
- Weltweiter Jugendprotest - Gerd Altmann/Shape:ladyoak.com/Pixelio.de
Am 12. August 2010 wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York das „Jahr der Jugend“ ausgerufen. Und zwar sollten die 192 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen das Jahr nutzen, um Jugendlichen die Ideale von Frieden, Freiheit, Fortschritt und Solidarität näher zu bringen und sie zu ermutigen, sich sozial zu engagieren. Mit dem Jahreswechsel 2010/2011 und in den darauf folgenden Monaten zeigte sich dann, in welch hohem Maße die „Jugend der Welt“ bereit war, diese hehren Ideale in die Realität umzusetzen, also den feierlichen Worten Taten folgen zu lassen. Das Jahr der Jugend wurde also in der Tat von der Jugend geprägt und zwar von einer revoltierenden, zornigen Jugend.
Das Spektrum der Jugendrevolte
Das Spektrum der weltweiten Jugendrevolte 2010/2011 reicht von der Revolution, also dem politischen Umsturz, über den Protest gegen gesellschaftliche Missstände bis zu scheinbar unpolitischen Jugendkrawallen. Schauplätze der Revolte waren England, Portugal, Spanien, Griechenland, Tunesien, Ägypten, Chile und Israel. Und zwar war in England die Jugendrevolte zweigeteilt. Zum einen protestierten dort Ende 2010 Studenten gegen die drastische Erhöhung der Studiengebühren, zum anderen kam es im August 2011 zu Plünderungen und erheblichen Sachbeschädigungen durch Jugendliche, die eher sozialen Randgruppen angehörten. In Portugal demonstrierten im März 2011 mehrere hunderttausend Jugendliche gegen Arbeitslosigkeit und fehlende Zukunftsperspektiven. Ähnlich demonstrierten in Spanien im Mai 2011 zahlreiche Jugendliche gegen den rigiden Sparkurs der Regierung, die Macht der Banken und die hohe Arbeitslosigkeit. In Griechenland schlugen im Juni 2011 die Proteste Jugendlicher in bürgerkriegsähnliche Unruhen um. In Tunesien und Ägypten kam es im Frühjahr 2011 infolge des Massenprotests Jugendlicher zum Sturz der seit Jahrzehnten autokratisch regierenden Präsidenten. In Chile protestierte die studentische Jugend 2011 teilweise gewalttätig gegen die hohen Kosten eines Studiums. In Israel demonstrieren seit dem Juli 2011 immer wieder zahlreiche junge Menschen gegen die hohen Lebenshaltungskosten und fehlende Wohnungen.
Ein gemeinsames Gefühl existenzieller Bedrohung
Angesichts der unterschiedlichen Lebenswelten und der Vielfalt der Motive der protestierenden Jugendlichen ist es für den Politik- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger verfehlt, den Arabischen Frühling und die Jugendrevolten in Europa, Südamerika und Israel als eine transnationale vereinte Bewegung zu betrachten. Aber der globale Jugendprotest hat seiner Meinung nach gemeinsame Wurzeln, nämlich politische Frustration und ökonomische Perspektivlosigkeit. Auch für den Soziologieprofessor Klaus Hurrelmann ist der gemeinsame Nenner des globalen Jugendprotests, dass den Angehörigen der jungen Generation, wenn sie ihre eigene Lebensperspektive antizipieren, bewusst wird, dass sie so nicht weiterleben können, wobei - so Hurrelmann - die unterschiedlichen Ausdrucksformen des Protests die Kultur und Bildung der Protestierenden in den jeweiligen Ländern sowie die hier herrschenden politischen Machtverhältnisse widerspiegeln. Ähnlich hat für den Soziologieprofessor Heinz Bude eine ganze Generation offenbar den Glauben verloren, ein Leben von Bedeutung führen zu können - in Tunesien wie in Israel, in England wie in Griechenland. Das, was die revoltierenden Jugendlichen weltweit miteinander verbindet, ist folglich bei allen Unterschieden das Gefühl, hoffnungslos abgehängt zu sein, ein Gefühl existenzieller Bedrohung.
Die Jugendlichen als Opfer der Weltwirtschaftskrise
Konkreter Anlass für den Massenprotest der Jugendlichen ist, dass sie den Eindruck haben, die Hauptleidtragenden der seit 2008 schwelenden globalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu sein. Und zwar rührt dieser Eindruck daher, dass gerade Jugendliche trotz sehr guter Ausbildung kaum eine Chance haben, einen Arbeitsplatz zu finden. So waren im Juni 2011 EU-weit insgesamt über fünf Millionen junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren erwerbslos und damit ohne Chance, sich eine eigene wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Insbesondere in den Mittelmeerländern – und das gilt auch für die nordafrikanischen Länder - steht somit die am besten ausgebildete Generation ihrer Geschichte wortwörtlich auf der Straße.
Die krisensicheren Jobs sind scheinbar fest in der Hand der älteren Arbeitnehmer, die dieses Privileg, so sehen es jedenfalls die Jugendlichen, hartnäckig verteidigen, und das in einer Situation, in der – vor allem in Europa – die Bevölkerung insgesamt immer älter wird, und eine berufliche Förderung des Nachwuchses somit dringend erforderlich wäre. Der Generationenkonflikt, der in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität ein Ausdruck ist für unterschiedliche Weltbilder und Wertvorstellungen, ist damit – so der Journalist Alex Rühle – zu einem handfesten wirtschaftlichen Konflikt geworden. Hinzu kommt bei den Jugendlichen die Antizipation der langfristigen Folgen der Weltwirtschaftskrise, die sich zu dem Eindruck verfestigt, bluten zu müssen für die jahrzehntelange Überschuldung ihres jeweiligen Landes und selbst nie mehr in den Genuss des Sozialstaates zu kommen, der der Elterngeneration ein angenehmes Leben bescherte. Und diese Vorstellung gibt den Protesten Rühle zufolge einen großen Teil ihrer Wucht.
Die politische Bedeutung der weltweiten Jugendrevolte
Die politische Bedeutung der weltweiten Jugendrevolte wird sichtbar, wenn man sie mit der Protestbewegung von 1968 vergleicht. So wird der Jugendprotest von 2010/2011 ebenso wie der von 1968 überwiegend von jungen Menschen mit hohen sozialen Kompetenzen getragen, die aus kleinen Familien stammen und deren Eltern sozial aufgestiegen sind. Es gibt jedoch - so Heinz Bude – einen entscheidenden Unterschied. So folgte die Protestbewegung von 1968 einer sozialistischen Utopie und war geprägt von Optimismus, während unter den Avantgardisten des Aufbruchs von 2011 die Überzeugung herrscht, dass, solange sie leben, in Wirtschaft und Gesellschaft alles hoffnungslos schiefgelaufen ist. Die revoltierenden Jugendlichen von 2010/11 fühlen sich mit anderen Worten erdrückt von den Problemen, die die ältere Generation angehäuft hat, wobei – so der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie – zu den ökonomischen Problemen noch der weltweite Klimawandel hinzukommt.
Das bedeutet auch, dass den protestierenden Jugendlichen von 2010/2011 zwar bewusst ist, dass die Welt grundlegend verändert werden muss, dass sie aber nur eine ungefähre Vorstellung davon haben , wie diese Veränderung aussehen und wie sie ablaufen müsste. So weiß die junge Generation - folgt man der Einschätzung von Wolfgang Gründinger - um die Vorzüge von Marktwirtschaft und Demokratie, aber hält nicht viel von Kapitalismus und Staat. Ihrer Meinung nach soll die Wirtschaft wieder dem Menschen und nicht der Mensch der Wirtschaft dienen, und sie plädiert - so Klaus Hurrelmann – für eine Form direkter Demokratie. Insgesamt gesehen kann der weltweite Jugendprotest von 2010/2011 als das weltgeschichtlich wichtigste Phänomen der letzten 20 Jahre betrachtet und damit in seiner Bedeutung den osteuropäischen Freiheitsbewegungen gleichgestellt werden, die zum Fall des eisernen Vorhangs geführt haben.
Quellennachweis:
- zeit.de
- zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen
- zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen
- sueddeutsche.de
- derwesten.de
- politikexpress.de
- tumblr.com
- zeit.de
Bildnachweis:
- Gerd Altmann/Shape:ladyoak.com/Pixelio.de
- Julian Rokitta/Pixelio.de
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