
- literaten leben nicht hinterm zaun - sabine soelbeck
Die offizielle Kritik in der DDR reagiert scharf auf das Buch Kindheitsmuster von Christa Wolf. Es gäbe da ein merkwürdig distanziertes Verhältnis zur sozialistischen Gesellschaft, ahistorische Verknüpfungen, fragwürdiges Analogisieren sowie falsche Verallgemeinerungen. Der Grund dieser Anfeindungen liegt in Christa Wolfs These, dass beide deutsche Staaten nicht mit der Erblast des 3.Reichs fertig geworden seien. Gegen die historische Zäsur der Gründung der DDR behauptet Christa Wolf eine Kontinuität der politischen Kultur und wendet sich somit gegen die offizielle Geschichtsinterpretation. Und nicht nur das. Sie vergleicht sie mit dem tatsächlichem Verhalten und Denken der Menschen. Ihre Themen in Kindheitsmuster, Nachdenken über Christa T. oder Kein Ort.Nirgends. heißen Entfremdung, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit.
Die Literatur zeigt eine „neue Qualität der kritischen Analyse“.
Die Dissertation von Michael Berger (Ost-Berlin, 1975) untersucht den Wandel der Literatur anhand der Werke von Christa Wolf (Nachdenken über Christa T.), Volker Braun (Das ungezwungene Leben Kasts) und Hermann Kant (Das Impressum). Diese Dissertation darf als Beispiel der veränderten Kulturpolitik zwischen 1968 und 1979 gelten. Der Autor Berger interpretiert mit einer ungewohnten Offenheit diese drei Werke. Hier fallen Begriffe wie Weite und Vielfalt, Charakter, Suche, Individualität, Persönlichkeit und Prozess.
Zur Entwicklung der Figur Christa T. im Roman.
Hier sieht der Germanist Michael Berger „die Konsequenzen jener Konzeption einer Selbstverwirklichung des Individuums ausschließlich aus sich selbst heraus und absolut auf sich bezogen, auf sich beschränkt. Es zeigt sich erneut, dass die verabsolutierte Autonomie der Persönlichkeit in ihren Ansprüchen und Realisierungen kein reales Feld findet; alles tritt in Verunsicherung, Unzufriedenheit mit der Wirklichkeit und führt schließlich zu einer an lähmende Passivität gebundene Beobachterrolle.“
Und auch in Volker Brauns Gestaltung der Figur Kasts erkennt der Wissenschaftler die Darstellung eines nie fertig werdenden Prozess seiner Persönlichkeitsentwicklung, Kast sei ein offenes System auf der Suche nach dem richtigen Sozialismus. Ein Prozess der Individualisierung sei offensichtlich: „Kast sucht nach wirklichen Widersprüchen der gesellschaftlichen Entwicklung, und ihre momentane Nichtlösbarkeit hindert ihn nicht, sie in und mit seiner Kunst bewusst zu machen.“
In Hermann Kants Impressum sei das Wirken und Werden einer sozialistischen Persönlichkeit in der sozialistischen Gesellschaft wesentlich.
Bei allen Werken werden Prozess-Charakter, Persönlichkeit und Individualität als wichtige Merkmale hervorgehoben. Über die Hauptfigur David Groth heißt es: „Dieser Charakter macht deutlich, dass Persönlichkeit nicht einseitig nur als Erziehungsziel verstanden werden kann, sondern als ein ständig währender Prozess der Herausbildung klassentypischer Verhaltensweisen in ihrer individuellen Ausprägung bei der Veränderung der Lebensbedingungen der Individuen selbst.“
Der DDR-Literaturwissenschaftler Michael Berger erkennt die Weite und Vielfalt der Menschengestaltung in der gegenwärtigen Prosa und konstatiert eine „historische Überlegenheit der sozialistischen Literatur“ bezüglich des „Optimismus und ihrer Perspektivgewissheit, in ihren vielfältigen Antworten auf die Frage nach dem Glück und Sinn menschlichen Daseins.“ Auch wenn diese Formulierungen und Wendungen erstaunlich wirken, verdeutlichen sie einen Wandel in der Literatur.
1979 erscheint der Roman Collin von Stefan Heym.
Das Werk gilt als Abrechnung der Figur Collin mit den politischen Utopien der sozialistischen Gesellschaft. Wie bei Christa Wolf taucht bei Heym die unverarbeitete Vergangenheit des Nationalsozialismus auf sowie die Verfolgungen zur Zeit des Stalinismus. Repräsentanten und Opfer der Geschichte werden nur wenig verschleiert; die Person Erich Mielkes wird nur wenig kaschiert (Genosse Urack). Der Schriftsteller Collin wird in ein Krankenhaus eingeliefert, so beginnt der Roman, und diese Krankheit hat symbolische Funktion:
Die Krise als Zeichen der unhaltbaren, gesellschaftlichen Situation.
Der Enkel Uracks, Peter, verdeutlicht die Art und Weise des Umgangs mit dem Sozialismus einer neuen Generation. 1968 verteilt Peter Flugblätter und wird wegen staatsfeindlicher Hetze verhaftet. Es folgt Abstieg, Milieu, Berliner Subkultur, Isolation, Flucht. Im Werk heißt es: „was sich in den Beatschuppen und Jazz-Kellern anbahnte und was ich selbst in diesem Zusammenhang so deutlich noch nie gespürt – dass nämlich die Dinge sich nicht mehr in die für sie vorgesehenen Fächer und Schubladen klemmen ließen. Überall quoll es über, in den Köpfen kochte, quirlte und brodelte es, die so sorgfältig überlieferten Denkschemata fielen auseinander, die so vorsichtig behütete Ordnung war nur noch äußerlich in Takt, auf und ab bliesen bärtige Jünglinge die Posaunen, und in den Mauern Jerichos zeigten sich Risse.“ Heym bietet keine Lösungen für die Konflikte in der DDR, in seiner Literatur bleibt ihm die Ironie.
Der 1945 geborene Thomas Brasch schildert in seinen Werken konkrete Lebens- und Konfliktsituationen, in expressiverer Form.
Sofern man Brasch mit der Generation Wolf / Heym vergleicht. Thema ist bei Brassch vor allem die Entfremdung im Realsozialismus sowie die Perspektivlosigkeit, eine bedingungslosere Absage ohne den Wunsch nach einer weiteren Suche des wahren Sozialismus. In Braschs Erzählung Fliegen im Gesicht wird das deutlich. Die Figur Robert hat sich längst zur Flucht entschlossen. Auf dem Weg begegnet er einem Veteranen (Kommunist im Spanischen Bürgerkrieg), der in der Sterilität des Neubaus vereinsamt ist. Der vergessene Revolutionär spricht offen mit Robert und stellt am Ende fest, doch besser gestorben zu sein, als hier Rede und Antwort einem Desillusionierten zu stehen, einem der die Vorspiegelung falscher Tatsachen entlarvt.
Brasch persönlich: „Wir waren schon in der Schule in der Situation, ständig Sprachformeln zu wiederholen. Daraus ergibt sich zuerst ein Unwillen und später bei einigen das Bedürfnis, dieser offiziellen Kultur von Sprachlosigkeit eine andere entgegenzusetzen, die mit dem wirklichen Leben zu tun hat, aber gleichzeitig nicht schlampig ist wie die ebenfalls heruntergekommene Alltagssprache.“ Horst Brasch, der Vater von Thomas Brasch, hatte 1969 wegen Protestaktionen seines Sohnes sein Amt als stellvertretender Kulturminister verloren. Gemeinsam mit den Söhnen Havemanns wurde er verhaftet und wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.
Das offiziell Geforderte wurde nicht mehr ernst genommen.
In der Literatur macht sich das Tatsächliche im Realsozialismus bemerkbar. In nun hoffnungsloser Manier sprechen Autoren mit Hilfe ihrer Figuren über die drängenden Probleme. Die Literatur erlebt einen einschneidenden Wandel. Zur Gegenkultur gehören „junge Aufmüpfige“ ebenso wie die Kulturschaffenden der älteren Generation, die nach langem Ringen, wie das Beste im Sozialismus zu bewerkstelligen sei, desillusionierende Tatsachen eingestehen müssen.
Zum ersten Teil der DDR-Literatur.
zitiert nach Bert Bachmann, S.67
Michael Berger: Literarische Charaktere untersucht an ausgewählten Prosawerken der DDR-Literatur des Zeitraums 1968-1974. Berlin 1975.
zitiert nach Bert Bachmann, S.75
