Neben Begierde und Hass steht die Verblendung ganz vorne bei den Gründen für Dukkha (Leid). Bewertungen und Urteile können laut Buddha nichts anderes zur Folge haben als Leid. Ausgehend von der Annahme, dass jede Person aufgrund bestimmter Erfahrungen und Prägungen sich bis zu dem Punkt entwickelt hat, an welchem sie jetzt steht, bringt sie dementsprechend auch eine bestimmte Sicht auf die Welt mit sich. Jegliche Person hat die Tendenz Situationen, Erlebnisse, Emotionen oder auch andere Menschen zu bewerten. In der buddhistischen Betrachtung geht es weniger darum, die Bewertung einzustellen, als sich nicht darauf zu beziehen.

Das Selbst und das Nicht-Selbst im Kontext des Urteilens

Durch Erfahrungen, die mehr oder weniger angenehm waren, gibt es für jegliche Person wünschenswerte und weniger wünschenswerte Gegebenheiten. Teilweise decken sich die Erwartungen und das Wollen oder auch Sehnen der Menschen. Durch die Differenzierung von „gut“ und „böse“ oder „herbeisehnen“ und „ablehnen“ ist das Urteilen ein permanenter Wegbegleiter jedes einzelnen Lebens.

Das Ego mit seinem Begehren und Wollen hat genaue Vorstellungen, was gut sein soll und was abgelehnt wird. Was dabei jedoch nicht beachtet wird, ist die Tatsache, dass alles, worauf Aufmerksamkeit gerichtet wird, in den Fokus gerückt wird: Letztlich wird allem, was abgelehnt wird, Aufmerksamkeit geschenkt und es wird dadurch mental verstärkt.

Das Urteil im zwischenmenschlichen Bereich

Das Bewerten der eigenen und anderen Personen ist ebenso ein Teilbereich der ständigen Tätigkeiten des urteilenden Geistes. Im wesentlichen lassen sich dabei drei verschiedene Formen differenzieren: a) sich geringer zu bewerten als andere, b) sich höher zu bewerten als andere und c) sich gleich zu bewerten wie andere. Auch die dritte Form der Gleichsetzung ist letztlich als eine Beurteilung und Bewertung zu betrachten, weil auch bei dieser ein Bezogen-Sein auf andere für einen unmittelbaren Vergleich herangezogen wird.

Was ist jedoch der Sinn des ständigen Bewertens? Vor allem stellt es wohl eine Möglichkeit dar, sich Orientierung und Feedback über den Eigenwert zu geben. Unabhängig davon, ob die Tendenz zur Abwertung oder Überwertung der eigenen Person besteht, geht es immer um einen unmittelbaren Vergleich: Wie „gut“ bin ich im Vergleich zu anderen? Gleichzeitig sollte jedoch auch bedacht werden, dass die Frage, was letztlich „gut“ ist, vor allem durch gesellschaftliche Prägungen oder aber auch individuelle Erfahrungen beeinflusst ist.

Der Selbstwert wird vielfach aus dem Bezogen-Sein auf andere abgeleitet. Buddha sagt, es ist eine Illusion, sich mit anderen zu vergleichen, es entspringt dem leidhaften Drang, die Dinge nicht klar zu sehen. Letztlich geht es nicht darum, was eine Person tut, sondern was sie ist, nicht jedoch im Sinne einer Identifikation mit Eigenschaften und Rollen sondern es geht um das Selbst, das letztlich übrig bleibt, wenn jegliche Festschreibung und Be-Urteilung nicht mehr stattfindet beziehungsweise diese Identifikation überwunden wurde. Dies kann beispielsweise durch die Wahrnehmung der eigenen Gedanken und -konstrukte passieren, indem nicht mehr auf diese unmittelbar reagiert werden muss sondern diese als Konstruktion des Geistes erkannt werden und somit auch substanzlos betrachtet werden können.

Literatur:

Stenek, Sonja Eliane: Anatman – das Nicht-Selbst und das Wahre Selbst

Stenek, Sonja Eliane: Das Prinzip der Leerheit im Buddhismus

Stenek, Sonja Eliane: Über die Buddhanatur