
- Caldera von Santorin - Pixelio
Die Vulkaninsel Santorin nördlich von Kreta ist ein beliebtes Urlaubsziel. Jährlich besuchen tausende von Touristen die abgelegene Insel. Nicht nur die pittoresken Dörfer und die schöne Landschaft haben es den Reisenden angetan. Seit einigen Jahrzehnten graben Archäologen auf der Insel und legten dabei die Spuren einer seit etwa 3500 Jahren untergegangenen Zivilisation frei. Die frühen Siedler gehörten zum Reich der Minoer, einer blühenden Seefahrerkultur auf der Insel Kreta. Mehrstöckige Häuser, Wandmalereien und kunstvoll verzierte Keramik kann man auch heute noch auf der Ausgrabungsstätte bestaunen. Die Minoer unterhielten Handelsbeziehungen bis nach Ägypten. Doch etwa Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends wurde die frühgeschichtliche Siedlung auf Santorin von einer Katastrophe heimgesucht, die die gesamte minoische Welt erschüttern sollte. Nach jahrhundertelanger Ruhepause war der Vulkan wieder zum Leben erwacht.
Spuren von Atlantis?
Die Spuren sind überall auf der Grabungsstätte sichtbar. Massive steinerne Treppenstufen, die wie Streichhölzer geknickt waren, eingestürzte Mauern, zwei Betten, die übereinandergelegt offenbar für den Abtransport bereitstanden – den Ausgräbern offenbarte sich hier ein zweites Pompeiji. Lange war es allerdings umstritten, wie sich der Vulkanausbruch auf die Minoische Kultur ausgewirkt hatte, gab es doch auch auf Kreta einen Zerstörungshorizont in den Palastzentren, den der griechische Archäologe Marinatos als Folge der vulkanischen Eruption und der daraus resultierenden Flutwelle ansah. In diesen bronzezeitlichen Umwälzungen glaubte er sogar den Ursprung der Atlantislegende zu erkennen, wo ebenfalls von einer Seemacht die Rede ist, deren Insel vom Meer verschlungen wurde. Bestätigt sah er sich in der Tatsache, dass kaum 100 Jahre nach dem Zerstörungshorizont auf Kreta die Insel von fremden Eroberern besetzt wurde und die minoische Kultur von der Weltbühne verschwand. Waren die Minoer durch die Katastrophe geschwächt, nicht mehr in der Lage sich gegen die Eroberer zur Wehr zu setzen?
Neue Forschungsergebnisse
Heute sieht man es etwas differenzierter. So konnten neuere Forschungen beweisen, dass wohl mindestens ein oder zwei Generationen zwischen dem Vulkanausbruch von Santorin und den Zerstörungen auf Kreta liegen. Darauf weisen nicht nur verschiedene Stile von Keramikgefäßen und Wandmalereien hin, auch Spuren von Bimsstein aus Santorin, der sich unter dem Zerstörungshorizont in den kretischen Palastzentren fand, belegen diese Theorie. Vermutlich handelte es sich bei der zweiten Zerstörungswelle auf Kreta um ein Erdbeben, die in dieser Region sehr häufig auftreten.
Die Frage der Datierung
Damit waren aber noch längst nicht alle Fragen beantwortet. So deuteten die archäologischen Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Vulkaneruption etwa kurz vor 1500 v. Chr. stattgefunden hatte. Neben anderen Indizien wiesen darauf datierbare Importe aus Ägypten hin. Die sog. C14-Methode, mit deren Hilfe Hölzer aus den Grabungszentren Santorins bestimmt wurden, deutete aber vielmehr auf das 17. Jahrhundert v. Chr. hin. Der Streit zwischen Geologen, die die ältere Datierung bevorzugten, und einigen Archäologen, die die traditionelle zeitliche Einordnung bevorzugten, wogte hin und her.
Das Ende der Diskussion und neue Fragen
Die Wende brachte ein auf dem ersten Blick recht unscheinbarer Fund – der Ast eines Olivenbaumes, der in den Ablagerungen des Vulkanausbruches auf Santorin in der Nähe von Akrotiri geborgen wurde. In der Universität von Hohenheim wurde der Fund mit Hilfe der relativ unbestechlichen Methode der Jahresringdatierung, die sog. „Dendrochronologie“ untersucht. Das Ergebnis der Untersuchung überraschte dann doch. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % fand der Ausbruch zwischen 1627 und 1600 v. Chr. statt. Damit werden allerdings neue Fragen aufgeworfen. Müssen nun auch alle anderen Funde der Minoischen Kultur 100 Jahre früher datiert werden? Wie verhält es sich mit den benachbarten Hochkulturen wie Ägypten oder den Hethitern? Man darf also gespannt sein. Das letzte Wort zu der rätselhaften Vulkankatastrophe vor 3600 Jahren ist wohl noch nicht gesprochen.
