Das schlesische Eulengebirge ist Mitte des 19. Jahrhunderts ein dicht besiedelter Raum. Dies führte zu einem Überschuss an Arbeitskräften und einem Mangel an Arbeit. Gegen Weber, die nicht gebürtig aus dem Eulengebirge stammten, gab es häufig gewaltsame Übergriffe wegen vermeintlichen Arbeitsplatzdiebstahls. Die einheimischen Weber sahen ihre Arbeitsplätze durch fremde Weber derartig bedroht, dass sie sogar Bittschriften an ihre Gutsherren sandten und darum baten, erst ortsfremde Weber in Brot und Lohn zu stellen, wenn alle einheimischen Weber eine Arbeit hätten.
Billigprodukte ruinieren die schlesische Wirtschaft
Doch nicht allein das Überangebot an Arbeitskräften sorgte für Preisverfall und Armut im Eulengebirge. 1793 begann England, Garn in Massen zu exportieren. Dieser plötzliche Überfluss an qualitativ hochwertigem englischem Garn fügte der deutschen Maschinenspinnerei großen Schaden zu. Auch englische Stoffe wurden wegen ihrer nun besseren Qualität ein begehrtes Handelsgut. Um diesem Konkurrenzdruck entgegenzutreten war es nötig, die Löhne für die Spinnerei und Weberei in Deutschland drastisch zu senken. Hausspinner mussten von einem Silbergroschen Tageslohn leben, Weber kamen bei einem 16-stündigen Arbeitstag nur auf einen unwesentlich höheren Lohn von 2 bis 3 Silbergroschen. Gleichzeitig stiegen die Nahrungsmittelpreise auf beispielsweise einen Taler für einen Scheffel Kartoffeln. Dennoch war das Textilgewerbe an sich im 18. Jahrhundert noch einer der führenden Zweige der nichtagrarischen Produktion in Deutschland. Allein in Schlesien waren zu Beginn des 19. Jahrhundert 10 % aller Einwohner mit der Verarbeitung von Leinen und Flachs beschäftigt. Im Eulengebirge gab es um 1800 allein 3.350 Baumwollwebstühle.
Der Konkurrenzdruck aus England schwand, nachdem 1806 der Handel mit England eingestellt wurde. Das Textilgewerbe profitierte davon, nicht mehr von den hochwertigen englischen Waren bedroht zu sein.
Absatzschwierigkeiten bei Leinengarn
Das Textilgewerbe in Schlesien florierte aber nicht in allen Bereichen. Baumwolle wurde eine beliebte Ware. Die Marktlage für Leinengarn verschlechterte sich aber immer mehr. So konnte das Baumwollgewerbe nicht verhindern, dass der Verfall der Löhne und die nach Beendigung der Kontinentalsperre wieder aufgetretene Konkurrenz aus England zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und daraus folgend zu Massenarmut und Hungersnöten führten, aus denen sich schließlich eine schwerwiegende Krise entwickelte. Zwar gab es von Seiten des Staates Unterstützung, diese beschränkte sich jedoch auf das Verteilen von Nahrungsmitteln und ähnlichem. Größere Unterstützungsmaßnahmen wurden als nicht finanzierbar abgetan. Stattdessen wurde versucht, die arbeitslosen Weber in andere Regionen umzusiedeln, in denen sie in der Landwirtschaft tätig werden sollten. Dies brachte der Not aber nur wenig Linderung, da die Umsiedlungen in den meisten Fällen erfolglos waren.
Feudalherrschaft und Erbuntertänigkeit
Die Menschen hatten nur wenige Möglichkeiten, ihrem Los zu entkommen. Durch die gesetzliche Erbuntertänigkeit, die vor allem in Preußen vorkam, war der Mensch an seinen Gutsherren gebunden. Dies führte durch den Gesindezwangsdienst zu einer Art Leibeigenschaft. Änderungen der Arbeitsbedingungen waren unter einem Gutsherren schwierig. Zudem war es schwer bis gar nicht möglich, die Region zu verlassen, um in einer anderen Region bessere Arbeit und Lebensbedingungen zu finden. Doch das Los des Arbeiters war noch härter. Er befand sich nicht nur in Abhängigkeit des Gutsherren, er war ihm auch noch zu Steuern und zu Fronarbeit verpflichtet. Jeder Frontag war also ein Tag ohne Einkommen. Zusätzlich befand der Arbeiter sich in einer zweiten Abhängigkeit, nämlich der zu seinem Verleger.
Im Verlagssystem war es üblich, dass der Verleger den Arbeitern die Rohwolle, beziehungsweise das Garn verkaufte und das fertig gestellte Endprodukt dann wieder zurückkaufte. Die Gewinnspanne war dabei für den Arbeiter sehr gering, da der Verleger die Ware oftmals als von schlechter Qualität bezeichnete, um den Preis zu drücken.. So war der Arbeiter also nicht nur von seinem Gutsherren, sondern auch von dem guten Willen seines Verlegers abhängig. Diese vielen Faktoren fügten sich schließlich zusammen und führten zu sich ständig verschlechternden Lebensumständen der schlesischen Spinner und Weber.
Quellen:
Boldorf, Marcel, Europäische Leinenregionen im Wandel, in: Industrielle Welt, Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte, Raphael und Graf (Hrsg.), Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2006
Hodenberg, Christina von, Aufstand der Weber, Die Revolte von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos, Dietz, Bonn, 1997
Pierenkemper, Toni, Gewerbe und Industrie im 19. und 20. Jahrhundert, in: Enzyklopädie deutscher Geschichte, Band 29, Lothar Gall (Hrsg.), R.Oldenbourg Verlag, München 2007
