Der Yanomami-Konflikt

Der südamerikanische Stamm der Yanomami im Wandel der Zeit, ihre kriegerische Kultur und die Konflikte, die der Kontakt mit dem Westen mit sich bringt.

Die Yanomami sind ein Stamm im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet, die an der Wasserscheide zwischen Orinoco und Amazonas leben. Wichtige Arbeit bei der Erforschung der Yanomami leistete der 1938 geborene amerikanische Anthropologe Napoleon Chagnon, der von 1964-1966 bei ihnen lebte. Er beschreibt sie in seinen Arbeiten als kriegerisch und wild sowie primitiv, bevor sie unter den Einfluss der Zivilisation gerieten. Laut Chagnon stellen die Yanomami eine Art “zeitgenössische Ahnen” dar, die einen Erkenntnisse für die eigene Vorgeschichte gewinnen lassen. Die Yanomami sehen im Angriff die beste Verteidigung, wobei ihre souveräne Stammespolitik das Produkt einer langen und ungestörten soziokulturellen Evolution darstellt.

Die Kultur der Yanomami ist eine kriegerische. Von klein auf werden die männlichen Kinder auf ihre Rolle als Krieger vorbereitet, spielerisch der Kampf geübt. Das Ertragen körperlicher Schmerzen spielt hierbei eine wichtige Rolle; Schwäche wird nicht oder kaum geduldet. Doch zumindest ist in den letzten Jahrzehnten die Blutrache eingedämmt worden, die sich früher noch über Generationen hinziehen konnte.

Weniger westlich beeinflusst als die meisten anderen Völker, haben auch die Yanomami inzwischen gravierende Veränderungen erfahren. So führten sie Kriege um Zugriff auf und Kontrolle über westliche Güter. 1966 herrschte eine höhere Gewaltbereitschaft als noch 1946. Doch auch außerhalb des Kriegskontextes spielt die Gewalt bei den Yanomami eine große Rolle.

Örtliche Geschichte

Die Yanomami waren von etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts bis ca. 1850 mit wechselnder Intensität Überfällen durch Sklavenhändler ausgesetzt. Der Stamm zog sich daraufhin ins Parima-Hochland zurück, welches sich im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Venezuela befindet. Dennoch gab es sporadische Handelsbeziehungen, zu deren Pflege Stammesmitglieder die Abgeschiedenheit verließen. Während des Gummi-Booms im späten 19. Jahrhundert wurden auch die Bergregionen erschlossen, was zu Krieg und Migration führte. Mit dem Zusammenbruch der Gummiproduktion und einer daraus resultierenden Isolation von etwa 1920-1940 erhielten die Yanomami eine Ruhepause vor westlicher Einflussnahme. Ab 1940 kam es wieder zu gelegentlichen Kontakten, die über Jahrzehnte hinweg intensiviert wurden, teilweise auch gewaltsam.

Wohlhabende Dörfer waren häufig der Bedrohung durch Feinde ausgesetzt; sie demonstrierten daher 1955 ihre überlegene Militärmacht. Es schloss sich eine halbe Dekade des Friedens an.

Seuchenproblematik

Der Kontakt mit dem Westen brachte auch Epidemien mit sich. Diese brachen zuerst im Orinoco-Mavaca-Gebiet um 1940 aus. 1960 kam es zu einer schweren Malaria-Epidemie, welche die Bevölkerung der Yanomami um 10% verringerte. Ein erneuter Ausbruch erfolgte 1963; 1968 wurde der Stamm durch die Masern dezimiert. Die Verluste in den Dörfern betrugen bis zu 40%; vor allem Alte fielen der Seuche zum Opfer. Dazu kommen Kriegstote. So starben nach einer Schätzung 25% aller männlichen Erwachsenen des Unterstammes der Namoweiteri und 30% der männlichen Shamatari durch Kriegseinwirkung. In anderen Gebieten des Stammes der Yanomami fallen die Opferzahlen jedoch geringer aus.

Wandel durch den Westen

Auffällig ist, dass es im Orinoco-Mavaca-Gebiet während der Kontaktperiode mit dem Westen ungewöhnlich viele Tote gab, was zu Chaos und Zusammenbruch führte, sowie zur Etablierung einer neuen sozialen Ordnung. Doch auch ökologische Probleme brachte der Kontakt mit sich. So kam es wahrscheinlich bereits kurz nach der Ansiedlung von Dörfern nahe westlicher Außenposten zu einem Rückgang der Tierarten. Die Folge davon konnte eine Spaltung des Dorfes sein, dient das Teilen von Fleisch schließlich dem Erhalt des Sozialgefüges.

Auch der mit dem westlichen Kontakt einhergehende technologische Wandel veränderte das Leben der Yanomami drastisch. Besonders begehrt waren Schneidwerkzeuge wie Messer, Macheten und Äxte. Oft nahmen Stammesmitglieder einen langen und gefahrvollen Weg auf sich, um an diese Werkzeuge zu gelangen. Auch Überfälle dienten dem Erwerb der Gerätschaften. Metallwerkzeuge waren zwar lange vor der Erforschung durch Anthropologen bekannt, doch weckte der Westkontakt neue Bedürfnisse und führte direkt in die Abhängigkeit.

Die Yanomami im Orinoco-Mavaca-Gebiet standen im engsten Kontakt mit Westlern, sie wurden aus diesem Grund von anderen Yanomamis als „weiß geworden“ angesehen. Metallwerkzeuge sind in der indigenen Ökonomie unnatürlich, doch aufgrund des Verwendungszwecks und der Seltenheit wertvoller als naturgegebene Gegenstände. Der Zugriff auf diese Ressourcen war jedoch beschränkt auf Orte mit westlicher Präsenz, so dass die Beschaffung ein Schlüsselproblem darstellte. Zum Teil verlegten die Yanomami ihre Dörfer aus den Gebirgsregionen, um an die Erwerbsquellen zu gelangen. Die durch diese Entwicklung entstehenden gegensätzlichen Interessen führten oft zu Gewalt.

Weitere wichtige Neuerungen in der Technologie war die Einführung von Gewehren. Dörfer, deren Bewohner mit Gewehren ausgerüstet waren, waren besonders gut vor Angriffen geschützt. Doch führte die Ausbreitung dieser neuen Waffe seit Mitte der 1960er Jahre auch zu zahlreichen Mordtaten. Aber wenigstens sorgte die medizinische Hilfe durch Westler für eine höhere Überlebenschance unter den Verletzten.

Die Dörfer an westlichen Außenposten waren auch besser mit Werkzeugen versorgt, was den Palisadenbau erleichterte und für zusätzlichen Schutz sorgte. Solcherlei taktische Vorteile sorgten für eine Art „Ankereffekt“, und es waren vor allem bedrohte Dörfer, die die Nähe solcher Posten suchten.

Bezahlt wurden die Werkzeuge vor allem durch Pelzhandel oder durch Arbeit in der Landwirtschaft. Die meiste Arbeit für die Westler verrichteten dabei Männer. Das Ziel war eine Monopolisierung des Zugriffs, welches man auch mit Bitten, Drohungen und Betrug zu erreichen suchte. Auch im Handel spielte Gewalt eine Rolle: Beliebt war so zum Beispiel das Aufzählen getöteter Feinde, was nichts anderes als eine versteckte Drohung darstellen sollte. Verweigerung bedeutete hier Lebensgefahr. Dörfer ohne Zugriff auf westliche Waren wurden zu Experten in der Herstellung lokaler Artikel.

Problematisch war auch die sinkende Hemmschwelle für Gewalt gegen Frauen. Waren sie in früherer Zeit wichtig für die Nahrungssuche während die Männer neue Gärten anlegten, fiel diese Arbeit im neuen Sozialgefüge weg. Frauen erhielten „niedere“ Tätigkeiten, was letzten Endes zu sinkendem Respekt führte.

Die Situation seit den 1980er Jahren

Da das Territorium der Yanomami reich an Bodenschätzen wie Gold und Uran ist, begann in den 1980er Jahren massiver Raubbau an der Natur. Der Lebensraum der Indigenen wurde massiv eingeschränkt, Dörfer zerstört, Stammesmitglieder ermordet. Innerhalb von sieben Jahren starben 20% der Eingeborenen. Deshalb wurde 1992 dank des Einsatzes von Menschenrechtsorganisationen ihr Land abgegrenzt, was die Lage der Yanomami wieder verbesserte. Echte Besitzrechte an ihrem Land werden dem Stamm jedoch bis heute vorenthalten.

Hagen Winsmann, Foto: Fotoatelier Wege

Hagen Winsmann - Hallo, Mein Name ist Hagen Winsmann. Ich studiere seit Oktober 2005 Prähistorische Archäologie an der ...

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