Deutsch als Fremdsprache und die Mnemotechnik

Der Einsatz von Gedächtnisstützen beim Erlernen des Genus

Die deutschen Artikel "der, die, das" stellen eines der Hauptprobleme für Deutschlernende dar. Der Einsatz der Mnemotechnik kann wertvolle Hilfestellung geben.

Anders als bei den meisten grammatischen Bereichen, nach deren Beherrschung gilt, immer wieder die gleiche Struktur zu erkennen und zu benutzen, steht der Deutschlernende bei jedem neuen Substantiv, dem er begegnet und das von den in Grammatikbüchern aufgelisteten Artikelregeln nicht betroffen ist, vor einer neuen Schwierigkeit. Heißt es nun der, die oder das Stuhl, Tier oder Bank?

Die Verteilung der deutschen Artikel

Wie aus seiner amüsanten Abhandlung “Die schreckliche deutsche Sprache“ deutlich wird, hatte schon Mark Twain seine liebe Mühe damit, das Genus der deutschen Nomen logisch zu erfassen:

"Jedes Substantiv hat sein grammatisches Geschlecht, und die Verteilung ist ohne Sinn und Methode. Man muss daher bei jedem Substantiv das Geschlecht eigens mitlernen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Um das fertig zu bringen, braucht man ein Gedächtnis wie ein Terminkalender.“

In einem Punkt hatte Twain Recht. Die deutschen Artikel sind, abgesehen vom natürlichen Genus, tatsächlich völlig beliebig gesetzt. Jedoch in einer Behauptung hat er sich geirrt. Der Deutschlernende ist dem Artikeldschungel keineswegs völlig hilflos ausgeliefert. Licht kann man ins Dunkle bringen, indem man sich vor Augen führt, wie das Gehirn Informationen verarbeitet.

Bessere Lernerfolge durch Vorwissen

Mittlerweile hat man festgestellt, dass nicht, wie bislang angenommen, die Schüler mit der größten Motivation die besten Lernerfolge erzielen, sondern jene mit dem größten Vorwissen. Das Gehirn benutzt das bereits vorhandene Wissen, um es mit neuen Informationen zu verknüpfen, es fungiert sozusagen als Ablagefläche.

Die Artikel “der, die, das“ sind leere Worthülsen. Wie also soll das Gehirn diese drei Wörtchen mit einem Substantiv assoziieren und es sich dann auch noch in der Kombination merken? Dies kann es tun, indem es auf drei bereits bekannte Begriffe zurückgreift, die alle drei Geschlechter repräsentieren und diese mit den neu zu lernenden Informationen vernetzt, und zwar in Form von Bildern.

Die Mnemotechnik aus dem alten Griechenland

Diese Methode beruht auf der sogenannten Mnemotechnik der alten Griechen. Das Wort Mnemo geht auf griechisch mnéme zurück und bedeutet Gedächtnis, Erinnerung. Die Erfindung dieser Lernmethode wird etwa auf das Jahr 500 vor Christus zurückdatiert und Simonides von Keos, einem bedeutenden Lyriker der damaligen Zeit, zugeschrieben. Im alten Griechenland und Rom wurde dieses System in seinen vielfältigen Formen vor allem von Schauspielern und Rednern benutzt, die sich dadurch ihre Texte besser merken konnten.

Assoziation durch Bilder

Mithilfe dreier ausgewählter Kernbegriffe, zum Beispiel der Hund, die Rose und das Auto, werden nun vor dem geistigen Auge Bilder geschaffen. Dabei werden maskuline Substantive mit dem Bild des Hundes verknüpft. Man könnte sich beispielsweise vorstellen, dass der Bahnhof von Hunden bewacht wird oder dass beim Öffnen eines Rucksacks ein Hund herausspringt, dass man einen feuchten Kuss von einem Hund bekommt oder dass der Hund mit einem quietschenden Ball spielt. Folglich ist es der Hund – der Bahnhof, der Rucksack, der Kuss und der Ball.

Feminine und neutrale Nomen werden nach dem selben Prinzip mit dem Bild einer Rose oder eines Autos verbunden. Ein junger Mann, der auf seine Angebetete wartet, könnte vor lauter Ungeduld auf der mitgebrachten Rose herumkauen oder vor lauter Eifersucht auf ihr herumtrampeln. Ebenso könnte man das Radio einschalten und lautes Autogehupe hören oder sich ein Telefon in Form eines Autos kaufen. Somit heißt es die Rose – die Ungeduld, die Eifersucht beziehungsweise das Auto – das Radio, das Telefon.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Je absurder die Bilder sind und je mehr Emotionen mit einfließen, desto größer sind die Chancen, dass der Deutschlernende sich später wieder an die Bilder erinnert.

Angelika C. Bohn, Angelika Bohn

Angelika Bohn - Angelika C. Bohn wohnt und arbeitet seit 2007 in Brüssel. Dort unterrichtet sie im Rahmen des Goethe Instituts Deutsch als ...

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