Der "zweite" Schauspieler: die Synchronstimme im Film

Wie die Synchronstimme im Film die Wahrnehmung der schauspielerischen Darstellung beeinflusst.

Die Wirkung der menschlichen Stimme auf ihre sozialen Umgebung ist schon Gegenstand vieler wissenschaftlichen Untersuchungen gewesen, doch auch abseits all dieser Studien weiß jeder Einzelne aus eigener Erfahrung, wie sehr sie für sich einnehmen kann – oder auch nicht. Während sie jedoch im zwischenmenschlichen Miteinander nur eine von mehreren Faktoren ist, die über Sympathie und Antipathie entscheiden, übernimmt sie in der isolierten, rein auditiven Wahrnehmung eine maßgebliche Rolle bei der Beurteilung des „Gegenüber“.

Im synchronisierten Film erscheint diese isolierte Wahrnehmung zunächst einmal aufgehoben – immerhin wird sie von der Gestik, Mimik und Bewegung des Darstellenden begleitet, die gleichberechtigt Anteil an seiner schauspielerischen Fähigkeit haben (sollten). Tatsächlich aber zeigt sich beim Wechsel einer Synchronstimme, in welchem Maße der Zuschauer die Ausstrahlung eines fremdsprachigen Schauspielers über seine vormals geliehene Stimme rezipiert.

Die Macht der schönen Gewohnheit

Filme im Originalton fristen in Deutschland nach wie vor ein Nischendasein, aller Globalisierung zum Trotz. Nur sehr wenige Länder in Europa kommen dem fremdsprachlich unkundigen Zuschauer so sehr entgegen und betreiben einen derartigen Aufwand, um ihm ausländische Filme „ohrgerecht“ zu servieren. Entsprechend innig ist dessen Beziehung zu den Stimmen, die seinen Stars Gehör verschaffen. Wer diese Stimmen leiht, ist nebensächlich – entscheidend ist allein, wie sie mit dem Schauspieler zu einer Einheit verschmelzen. Und hierbei spielt die Zeitspanne der An-Gewöhnung eine erhebliche Rolle.

Wer kennt Gert Günther Hoffmann? Vermutlich kaum jemand. Und dennoch ist er jedem hierzulande vertraut, der Paul Newman kennt. Bis 1997 hat Hoffmann dem amerikanischen Mimen seine Stimme geliehen – und ihm so über Jahrzehnte ein ganz eigenes Profil gegeben. Hoffmanns Stimme steht stellvertretend für unzählige andere, die über einen längeren Zeitraum bekannten Darstellern aus Amerika und dem europäischen Ausland ein „akustisches Gesicht“ gegeben haben. Ansprechend sind diese Stimmen fast immer, denn sie stammen fast ausnahmslos von Schauspielern, die über eine spezielle Sprechausbildung verfügen, welche neben Atmung und Timing auch Ausdruckskraft und Vielseitigkeit trainieren.

Bemerkenswert ist, dass eine vertraut gewordene Leih-Stimme in der Wahrnehmung des Zuschauers / Zuhörers derart eng mit dem Darsteller verknüpft wird, dass sich die Frage, ob sie zum Typus des Schauspielers passt, gar nicht mehr stellt. Vielmehr nimmt sie einen so hohen Stellenwert ein, dass sie seinen Typus geradezu definiert.

Die Stimme als Markenzeichen

Wie sehr die Gewöhnung an eine Synchronstimmung zur Profilierung eines Schauspielers beiträgt, zeigt sich immer dann, wenn sie plötzlich wechselt. Oder auch vorübergehend durch eine andere ersetzt wird. Ein passendes Beispiel bietet die Figur des Inspektors Columbo aus der gleichnamigen Serie.

Die charismatische Figur ist in Deutschland mit gleich fünf Synchronsprechern belegt worden: Klaus Schwarzkopf, Uwe Friedrichsen, Horst Sachtleben, Claus Biederstaedt und Hans Sievers. Dass der Schauspieler Schwarzkopf in der Beliebtheitsskala ganz oben rangiert, spricht für die These, dass eine geliehene Stimme umso mehr Akzeptanz erfährt, je häufiger sie eingesetzt wird: Schwarzkopf synchronisierte Peter Falk in dieser Rolle am längsten. Interessanterweise genießt die Stimme von Uwe Friedrichsen, der nur die ersten beiden Folgen übernahm, eine gleichfalls starke Sympathie bei den Zuschauern. Das wiederum kann damit zu tun haben, dass das breite Publikum den Inspektor über diese Stimme kennengelernt hat. Oder aber auch: Friedrichsens Stimme wurde als durchaus passend empfunden.

So oder so drängt sich die Annahme auf, dass die Stimme in der Wahrnehmung deutlich mehr abdeckt als nur ein akustisches Signal. Der Dreiklang von Tonhöhe, Wärme und Timbre ruft vielmehr Emotionen hervor, die weit über das rein auditive Empfinden hinausgehen – und im Falle einer Synchronstimme zu den Grundpfeilern eines ganzen Charakters werden können. Mit welchem Gewicht, belegt ein Vergleich der zwei Synchronfassungen von „Notorious“ (Berüchtigt) von Alfred Hitchcock, worin Ingrid Bergman zunächst mit der Stimme von Tilly Lauenstein besetzt wurde und später mit der von Marianne Wischmann. Während Lauenstein mit ihrem gebrochenen Vokal dem körperlichen Verfall der Bergman-Figur (sie wird in dem Film unter dem Einfluss eines ihr zugeführten Gifts immer schwächer) eine überzeugende Tiefe verleiht, geht diese Wirkung in der Wischmann-Version gänzlich verloren.

Die erste Stimme greift meistens

Betritt ein ausländischer Newcomer die Bühne des Films, liegt es in der Macht der deutschen Verleihfirmen, ihn mit einer mehr oder weniger präsentablen Synchronstimme zu besetzen. In den meisten Fällen ist diese Stimme bereits besetzt, man kennt sie von anderen Schauspielern. Ist dies so, findet eine unterbewusste Verknüpfung dieser Erinnerung mit dem „neuen“ Darsteller statt, er profitiert gewissermaßen von den Hör-Vorbildern. Ist die Synchronstimme hingegen noch relativ unbekannt bzw. unschuldig (so wie der Newcomer eben), wird er gewissermaßen mit ihr geboren. So oder so funktioniert sie als sein Passierschein in die Ohren der Zuschauer.

Erstaunlich ist, dass bei Umstellung auf das Original die Erinnerung an die vertraute Synchronstimme sehr schnell in Vergessenheit gerät und die authentische Stimme in kürzester Zeit voll und ganz vom Rezipienten akzeptiert wird – selbst dann, wenn ihr Klangbild dem Ohr weniger angenehm ist als die Leihstimme.

Elmar Spanehl - Niemals zuvor hat Sprache, die der Bilder eingeschlossen, eine solche Wirkung auf die Menschen gehabt wie in der modernen, medial ...

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