
- Neues von der NAIAS: der SLS AMG E-Cell mit 526 PS - Cornelia Schaible
Kaum ist die Krise halbwegs überstanden, feiern sie schon wieder. Anlass dafür gibt es genug: General Motors hat nicht nur eine Insolvenz überstanden sowie eine drastische Verschlankung, bei der vier von acht Marken über die Klinge springen mussten; nach vorübergehender Verstaatlichung wird GM seit kurzem auch wieder an der Börse gehandelt und konnte sich erstaunlicherweise als US-Marktführer behaupten. Das Elektroauto Chevrolet Volt, mit dem GM in die Zukunft starten will, wurde zu Beginn der Detroiter Automesse zum nordamerikanischen „Auto des Jahres 2011“ gewählt. Außerdem steht bei Chevrolet ein Jubiläum ins Haus – im November feiert die GM-Kernmarke ihr 100-jähriges Bestehen. Uff, gerade noch einmal gutgegangen.
Gerade noch einmal gut gegangen – bei GM wie bei Chrysler
Das denkt man sich wahrscheinlich auch bei Chrysler, wo nach einem Insolvenzverfahren Fiat das Regiment übernommen hat. Auch hier gibt es Positives zu berichten: Chrysler konnte unter den US-Autobauern sogar am meisten zulegen; die Verkäufe stiegen im vergangenen Jahr um 16 Prozent. Und mit 16 neuen oder aufgefrischten Modellen hat der kleinste Hersteller der „Großen Drei“ aus Detroit durchaus wieder etwas zu bieten – nur ungern erinnert man sich an die Tristesse der Automesse von 2009, als Chrysler einfach ein paar Ladenhüter auf den blanken Boden der Messehalle stellte, weil es für einen richtigen Stand nicht mehr gereicht hatte. Und im vorigen Jahr warb die Firma noch mit Produkten aus dem Hause Fiat sowie dem Prinzip Hoffnung.
Trotzdem sah man Fiat-Chef Sergio Marchionne – wie immer im dunkelblauen Pullover, der ihn eher wie einen Literaturprofessor als einen Topmanager aussehen lässt – mit besorgter Miene durch die Ausstellung eilen. Wahrscheinlich weiß der oberste Chrysler-Sanierer noch nicht so recht, wie er die staatlichen Kredite in Höhe von 5,8 Milliarden Dollar zurückzahlen soll. Lediglich beim Anblick der neuesten Jeep-Karossen schien sich sein Gesicht etwas aufzuhellen. Ohne diese ikonische Marke hätte Chrysler wahrscheinlich nicht überlebt: Der neue Jeep Grand Cherokee, seit Sommer auf dem Markt, ist der unbestrittene Star der Produktpalette und ein Verkaufsschlager. Ein Makeover haben jetzt auch andere Modelle wie Compass und Patriot bekommen. Und der Geländewagen-Hersteller kann ebenfalls einen runden Geburtstag feiern: Jeep wird 70.
Mercedes stiehlt den anderen NAIAS-Ausstellern die Schau
Aber was ist das schon in der Automobilgeschichte. Auf der anderen Seite der Messehalle lässt die Marke mit dem Stern die Jüngeren leicht alt aussehen: Unter dem Motto „125! Years of Innovation“, bei dem ein extra Ausrufezeichen jeden falschen Eindruck von Bescheidenheit verhindert, stiehlt Mercedes-Benz den anderen Ausstellern die Schau – oder vielmehr die Show. Gegenüber dem Messegebäude Cobo Hall hängt am ehemaligen Hotel Pontchartrain ein über 21 Stockwerke reichendes Werbeplakat mit dem Flügeltürer SLS AMG und dem Titel „Oh Lord ...“, eine Anspielung auf den Janis-Joplin-Song „Mercedes-Benz“. Am Messestand selbst sorgte der fluoreszenzgelbe SLS AMG E-Cell mit 526 PS und einem Elektromotor pro Rad für Aufsehen.
Nur Porsche machte ähnlich viel Wind bei den Pressetagen der Detroiter Autoshow, die vom 15. bis zum 23. Januar ihre Tore fürs allgemeine Publikum öffnet. Nach dreijähriger Abwesenheit war das aber auch nötig: Mit einem Pressefrühstück und dem spektakulären Hybrid-Rennwagen 918 RSR meldeten sich die Zuffenhausener zurück. Zwar wird der Hightech-Bolide aller Voraussicht nach nicht in Serie gehen, aber Porsche-Chef Matthias Müller bezeichnete ihn stolz als „rollendes Rennlabor, aus dem wir wichtige Erkenntnisse für die weitere Elektrifizierung unserer Modelle gewinnen“.
Überhaupt ist es immer wieder erstaunlich, wie viel Präsenz die deutschen Hersteller bei der wichtigsten US-Autoshow zeigen, wenn man bedenkt, dass sie heute gerade mal auf 7,6 Prozent Marktanteil in den USA kommen. Seit 2005 bedeutet das aber immerhin eine Steigerung um 2,5 Prozentpunkte, und VDA-Präsident Matthias Wissmann sieht noch Wachstumspotential auf dem nach wie vor größten Automobilmarkt der Welt: „Die USA bleiben Autoland“, sagte er in Detroit. „Die Bürger setzen auch künftig auf individuelle Mobilität.“ Allerdings werden nur wenige Amerikaner ihre Mobilitätsträume im neu vorgestellten Audi A6 oder im BMW 6er Cabrio verwirklichen.
Ein länglicher Passat für die Amerikaner, made in USA
Während die deutschen Autobauer bisher vor allem den Premiummarkt belieferten, will VW nun mit einem Mittelklasseauto punkten: Der mit knapp fünf Metern längste Passat aller Zeiten ist Made in USA. Die neu erbaute Fabrik in Chattanooga, Tennessee, ist in einem Werbefilm am Stand zu sehen – demnach will VW mit dem US-Passat insgesamt 12.000 Menschen eine Beschäftigung bieten. An eine Hybrid-Version des Autos hat VW – zumindest vorerst – allerdings nicht gedacht.
Hybridfahrzeuge gibt es dafür bei den amerikanischen Herstellern in großer Zahl, und bei den asiatischen sowieso. Toyota will den Prius zu einer ganzen Modellfamilie ausbauen, zu der auch ein Kompaktvan mit deutlich mehr Kofferraum gehört. Auch Elektroautos haben ihren Exoten-Status längst eingebüßt. Zwar macht GM viel Aufhebens um den Chevy Volt, der nun schon zum dritten Mal auf der NAIAS zu sehen ist, aber auch Ford steht nun mächtig unter Strom: Vorstandschef Alan Mulally präsentierte unter anderem den mit Batterie betriebenen Focus Electric sowie den Kompaktvan C-Max-Energy, einen Plug-in-Hybrid.
Ford: 10 Spritsparer in der Pipeline, 7000 Neueinstellungen
Insgesamt hat Ford, der als einziger US-Hersteller ohne Regierungskredite überleben konnte, zehn kompakte Spritsparer in der Pipeline. Eine weitere Nachricht von der Marke mit dem blauen Oval: Ford braucht wieder mehr Mitarbeiter – die Rede ist von 7000 Neueinstellungen innerhalb der nächsten zwei Jahre.
Auch der schwer gebeutelte Autoriese GM zelebriert nicht nur die Vergangenheit, sondern blickt auch wieder hoffnungsvoll in die Zukunft – und noch nie zuvor haben sich die Versprechungen so realistisch angehört wie diesmal, und die Autos haben auch noch nie so vernünftig ausgesehen. Dan Akerson, neuer CEO von GM, stellte den Kleinwagen Chevrolet Sonic vor. Es war die letzte Pressekonferenz am ersten vollen Messetag, und anschließend gab’s Bier und Hamburger. Die Extravaganzen überließ man diesmal den Deutschen.
North American International Autoshow (NAIAS)
Cobo Center, One Washington Blvd., Detroit, Michigan 48226
Publikumstage vom 15. bis 23. Januar 2011
