Der Weberaufstand von 1844

Der schlesische Weberaufstand von 1844 ging weniger wegen seines Verlaufs, sondern wegen seiner Bedeutung in die Geschichte ein.

Am Morgen des 3. Juni 1844 sammelten sich etwa zwanzig Peterswaldauer Weber, die gemeinsam zu dem Haus des Textilkaufmanns Ernst Friedrich Zwanziger zogen. Sie wollten gegen die niedrigen Löhne, die der Kaufmann zahlte und seinen offen zur Schau gestellten Reichtum protestieren. Um ihn zu schmähen sangen sie das sogenannte „Blutgericht“. Die Bewohner des Zwanzigerhauses konnten die protestierenden Weber jedoch vertreiben und nahmen einen von ihnen, den Weber Wilhelm Mäder, fest und übergaben ihn der Polizei. Noch am selben Abend planten die übrigen Weber einen weiteren Marsch um Mäder zu befreien.

Der 4. Juni – Protest gegen die Verhaftung

Am 4. Juni 1844 zogen die Weber erneut los. Sie versuchten, möglichst viele Genossen zu diesem Marsch zu mobilisieren und scheuten nicht vor Gewalt zurück, wenn einer der Weber sich der Teilnahme verweigerte. Schließlich wandte der sich so auf „mehrere hundert Mann“ gewachsene Zug dem Anwesen der Familie Zwanziger zu, wo sie jedoch keinen Einlass fanden. Aus Wut vor dieser „Zurückweisung“ geriet der als friedlich geplante Protestmarsch aus den Fugen. Die wütenden Weber stürmten Zwanzigers Haus und zerstörten das Mobiliar. Erst der Peterswaldauer Geistliche Peter Knittel vermochte die tobenden Weber zur Ruhe zu bringen und für einen friedlichen Abzug zu sorgen.

Doch die Unruhen waren noch nicht beendet. In Peterswaldau arbeitende, aber in anderen Orten lebende Arbeiter brachten die Nachrichten von den Protesten in die Nachbardörfer. Dort sammelten sich nun ebenfalls Weber, die den Peterswaldauern zur Hilfe kommen wollten. Sie setzten den friedlich beendeten Zerstörungszug fort und wüteten in der Villa und dem Fabrikgebäude eines Peterswaldauer Fabrikanten. Schließlich konnte eine spontan zusammengekom­mene Bürgerwache die marodierenden Weber beruhigen und den Tumult friedlich beenden.

Der 5. Juni – Der Aufstand weitet sich aus

Schon am frühen Morgen rotteten sich erneut Zerstörungswütige vor dem Anwesen Zieglers zusammen. Nun wurde versucht, nicht nur die Inneneinrichtung, sondern auch das Haus selbst zu zerstören. Die Bürgerwache vom Vortag hatte sich bereits wieder aufgelöst, so dass die Aufständischen freie Bahn hatten. Mittlerweile war die Gruppe auf über 1.700 Menschen aus Peterswaldau und den umliegenden Dörfern gewachsen. Doch weitere Zerstörung konnte vorerst verhindert werden. Der Fabrikant Fellmann bot den Aufständischen eine Entschädigung von fünf Silbergroschen pro Kopf sowie Nahrung, wenn sie friedlich abzögen. Der Großteil der Leute ließ sich dadurch beruhigen und zog ab. Etwa 200 Personen zogen aber gemeinschaftlich nach Langenbielau weiter, wo sie ebenfalls Geld unter der Androhung von Zerstörung erpressen wollten. Allerdings räumten die Weber nicht jedem Fabrikanten diese „Möglichkeit“ ein. Vielen Fabriken wurden ohne vorherige Verhandlungsversuche gleich zerstört, weil der Fabrikant als knauserig oder hartherzig bekannt war. Doch die Hoffnungen auf Geld erfüllten sich nicht. Der Langenbielauer Fabrikant Friedrich Dierig hatte seinen eigenen Arbeitern eine Belohnung angeboten, wenn sie die Aufständischen vertreiben würden. Dies gelang, und kurz darauf erhielten die Fabrikanten auch Unterstützung vom zur Hilfe eilendem Militär. Doch die Aufständischen kehrten in kleinen Gruppen zurück und versuchten die Auszahlung der siegreichen Arbeiter mit Prügeleien zu verhindern. Schließlich sah man sich gezwungen, auch die Rebellen mit fünf Silbergroschen zur Ruhe zu bringen. Immer mehr Rebellen folgten nach, was die Auszahlung der Silbergroschen verzögerte. Die eigentlich gegnerischen Arbeiter wurden dadurch misstrauisch und schlossen sich den Rebellen an. Das hoffnungslos unterlegene Militär schoss daraufhin, was elf Tote und 26 Verwundete zur Folge hatte. Dies heizte die Stimmung noch mehr an und die Aufständischen zogen zerstörend weiter.

Die folgenden Wochen

In den folgenden Wochen sorgte das Militär für Ruhe. Die Geistlichen der Dörfer riefen dazu auf, das gestohlene Gut, vor allem Geld und Waren, zurückzugeben. Etwa dreißig Teilnehmer der Unruhen wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Während die Lage im Eulengebirge sich langsam beruhigte, sprangen die Unruhen auf benachbarte Gegenden, vor allem Böhmen, über.

Insgesamt 80 Personen wurden nach dem Aufstand wegen ihrer Beteiligung daran angeklagt. Die Vorwürfe reichten von der bloßen Teilnahme über Diebstahl bis hin zur Aufwiegelung zum Aufruhr. Die Verhandlungen fanden nach den damals geltenden Gesetzen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dies ist einer der Gründe, weshalb die Nachrichten und die Literatur in den Folgejahren nur ein verzerrtes Bild von den Aufständen wiedergeben konnten, das mangels Informationen in der Regel fern von jeder Objektivität war.

Die Weber wurden nicht leicht bestraft, um weitere Aufständische abzuschrecken. Dennoch kann man an Hand der Urteile erkennen, dass die Richter sich bemühten, die Urteile so weit wie möglich abzumildern. So verzichteten sie zum Beispiel auf körperliche Strafen wie Peitschenhiebe und sprachen kürzere Haftstrafen aus, da der Aufstand sich nicht gegen die Obrigkeit gerichtet hatte, zu der Zwanziger nicht gehörte. Zudem nahm das Gericht zur Kenntnis, dass Zwanziger mit seinem herablassenden und harten Verhalten den Aufstand provoziert und die Not der Weber ihnen kaum eine andere Wahl gelassen hätte. Im Durchschnitt erhielt jeder aufständische Weber zwei bis drei Jahre Haft.

Ein Jahr nach den Aufständen reichten 60 der verurteilten Aufständischen ein Gnadengesuch an den König ein. In diesem beteuerten sie, dass der Aufstand sich nicht gegen den König gerichtet habe, sondern nur aus der Not heraus entstanden sei. Schließlich willigte der König ein, die Hälfte der Verurteilten zu begnadigen. Nach und nach wurden auch die übrigen Verurteilten vorzeitig aus ihrer Haft entlassen, so dass die durchschnittliche Haftzeit auf 1,5 Jahre sank.

Quelle:

Hodenberg, Christina von, Aufstand der Weber, Die Revolte von 1844 und ihr Aufstieg zum Mythos, Dietz, Bonn, 1997

Raphaela Hofmann, Fotograf: Lars Feller

Raphaela Hofmann - Raphaela Hofmann wurde 1981 im Ruhrgebiet geboren und lebt seit 2002 im Vorgebirge. Sie schließt zur Zeit ihr Bachelor-Studium im ...

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