Der Wiener Zentralfriedhof - sterben, um zu leben.

Grabmal Alfred Hrdlicka - Peter Lachnit
Grabmal Alfred Hrdlicka - Peter Lachnit
1874 wurde der Wiener Zentralfriedhof eröffnet. Mit zweieinhalb Quadratkilometern ist er nach dem Hamburger Friedhof die zweitgrößte Ruhestätte Europas.

Österreichern und vor allem den Wiener Bürgern wird ein gewisser Hang zur Morbidität nachgesagt. In der lateinischen Sprache bedeutet dies "weich", oder auch "zart". Dieser weiche oder zarte Umgang mit dem Tod manifestiert sich in einem Friedhof, der sogar eine Touristenattraktion ist - der Wiener Zentralfriedhof.

Kaiser Joseph II. und sein ungeliebter Wiener Zentralfriedhof

Die zweitgrößte Ruhestätte Europas - nur Hamburg hat einen größeren Friedhof - hatte es anfangs nicht leicht. 1874 eröffnet, lag der Friedhof damals noch an der Peripherie der Stadt und wurde von den Bürgern Wiens nicht sehr gut angenommen. Es gab ja viele kleine Friedhöfe in der Nähe. Aber die Bevölkerungszahl Wiens stieg Mitte des 19. Jahrhunderts ständig, die letzten Ruhestätten stießen an ihre Kapazitätsgrenzen. Die "Josephinischen Reformen" waren unter anderem ein entscheidender Einschnitt in das Wiener Bestattungswesen. Der katholischen Kirche wurde die alleinige Zuständigkeit für Begräbnisstätten entzogen, die Gemeinde Wien konnte nun Ruhestätten anlegen, musste sie aber auch verwalten. Die österreichische Monarchie war Mitte des 19. Jahrhunderts noch expandierend und man rechnete mit einer Bevölkerungszahl von vier Millionen Menschen in Wien bis zu der Jahrhundertwende. Menschen, die hier leben und auch sterben und eine letzte Ruhestätte brauchen. Der neu angelegte Zentralfriedhof blieb aber vorerst ungeliebt.

Prominente tote Mitbürger als Werbeträger

Öffentliche Verkehrsmittel waren im 19. Jahrhundert noch rar und der Wiener Zentralfriedhof daher auch schwer erreichbar. Die Frage bestand, wie man den Zentralfriedhof der Bevölkerung ans Herz legen kann. Die Antwort wurde dahingehend gefunden, dass prominente Mitbürger in einem eigenen Hain ihre letzte Ruhestätte bekamen. Diese Tradition hat sich bis in das 21. Jahrhundert erhalten und hat dadurch den Wiener Zentralfriedhof zu einer Touristenattraktion gemacht. Ob man das Grab eines Beethovens oder Mozart sucht, bekannte Schauspieler wie etwa Hans Moser, Helmut Qualtinger oder Paul Hörbiger finden will. Am Zentralfriedhof kann man sich auf eine Zeitreise begeben, die verschiedenen Grabmäler sind durchaus oft auch Kunstwerke.

Architektonische Meisterwerke am weiten Feld

Da der Zentralfriedhof auf nahezu unbebauten Gebiet an der Wiener Peripherie entstand, hatten Architekten fast freie Hand Bauwerke nach eigenen Ideen zu errichten, Zudem wurde der Friedhof nach einem klaren Wegesystem errichtet, der die Orientierung erleichtert. Der Zentralfriedhof wird daher auch "Stadt der Toten inmitten der Stadt der Lebenden" bezeichnet. Nach dem imposanten Haupttorbereich, der 1905 nach Entwürfen von Max Hegele entstand, sticht sofort die ebenfalls von Hegele entworfene Karl Borromäus-Kirche ins Auge. In zweijähriger Bauzeit (1908 - 1910) errichtet, zählt sie heute zu den bedeutendsten Jugendstil-Kirchenbauten. Unter dem Hauptaltar befindet sich die Gruft des 1910 verstorbenen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger, welcher 1908 den Grundstein für die Kirche legte. Traditionell legt die Wiener ÖVP (Österreichische Volkspartei) wöchentlich einen neuen Kranz vor diese Gruft.

Quelle: Ursula Schwarz (Wienguide)

Peter Lachnit , Peter Lachnit

Peter Lachnit - Geboren 1959 in Klosterneuburg (Niederösterreich). Seit 1981 journalistisch tätig. Studium der katholischen Theologie ...

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