
- Higgins Clark: Der Weihnachtsdieb - Heyne Verlag
An Weihnachten ist alles lieblich und sanft – die Stimmung, der Wein, das Licht, die Weihnachtsgeschichte über die Geburt Jesu und die Weihnachtsbücher. Und auch so mancher Kriminalroman versüßt dem Leser die dunklen Nächte beinahe ganz ohne Grausen und Grauen. Die englische Schriftstellerin Anne Perry, bekannt für Geschichten an Schauplätzen im spätviktorianischen England, spezialisierte sich gar auf Weihnachtskrimis, woran einige ihrer Buchtitel keinen Zweifel lassen: "Der Weihnachtsfluch", "Das Weihnachtsrätsel", "Der Weihnachtsgast", "Die Weihnachtsmoral", "Die Weihnachtsreise". Daserfreut letztendlich sogar Weihnachtsmuffel, die die Feiertage auch nicht ganz ohne Weihnachtslektüre überstehen.
"Der Weihnachtsfluch" von Anne Perry spielt in Irland
Der zuletzt in deutscher Sprache erschienene Weihnachtskrimi von Anne Perry – „Der Weihnachtsfluch“ – spielt in einem Dorf in Westirland im Jahr 1895. Die Londoner Familienmutter Emily Radley befindet sich mitten in den Festvorbereitungen, als sie erfährt, dass ihre erst 50jährige, verwitwete Tante Susannah schwer erkrankt ist und an ihrem Sterbebett gern ein Familienmitglied sehen würde. Zähneknirschend verlässt Emily ihr gemütliches Haus, Mann und Kinder und macht sich mit Eisenbahn, Schiff und Kutsche auf den langen und beschwerlichen Weg nach Irland. Dort entdeckt sie, dass die Dorfbewohner von einem dunklen Geheimnis belastet sind, das Emily nun zu lüften versucht.
Irland im stürmischen Winter des Jahres 1895
Es gelingt Anne Perry gut, die Lebensumstände im winterlich-ländlichen Irland des späten 19. Jahrhunderts sinnlich nachvollziehbar zu machen. Auch die Ängste, Hoffnungen und Gefühle der Emily Radley zeichnet die Autorin in kräftiger Kontur gut erkennbar. Die Psychologie der anderen Figuren des Romans allerdings werden mehr oder weniger undeutlich und schemenhaft nur angedeutet, keine ist wirklich gründlich ausgesarbeitet worden.
Nächtliche Stürme und ein dunkles Geheimnis
Ähnliches gilt für den Handlungsstrang: Der Auftakt des Buches – die Details der gesellschaftlichen Rituale, die Beschreibung der Natur und der schier endlosen Kutschenfahrt über Land sowie der fürchterlichen nächtlichen Stürme an der Küste – verspricht einen spannenden und aufschlussreichen Weihnachtskrimi. Leider hält der Roman diese Ankündigung nicht, die Auflösung des Rätsels um den „Weihnachtsfluch“ kommt allzu brüsk und enttäuschend banal daher. Die Geschichte ist durchaus lesenswert, allerdings nur, wenn man sich mit Positiv-Attributen wie nett, freundlich, ruhig zufrieden gibt, für einen Kriminalroman eine möglicherweise allzu weihnachtlich softe Gefühlslage.
"Der Weihnachtsdieb" von Mary & Carol Higgins Clark klaut Christbaum
Um Amateurkriminalisten dreht sich auch der Weihnachtskrimi der Spannungsmarken Mary und Carol Higgins Clark. Mutter und Tochter, deren Bücher immer bestsellerverdächtig sind, haben sich eine besonders heitere Story um einen haftentlassenen Finanzbetrüger ausgedacht. Die Hauptfigur dieser Geschichte ist ein Tannenbaum, nämlich die riesige Fichte, die vor dem New Yorker Rockefeller Center als Christbaum in üppigem Lichterglanz mehrere Wochen lang für Bewohner und Touristen erstrahlen soll.
Christmas Tree vor Rockefeller Center in New York
Der schlaue, gutmütige und relativ gewaltlose Gangster Packy Noonan hat ausgerechnet in diesem Baum seine Beute, eine Thermoskanne mit Diamanten im Wert von 80 Millionen Dollar, versteckt. Nach Verbüßen seiner zwölfjährigen Gefängnisstrafe möchte er schnellstmöglich an den Schatz herankommen und dann nach Brasilien abtauchen. Deshalb passt ihm die plötzliche Publicity „seines“ Baumes als DER New Yorker Christmas Tree ganz und gar nicht. Noch dazu ist ihm bald schon eine findige vierköpfige Familie von Privatdetektiven und Krimischriftstellerinnen auf den Fersen, ein Polizist gehört auch zu dem Quartett.
Opal fährt Langlaufski
Am meisten Energie und Jagdeifer bringt aber eine der Geschädigten auf, die sinnigerweise einen Diamantennamen trägt. Lottogewinnerin Opal Fogarty war von Packy auf das Übelste um ihren Gewinn betrogen worden und fristet seit einem Dutzend Jahren ihr Leben wieder als schlecht bezahlte und überanstrengte Kellnerin in einem Diner. So lange, bis sie im winterlichen Stowe mit ihren Langlaufskiern auf eine viel versprechende Loipenspur gerät...
Agatha Christie und Miss Marple lassen grüßen
Im Gegensatz zu Anne Perrys allzu betulich konstruierter irischer Weihnachtsgeschichte „Der Weihnachtsfluch“ sprüht die Story „Der Weihnachtsdieb“ des Duos Higgins Clark nur so vor weihnachtlicher Lebensfreude. Mit lustigen Dialogen und vielen überraschenden, wenn auch harmlosen Spannungselementen gelang eine rundum vergnüglicher und unterhaltsamer Kriminalroman. Mehr als einmal und sicher nicht zufällig scheint Agatha Christies skurrile Kriminalistin Miss Marple herüber zu zwinkern, einmal zitiert sie der Roman sogar direkt.
Empfehlenswerte Lektüre für schlaflose heilige, dunkle und gemütliche Winternächte!
Anne Perry: Der Weihnachtsfluch. Aus dem Englischen von Regina Schirp. Heyne Verlag 2009. Gebunden. 175 Seiten. 12 Euro.
Mary & Carol Higgins Clark: Der Weihnachtsdieb. Aus dem Amerikanischen von Marie Henriksen. Heyne Taschenbuch 2009. 208 Seiten. 7,95 Euro.
