderhaft-schrecklichen Wäldern oder mit abscheulichen Sümpfen bedeckt („Terra, etsi aliquanto specie differt, in universum tamen aut silvis horrida aut paludibus foeda“, Tacitus, Germania, 5,1), doch passen die Anlaute beider Wörter nicht zusammen. Während sich in thraka, threki der altsächsische Zahnreibelaut th (aus germanisch Þ) findet, dürfte in traken der vom Germanischen bis zum Mittelniederdeutschen durchhaltende Verschlusslaut t anzutreffen sein. Der altsächsische Zahnreibelaut th geht aber bis zum Mittelniederdeutschen schrittweise in den Verschlusslaut d über (altsächsisch thorp, bath > mittelniederdeutsch dorp, bad; Derks, S. 11). Germanisch t blieb aber auch im Mittelniederdeutschen t. Deshalb müsste das t in traken auch bereits im Altsächsischen ein t gewesen sein. Somit dürften altsächsisch thraka, threki „Kraft, Kampf, Gedränge“ und Mittelniederdeutsch traken „sich erschrecken, scheuen“ nicht zusammen gehören (obwohl es auch Fälle gibt, in denen sich th zu t und d entwickelt hat. Vgl. thorp > dorp/drup oder torp/trup in Siedlungsnamen).
Wegen dieses lautgeschichtlichen Einwands ist wohl einer Deutung des Namens Threcwiti als „Kampfwald“ der Vorzug zu geben.
* vor einem Wortansatz bezeichnet eine schriftlich nicht bezeugte, aber notwendig zu erschließende Wortform.
Quellen und Literatur
- Darpe, Franz, Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, Münster 1892.
- OUB I = Philippi, Friedrich u.a., (Bearb.), Osnabrücker Urkundenbuch, 7 Bde., Osnabrück 1892-1996, Bd. I: Die Urkunden der Jahre 772 - 1200, Osnabrück 1892.
- RHW I, CD = Erhard, Heinrich August (Bearb.), Regesta historiae Westfaliae, Bd. 1, Codex diplomaticus, Münster 1847.
- Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Lüdenscheid. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Lüdenscheid 2004.
- Jostes, Franz; Effmann, Wilhelm, Vorchristliche Altertümer im Gaue Süderberge (Iburg), in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde Westfalens 46 (1888), I. Abt., S. 45-95.
- Jellinghaus, Hermann, Der Name Osnabrück, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 35 (1910), S. 127-139.
- Polenz, Peter von, Landschafts- und Bezirksnamen im frühmittelalterlichen Deutschland. Untersuchungen zur sprachlichen Raumerschließung, Bd. 1: Namentypen und Grundwortschatz, Marburg 1961.
- Udolph, Jürgen, Haduloha. Namenkundliches, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 13 (1999), S. 271-274.
