Der Ursprung des Ortsnamens "Lengerich"

Ortsnamen sind wichtige Quellen für die Kultur- und Mentalitätsgeschichte.

Ortsnamen sind spannende Geschichtsquellen, denn sie geben einen interessanten Einblick in die Zeit ihrer Entstehung. Welchen Ursprung aber hat der Name „Lengerich“ und was kann er über die Epoche, in der er gebildet wurde, erzählen?

Die ältesten Belege

Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, auf die ältesten Belege zu schauen: 1147 Liggerike (OUB I, Nr. 276a), 1149 Lengerike (OUB I, Nr. 278), 1170 Leggerike (OUB I, Nr. 325), 2. Hälfte 12. Jahrhundert Lenkerike (Darpe, S. 39), ca. 1200 Lencrike (Darpe, S. 54), 1219, 1272, 1284, 1296 Lengerike (WUB IV, Nr. 81; OUB III, Nr. 469; OUB IV, Nr. 133, Nr. 464), 1256 Lengereke (OUB III, Nr. 155), 1279, 1283 Lengerke (OUB III, Nr. 664; OUB IV, Nr. 83, Nr. 92), 1280, 1293 Lengherike (OUB III, Nr. 685; OUB IV, S. 368).

Erklärungsbedürftig scheinen die älteste Form Liggerike und der Beleg von 1170 Leggerike zu sein, da sie auf den ersten Blick nicht zu den übrigen Belegen passen wollen. Sie stellen aber lediglich Schreibvarianten dar, die im Altsächsischen und Mittelniederdeutschen häufig anzutreffen sind: 1) ng erscheint vielfach als gg (siehe Gallée, § 216; Lasch, § 344 mit weiteren Beispielen). 2) Der Vokal -i- in der Form Ligge- ist zudem dadurch zu erklären, dass alle e-Laute, die aus umgelautetem -a- entstanden sind, auch als -i- erscheinen können: mittelniederdeutsch beke und bike (aus germanisch *baki,*bakja), mittelniederdeutsch stede und stide (aus germanisch *stadiz). Liggerike und Leggerike sind somit keine Verschreibungen, sondern Schreibvarianten zu Lengerike (Gallée, § 54; Lasch, §§ 138, 139, 140. Für die Hinweise danke ich Herrn Prof. Dr. Paul Derks, Essen, sehr herzlich).

Der Ortsname Lengerich ist den überlieferten Formen nach eine Zusammensetzung mit dem Grundwort -reke / -rike und dem Bestimmungswort altsächsisch lang, mittelniederdeutsch lanc in der Bedeutung „lang“ (Schiller/Lübben II, S. 665), das sowohl unflektiert (ca. 1200 Lencrike) als auch wesentlich häufiger flektiert (1149 Lengerike) an das Grundwort herantritt. Der Stammvokal des Wortes lang -a- wurde durch das -i- des Grundwortes -rike zu -e- umgelautet, weil ein -i- in der Nebensilbe die Angleichung des Vokals der Stammsilbe bewirkt (vgl. Erde : irdisch; recht : richtig; Karft : kräftig; Macht : mächtig; Haus : häuslich; Not : nötigen). Das umlautende Element kann dabei zu e abgeschwächt worden oder ganz weggefallen sein und ist dann nur noch an seiner Wirkung festzustellen (alt : älter; Hand : Hände [alt: hendi]). Diese Entwicklung ist auch in den historischen Belegen des Namens Lengerich nachzuweisen: 1149 Lengerike > 1256 Lengereke. Somit ist von einer ursprünglichen Grundform *Langerike auszugehen.

Das Grundwort -rike / -reke

Das Grundwort -rike / -reke lässt sich zweifellos an altsächsisch *reka, mittelniederdeutsch rek, reke, rike „Latte, Stange, Gestell, Zaun, Flechtwerk“ anschließen. Auch der Ortsname Recke bei Hopsten (1189 Rike, 1220 Reke) gehört hierher. Im heutigen Sprachgebrauch findet man das Wort noch in der Bezeichnung Reck, einem Turngerät aus zwei Pfosten und einer Querstange (Derks, Herreke, S. 209f.). Bereits im 13. Jahrhundert ist der Ausfall des Stammvokals im Grundwort des Namens nachweisbar (1283 Lengerke), der auch für die heutige Mundartform Lengerke charakteristisch ist. In den Schreibformen konnte sich dieser Ausfall jedoch nicht durchsetzen. Die Entwicklung des k-Lautes im Grundwort von -rike / -reke zum heutigen Namenbestandteil -rich ist durch eine Palatalisierung in unbetonter Stellung, d.h. durch eine Verlagerung der Artikulationsstelle des Lauts zum harten Gaumen (Palatum) hin, zu erklären (Korsmeier, S. 249).

Der Ortsname Lengerich bezeichnete also ursprünglich einen von einem lebenden oder toten Zaun gehegten Wohnplatz, im Streusiedlungsgebiet also einen einzelnen Hof, der sich durch die Länge seiner Umfriedung von den übrigen Wohnplätzen/Höfen, die ebenfalls umzäunt waren, unterschied. Die Einfriedung von Höfen zum Schutz vor Wildtieren und als Rechtsgrenze wird bereits in den germanischen Stammesrechten erwähnt (z.B. die von Karl dem Großen erlassene „Lex Saxonum“). Dass Lengerich ursprünglich die Bezeichnung eines Hofes war, lässt sich auch durch den Hofnamen Lengerich (um 1050 Lingeriki; Friedlaender, S. 50) bei Münster-Handorf sichern. Diese Hofname ist eine genaue Entsprechung des Ortsnamens Lengerich (Korsmeier, S. 248f.).

Lebende oder tote Zäune (z.B. Hecken) finden sich in vielen Ortsnamengrundwörtern: -wik, -word, -ham, -dorf/dorp, -(h)lar, -hurth etc. (Derks, Herreke, S. 210). Das eigentliche Wort für den Zaun ging dann auf das umfriedete Gebiet bzw. die Siedlung über (Metonymie). Bekanntestes Beispiel ist das Wort Zaun selbst. Während im Deutschen sich das aus germanisch *tuna "Zaun" entwickelnde Wort Zaun auch heute noch die Einfriedung bezeichnet, erweiterte sich im Englischen die Bedeutung zu town „eingehegter Platz“ und schließlich zur heutigen Bedeutung „Stadt“.

Welcher Hof war namengebend?

Doch kann man noch ausmachen, um welchen Hof es sich handelte? Wie auch der Name Lienen ist der Name Lengerich ursprünglich im benachbarten Aldrup – dem alten Dorf/der alten Siedlung – entstanden und erst später auf das Kirchdorf und das ganze Kirchspiel übergegangen. Das zeigen noch eindeutig die Abgaberegister des Klosters Herford: So heißt der Hofverband (Villikation) im ältesten Abgabenregister aus der 2. Hälfte des 12 Jahrhunderts noch Lenkerike (Darpe, S. 39), in der Heberolle aus dem 13. Jahrhundert aber bereits Oldenthorpe (Darpe, S. 81) und 1333 Oldendorpe (Darpe, S. 123). Auch im Bericht über die Rundreise der Herforder Äbtissin aus dem Jahr 1290 heißt er Oldendorpe (OUB IV, Nr. 297). Die Namenänderung von Lengerich zu Aldrup könnte sich hier also – wenn auch zeitlich versetzt, da kirchliches Verwaltungsschriftgut oftmals ältere Zustände länger beibehalten hat – widerspiegeln. Bei dem umfriedeten Hof, der Lengerich den Namen gab, könnte es sich daher um den Oberhof des Herforder Hofverbandes in Lengerich gehandelt haben.

Eine andere Motivierung des Namens könnte die Benennung nach den langstreifigen Ackerparzellen der Eschfluren gewesen sein (Schütte, S. 215; Korsmeier, S. 249). Auf alle Fälle ist der Name Lengerich als "lange Einfriedung" einer Siedlung selbst bzw. "Siedlung bei einer langen Einfriedung" zu erklären.

Quellen und Literatur

  • Darpe, Franz (Bearb.), Einkünfte- und Lehns-Register der Fürstabtei Herford sowie Heberollen des Stifts auf dem Berge bei Herford, Münster 1892.
  • Derks, Paul, „Cenobium Herreke“ und die „Hertha-Eiche“. Eine Nachlese zum Herdecker Stadtjubiläum, in: Der Märker. Landeskundliche Zeitschrift für den Bereich der ehem. Grafschaft Mark und den Märkischen Kreis 41 (1992), S. 207-223.
  • Friedlaender, Ernst (Hrsg.), Die Heberegister des Klosters Freckenhorst nebst Stiftungsurkunde, Pfründeordnung und Hofrecht, Münster 1872.
  • Gallée, Johan Hendrik, Altsächsische Grammatik, 3. Aufl.: mit Berichtigungen u. Literatur-Nachträgen v. Heinrich Tiefenbach, Tübingen 1993.
  • Korsmeier, Claudia Maria, Die Ortsnamen der Stadt Münster und des Kreises Warendorf, Bielefeld 2011.
  • Lasch, Agathe, Mittelniederdeutsche Grammatik, 2., unveränd. Aufl., Tübingen 1974.
  • OUB = Osnabrücker Urkundenbuch, hrsg. v. Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, 7 Bde., Osnabrück 1892-1996.
  • Schiller, Karl u. Lübben, August, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, 6 Bde., Bremen 1875-1881.
  • Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800, Münster 2007.
  • WUB = Westfälisches Urkundenbuch. Fortsetzung von Erhards „Regesta historiae Westfaliae“, hrsg. von d. Vereine für Geschichte u. Altertumskunde Westfalens, 11 Bde., Münster 1847-2005.

Christof Spannhoff - Spannhoff, Christof – Studium der Fächer Geschichte und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität ...

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