
- Solaranlage in Alheim - Stefan Heimann
Mitte Juni 2009 präsentierte eine große Industrie-Initiative ein wahrlich spektakuläres Vorhaben: Mit Hilfe riesiger solarthermischer Anlagen in der Sahara soll künftig ein Großteil des europäischen Energiehungers gestillt werden. Die Idee erscheint umweltfreundlich und einleuchtend und ist auch nicht neu. Aber nie erschienen derartige Überlegungen so realistisch wie an diesem Juni-Montag, als finanzstarke Großunternehmen sie der Öffentlichkeit unter dem Namen Desertec präsentierten.
In der gleichen Woche fand der Kongress „100% Erneuerbare-Energien-Regionen“ statt. Bei diesem Kongress diskutierten viele Vertreter aus deutschen Kommunen ihr Vorhaben, künftig den Energiebedarf ihrer Gemeinden zu 100% aus dezentralen Erneuerbare-Energie-Anlagen zu decken. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg: Jede Menge Kommunen wollten mitmachen. 100% Erneuerbare Energien in den deutschen Kommunen? Braucht man denn dann überhaupt noch ein milliardenschweres Großprojekt wie Desertec?
Die Energiewandlungstechnologie von Desertec
Zunächst mal war es aber ein Tag der großen Worte und Weltretteratmosphäre, als das Konsortium aus Großunternehmen wie den Energieversorgern RWE und e.on, dem Solartechnik- Anbieter Schott Solar und der Deutschen Bank ihre Pläne der Öffentlichkeit präsentierten. Zunächst erscheint alles ganz simpel und machbar: Die Strahlen der Sahara-Sonne sollen gebündelt durch Parabolrinnenspiegel eine Flüssigkeit erhitzen, deren Dampf dann Turbinengeneratoren antreibt und so Strom erzeugt.
Technisch alles längst ein alter Hut. Die eigentliche Herausforderung ist hier vielmehr der Maßstab: Große Mengen Wüstenstrom sollen über tausende Kilometer in ein riesiges Verbundnetz eingespeist werden, das dann bis 2050 stolze 15% des europäischen Stroms aus der Sahara-Region importieren soll. Alles in allem ein gewaltiges Projekt, mit dessen Dimensionen bisher noch keine Erfahrungen gesammelt werden konnten. Aber prinzipiell ist das keine Zauberei, alles machbar.
Die Vorteile von Desertec
Und die ökologischen und politischen Vorzüge strahlen einem erst mal ins Gesicht wie Sahara-Sonne: Dieses Wüstenstrom-Projekt würde Europas Abhängigkeit von fossilen Energieträgern signifikant verringern und auch das Versorgungsrisiko geografisch breiter streuen als bisher. Und der Klima- und Naturschutz würde natürlich auch profitieren, wenn der Strom CO2-neutral in der kargen Wüste produziert würde. Zwar sind insbesondere die beiden Konsortiumsunternehmen RWE und e.on, deren Kerngeschäfte eigentlich die klimaschädliche Kohleverstromung und die Atomkraft sind, nicht gerade für ihr übermäßiges Umweltengagement bekannt.
So liegt der Verdacht nahe, dass Desertec auch dem „Greenwashing“ solcher Unternehmen dienen soll. Aber für eine reine PR-Kampagne ist dieses Projekt dann doch zu groß. Und so erhöhen Unternehmen, die nicht der Ökobranche zuzuordnen sind, die Glaubwürdigkeit des Projekts und senden ein starkes Signal in die Wirtschaftswelt: Erneuerbare Energien sind heute längst nicht mehr nur was für hoffnungslose Idealisten, sie sind auch wirtschaftlich höchst interessant geworden. Und so scheint alles bestens durchdacht: Klima und Umwelt würden geschont, es könnten Arbeitsplätze entstehen, die afrikanischen Erzeugerländer könnten auch was vom Strom abhaben, außerdem könnte die Energie auch zur Meerwasserentsalzung und damit zur Wasserversorgung dieser wasserarmen Regionen beitragen. So freuen sich auch Greenpeace und Bundesregierung über die Initiative und begrüßen sie ausdrücklich.
Das veranschlagte Investitionsvolumen von 400 Milliarden Euro scheint also wirklich gut angelegt. 400 Milliarden Euro? Selbst in Wirtschaftskrisenzeiten, in denen für Banken- und Autobauerrettungsaktionen über Nacht Milliardenbeträge verprasst werden, wirkt diese Summe noch gewaltig. Zum Vergleich: Die Kosten für das aktuell in Finnland entstehende Kernkraftwerk Olkiluoto werden auf 4,5 Milliarden Euro geschätzt. Aber finanzielle Bedenken hat der künftige Desertec-Aufsichtsratsvorsitzende dennoch nicht: "Im Kraftwerkssektor sind das Peanuts."
Kritik an Umsetzbarkeit
Die finanzielle Realisierbarkeit lässt sich ohne tiefere Einblicke in die Projektplanung nur schwer seriös abschätzen. Andere Unwägbarkeiten erscheinen da schon offenkundiger: So sind einige Länder, auf deren Territorium die Stromerzeugung und -durchleitung stattfinden würde, als politisch und gesellschaftlich instabil einzustufen. Europa würde sich also mit diesem Großprojekt in neue energiepolitische Abhängigkeiten von instabilen und nichtdemokratischen Ländern begeben.
Als technische Achillesferse des Projekts sehen viele Energieexperten das riesige benötigte Leitungsnetz. Auch lässt ein Vergleich mit einem anderen Großprojekt Zweifel an der Umsetzbarkeit von Desertec aufkommen: Tatsache ist, dass die Errichtung der deutschen Offshore-Windparks, an denen auch Desertec-Unternehmen beteiligt sind, seit vielen Jahren kaum vorankommt – auch wenn solche Anlagen beispielsweise in Dänemark seit vielen Jahren in Betrieb sind und sie technisch eine deutlich kleinere Herausforderung darstellen als Desertec.
Eurosolar hält Fernübertragung der Energie für nicht sinnvoll
Träger das Alternativen Nobelpreises und Präsident von Eurosolar Hermann Scheer kommentiert das Desertec-Projekt wie folgt: „Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Glück liegt so nah?“ Scheers zentraler Einwand gegen das Wüstenstromprojekt ist, dass die Kosten für die Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energiequellen in Deutschland bis zum möglichen Zeitpunkt einer Inbetriebnahme von Desertec so niedrig sein werden, dass sie den aufwendig übertragenen Wüstenstrom deutlich unterbieten würden.
Laut Scheer wäre Desertec nur sinnvoll, wenn die Potenziale der Erneuerbaren Energien in Deutschland und Europa nicht ausreichen würden – was aber nach Meinung vieler Energieexperten nicht der Fall ist. Eine Wüstenstromanlage in der Sahara kann natürlich trotzdem sinnvoll sein: für die afrikanischen Länder selbst. Ein solches Projekt in den afrikanischen Entwicklungsländern ist aber für das Desertec-Konsortium sicherlich wirtschaftlich deutlich weniger attraktiv.
Behindert Desertec den dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energieanlagen?
Laut Scheer würde bei einer ausschließlich Versorgung afrikanischer Länder mit Wüstenstrom außerdem ein Effekt ausbleiben, der insbesondere für die großen Energieversorgungsunternehmen im Konsortium nicht uninteressant ist: So würde eine Großanlage wie Desertec die bestehenden monopolistischen Strukturen in der Energiewirtschaft auf viele Jahre hinaus zementieren – während der Ausbau von dezentralen Anlagen in den Deutschen Kommunen die Energieversorgung in viele Hände legen würde. Aus volkswirtschaftlicher, politischer und auch aus ökologischer Sicht erscheint eine solche dezentrale Struktur deutlich sinnvoller: Sie benötigt kürzere Übertragungswege und wäre daher nicht so verlustintensiv, sie würde Wirtschaftskreisläufe in den Kommunen ankurbeln, sie wäre demokratischer und sie macht unabhängig von Energieimporten aus anderen Ländern.
Auf dem Kasseler 100%-Kongress erscheint eine dezentrale Versorgung auch als durchaus realistische Option: „Eine vollständige, also hundertprozentige Versorgung aus erneuerbaren Energiequellen ist aus heutiger Sicht in einem effizienten Energiesystem möglich", so Harry Lehmann, Fachbereichsleiter beim Umweltbundesamt und Experte für nachhaltige Energiesysteme auf dem Kongress. Hermann Scheer und auch andere Stimmen warnen aber davor, dass Desertec den Ausbau einer dezentralen, auf Erneuerbaren Energien basierenden Energieversorgungsstruktur behindern könnte – da die Unternehmen natürlich ein Interesse daran haben, dass ihr Wüstenstromgeschäft nicht durch eine solche Struktur zur Fata Morgana wird.
