
- Zschornewitz zur Wendezeit - Joachim F. Thurn (Bundesarchiv)
Die Deutsche Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek Dresden birgt einige Schätze für Hobbyhistoriker. Über das Kartenarchiv können alte, oft handgezeichnete und mit liebevollen Details versehene, Landkarten verschiedener Regionen abgerufen werden, die einige Überraschungen beinhalten. So wird einerseits deutlich, dass das Phänomen der Landesvermessung eines des 20. Jahrhunderts ist, da die Ortschaften auf verschiedenen Karten oft in unterschiedlicher Anordnung und Entfernung voneinander dargestellt werden. Andererseits variieren die Schreibweisen der Ortsnamen (zum Teil sehr stark) voneinander, manchmal sogar in sehr geringen Zeiträumen von etwa fünf Jahren – ein Indiz für die vorrangig mündliche Überlieferung von Informationen zu dieser Zeit. Erst mit Beginn des letzten Jahrhunderts werden die Namen der einzelnen Orte durchgängig in ihrer heutigen Schreibweise dargestellt.
Die von 1952 bis 1994 existierenden Landkreise Bitterfeld und Gräfenhainichen verfügen über insgesamt 212 Orte. Deren Namen sind ungefähr 60 Prozent slawischen und etwa 32 Prozent deutschen Ursprungs. Was ist die Bedeutung einiger dieser Ortsnamen und wie haben sie sich im Zeitlauf geändert?
Wörlitz und sein Gartenreich: Welterbe der Unesco
Die Kleinstadt Wörlitz ist die Heimat eines der ältesten Landschaftsparks Kontinentaleuropas und verfügt mit der ersten urkundlichen Erwähnung vor mehr als 1.000 Jahren bereits über eine lange Geschichte. Man vermutet, dass Wörlitz ursprünglich „Vrgolici“ („die Leute aus dem Dorf des Vrgol“) geheißen hat. Die Variationen dieses Namens auf den in der Fotothek verfügbaren Karten zwischen 1700 und 1800 reichen von Worlitz (1700), Werlitz (1730) bis hin zu Wörblitz (ca. 1750).
Gräfenhainichen: „Die kleine Stadt der großen Abwechslung“
Auf der Basis der ersten dokumentarischen Nennung ist die Geburtsstadt des neben Luther wohl bekanntesten Kirchenlieddichters Paul Gerhardt heute 726 Jahre alt. Zu dieser Zeit lautet der Name der ehemaligen Kreisstadt „zo deme Hayne“ (Hain = „ein von Dornverhau eingefriedeter Ort“). Ab 1371 gehört das heutige Gräfenhainichen nicht mehr zu Anhalt, sondern zu Sachsen. Um Verwechslungen mit anderen „Hain-Orten“ zu vermeiden, wird die Stadt in Anlehnung an den anhaltinischen Fürsten Albrecht II. als „Albrechtshayn“ oder „Grafenalbrechtshayn“ bezeichnet. Seit 1700 hat der Ortsname auf den heute noch verfügbaren Karten vielseitige Veränderungen durchgemacht: Henechen (1700), Graebennömichen (1730), Graefenhaynichen (1749), Graefen-Haynichen oder Gräfenhängen (beide um 1750), Grafenhanichen (1753) oder Hänichen (1757).
Möhlau – ein Dorf zwischen Sachsen und Anhalt
Das heutige Dorf Möhlau mit seinen etwa 2.000 Einwohnern teilt sich in das ehemals zu Anhalt gehörende Kleinmöhlau sowie das einst sächsische Großmöhlau. Getrennt wurden beide Ortsteile durch den Mühlbach (auch Sollnitzbach). Die unterschiedlichen Schreibweisen dieses Ortsnamens lauten: Molow (1313), Mola (1531), Melau (1598), Mölau (um 1750), Mölen (1751), Mohlau (1752) oder Molau (1759). Um die vorletzte Jahrhundertwende ist in diesem von Wald und Seen umgebenen Dorf der Braunkohleabbau ein wichtiger Wirtschaftszweig gewesen. Durch die Errichtung eines der ersten und größten Dampfkraftwerke im benachbarten Zschornewitz hatte der Kohleabbau um 1915 noch einmal eine gewaltige Konjunktur erhalten.
Zschornewitz – das schwarze Dorf
Es wirkt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung, dass das Dorf Zschornewitz, dessen Name seinen Ursprung im slawischen Wort corny (= schwarz) hat, Heimat eines Kohle gefütterten Großkraftwerkes wurde. Die sprachlichen Variationen des heute in Teilen unter Denkmalschutz stehenden Ortes reichen von Scronewitz (1200), Schornewitz (1471), Tschorniz (1547/49), Schornitz (1730) bis Zschörnewitz (1750). Auf einer Karte von 1749 wird die Ortschaft als zwei dargestellt: Tornewiz und Zschernewiz.
Leichte Variationen: Raguhn & Burgkemnitz
In ihrer Schreibweise haben die Ortschaften Raguhn und Burgkemnitz nur dezente Wandlungen durchlebt. Raguhn ist auch als Raghun (1351), Ragun (1700) und Ragune (1730) verzeichnet gewesen und geht vermutlich auf den slawischen Namen Rogun zurück. Auch der Ort Burgkemnitz, über dessen Entstehung und Geschichte aufgrund eines alles zerstörenden Brandes im Jahr 1645 nur wenige Aufzeichnungen vorliegen, hat bis auf eine Ausnahme nur geringfügige Änderungen erfahren: Burgchemnitz (um 1750), Burg Kömlitz (1750), Burg Kemnitz (1753), Burck Kemnitz (1757) oder Burkemitz (1797).
Golpa – das verschüttete Dorf
Von Beginn des Zweiten Weltkrieges an bis 1942 wurde das Dorf Golpa aufgrund der unter ihm vorherrschenden Braunkohlevorkommen eingestampft. Heute trägt eine erst im 20. Jahrhundert entstandene Siedlung Möhlaus diesen Namen. Golpa ist ein interessantes Beispiel dafür, dass ein einzelner Ort in einem sehr kurzen Zeitraum auf unterschiedlichen Karten verschiedene Bezeichnungen erfährt. Die Abweichungen lauten Golp (1749), Golb (1750), Golppe (1751) und Golpe (1752).
Elektronische Kartenarchive – ein Glücksfall für Hobbyhistoriker
Das elektronische Archiv der Deutschen Fotothek bietet eine Vielzahl von Kartenmaterial, um die Entwicklung des eigenen Ortes oder einer ganzen Region sowie dessen Namen bzw. geographische Darstellung nachzuvollziehen. Vor allem in den Braunkohlegebieten der ehemaligen DDR kann das Verschwinden von Ortschaften und Gewässern und die anschließende Neuerrichtung von bewaldeten Kippen und Seen rekonstruiert werden – ein Projekt, das sich auch für den heimatkundlichen Unterricht an Schulen eignet.
Quellen:
Günther Schönfelder (2009): Bitterfeld und das untere Muldetal. Böhlau Verlag; Deutsche Fotothek; Internetpräsenzen der Ortschaften Wörlitz, Gräfenhainichen, Burgkemnitz und Zschornewitz.
