
- Günter Kunert - deutsche Sprachwelt
Günter Kunert, geboren in 1929 in Berlin, verfasste 1970 die Kurzgeschichte Der verlorene Enkel. Wie die meisten seiner Werke ist es ein typisches Beispiel zur Repräsentation der Literatur des wiedervereinigten Deutschlands.
Dieses handelt von einer Familie – Großvater, Großmutter, Sohn und Schwiegertochter - die, wie der Titel schon sagt, ihren Enkel verloren haben und nun Tag um Tag auf dessen Rückkehr warten. Das Warten bestimmt ihren gesamten Tagesablauf. „Jeden Morgen treten sie vor die Tür“ um auf die Rückkehr des Verschollenen zu warten. „Nach jedem Beilhieb hebt der Vater lauschend den Kopf“ und „der Oberkörper des Sohnes erscheint immer wieder in dieser und jener Dachluke, weit hinausgestreckt bis zum Nabel, eine Art menschliches Periskop, damit ja nicht der Moment verpasst werde wo der Heimkehrende durchs stets offene Hoftor stolpern würde“.
Selbst am Abend, nach getaner Arbeit, beschäftigt sich die kleine Familie damit, sich vorzustellen wie es sein würde, käme der Enkel endlich zurück.
Der Wunsch nach Rückkehr aus verschiedenen Beweggründen
Denn trotz der anfänglichen Wut und dem Vorhaben den Ausreißer zu bestrafen wünschen sich Großeltern und Eltern nichts sehnlicher als den Jungen endlich wieder in die Arme schließen zu können.
Über ihrem ganzen Warten und Sehnen vergisst die Familie völlig auf ihre eigentliche Arbeit, ihre Pflicht den Hof am Leben zu halten, denn es besteht bereits „ein zunehmender Zerfall des Gehöftes“. Sie sind so fixiert auf den Enkel, dass sich selbst völlig vergessen und aufgehört zu leben haben. Die tägliche Routine ist dominiert vom Warten und ihre Arbeiten führen sie nur noch achtlos aus, um den Schein zu wahren.
Es wird klar, dass sie die Hoffnung zwar noch nicht aufgegeben haben, sich mit aller Kraft daran klammern, tief in sich aber schon längst wissen dass der Enkel nicht wiederkehren wird, weil „das melodiöse Klirren das Gewicht der Ketten dem nicht aufwiegt, der sie einmal abgestreift hat“. Es scheint nämlich als würden auch sie selbst insgeheim den Wunsch hegen aus der Enge und Langeweile des Hofes auszubrechen, als verstünden sie im Innersten die Beweggründe des Enkels, da diese auch ihre Eigenen sind.
Vielleicht kann man daraus auch schließen dass sie auf die Rückkehr des Enkels so sehr fixiert sind, nicht nur weil sie ihn vermissen und sich um ihn sorgen, sondern weil sie sich selbst beweisen wollen, dass sie Recht haben auf dem Gehöft zu bleiben und dass er zurückkommen wird, „Tränen des Glückes vergießend, in den Staub fallen um die Heimaterde zu küssen“ und ihnen erklären dass die Welt draußen nichts zu bieten hätte das besser wäre als das Leben als Bauer.
Stilmittel
Auch stilistisch ist Der verlorene Enkel mehrfach geprägt. So drückt die vierteilige Klimax - „ob da nicht ein Trittgeräusch gewesen, ein Sohlenknarren, ein verlegenes Hüsteln, ein stilles Greinen“ - verstärkt den verzweifelten Wunsch, der Enkel möge wiederkehren, aus.
Mehrere, endlos lange, Sätze beginnen mit dem Erzählen einer Tatsache haben dann aber in Mitte plötzlich einen Gedankensprung und enden schlussendlich in nochmals einem völlig anderen Thema. Dies mag beim ersten Lesen einfach nur verwirrend auf den Leser wirken, drückt aber vielleicht den Gemütszustand der Wartenden aus. Ihre Gedanken sind sprunghaft, es ist ihnen nicht möglich sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren da sie immerzu nachprüfen müssen ob der Enkel nicht gerade heimgekehrt ist.
Mit der Überschrift Der verlorene Enkel – die ohne Frage auf die biblische Geschichte Der verlorene Sohn hinweist – versucht Günter Kunert darauf aufmerksam zu machen, dass seine Geschichte auf Jeden zutreffen könnte. Schon vor tausenden Jahren, lange vor Christi Geburt, wurde die Geschichte geschrieben, inder der Vater seinem Sohn verzeiht und den reuigen Sünder mit Freudentränen wieder aufnimmt, auch wenn dieser ihn verlassen und auch noch alles Geld verspielt hat.
Damals wie zu Kunerts Zeit verzeihen die Eltern alles, solange sie nur ihr Kind wiederhaben konnten. Und natürlich ist dies auch heutzutage noch so.
Verleugnung als Selbstschutz
Mit seiner Kurzgeschichte spricht Günter Kunert davon den Mut zu haben aus dem Alltag auszubrechen, seine Träume zu verwirklichen auch wenn es drastische Folgen hat, und wie es denen geht die zurückgelassen werden, da sie nicht die Kraft haben diesen Schritt zu tun. Er stellt fest, dass Verleugnung der folgende Selbstschutz ist. Die Familie redet sich ein der Enkel käme wieder, weil das Leben, das sie führen, das Beste sei. Sie haben also gar keinen Grund unzufrieden zu sein.
Aber zweitens ist es auch eine etwas zynische Darstellung des Klischees, wie die Familie des Jungen erst schimpfend Strafen androht und schließlich - und dies hört man in einer weiteren Klimax nur allzu deutlich - immer kleiner wird, zusammengedrückt von Kummer und Angst und sich nur noch nach ihrem Kind sehnt. Die geplanten Strafen sind zu lehren Drohungen geworden, an die sich diejenigen, die sie einst aussprachen, schon längst nicht mehr erinnern.
Natürlich darf nicht vergessen werden, dass das lyrische Werk auch ganz einfach – ohne nötige Interpretationen – den Schmerz der Familie vermittelt, an dem sie langsam aber sicher zu Grunde gehen.
Quelle:
- Günter Kuner: Der verlorene Enkel
