Viel ist über Gottfried von Straßburg nicht bekannt, dafür gilt sein Werk als eines der meist diskutierten der deutschen mittelalterlichen Literatur. Atemberaubend virtuos erzählt er die tragische Liebesgeschichte von Tristan und Isolde.
Herkunft des Stoffes und die Bearbeitung durch Gottfried von Straßburg
Die Geschichte von Tristan und Isolde war bereits längere Zeit in Frankreich und Großbritannien bekannt, als Gottfried von Straßburg den Auftrag erhielt, die Leiden des ungewöhnlichen Liebespaares in deutscher Sprache zu verfassen. Als Grundlage für diese deutsche Fassung gilt eine französische Version des Stoffes. Gottfrieds Werk ist ein unglaublich dichter, komplexer Text, in dem er philosophische und theologische Gedankengänge hineinwebt, zwischen den Erzählebenen wechselt, den Text kommentiert, die Vorlage retuschiert und immer wieder Exkurse einbaut. Diese Komplexität macht das große Faszinosum dieses Werkes aus und ist einer der Hauptgründe dafür, dass es zu den meist interpretierten Werken der deutschen Literatur gehört.
Zeitgenössischer Ruhm wirkt dem Vergessen entgegen
Obwohl er wahrscheinlich vor Vollendung seines Werkes starb und es nicht beendet wurde, wird Gottfried von Straßburg für seinen Tristanroman von anderen Autoren sehr gerühmt. Gottfrieds Tristan und Isolde setzt Maßstäbe in der deutschen Literatur und dient anderen Autoren als leuchtendes Vorbild. Rühmend findet er Erwähnung in den Werken anderer Autoren - die einzigen Belege für seine Existenz, die erhalten geblieben sind. Keine anderen greifbaren Aufzeichnungen unterrichten die Nachwelt über den Menschen Gottfried von Straßburg und sein Leben Ende des 12. anfangs des 13. Jahrhunderts. Die Forschung hat versucht, sich anhand seines Erzähl- und Schreibstils ein Bild von ihm zu machen.
Geografische Herkunft Gottfrieds von Straßburg
Da es im Mittelalter keine einheitliche Schriftsprache gab, dient den Forscher der vorhandene Text als Anhaltspunkt. Aufgrund seiner Dialektfärbung, wird vermutet, dass Gottfried, wie sein Name schon sagt, aus dem Elsass stammt. Als weiteres Indiz für das Elsass als Heimat Gottfrieds dient die Tatsache, dass alle überlieferten Handschriften älteren Datums ebenfalls aus der Region kommen. Die Manesse Handschrift tradiert zudem als einzige ein Bild des Autors. Da Gottfried von Straßburg von seinen Berufskollegen immer nur meister genannt wird, geht die Forschung davon aus, dass er keine adlige Abstammung aufweisen konnte. Adlige Dichter wurden meistens mit her angeredet.
Stand und Ausbildung Gottfrieds von Straßburg
Die mittelalterliche Bezeichnung meister ist vieldeutig und öffnet den Raum für Spekulationen. Nicht nur Bürger, sondern auch Lehrer an Dom- und Stiftschulen wurden derart angesprochen, im Laufe des 13. Jahrhunderts wurde die Anrede auch für einen Meister eines Handwerks verwendet, in Gottfrieds Fall den eines Berufdichters. Zusätzlich konnte auch ein Kundiger oder ein Magister der septem artes liberales, der sieben freien Künste, als meister bezeichnet werden. Gottfrieds Belesenheit, seine Sprachbegabung und seine Gelehrsamkeit legen den Schluss nahe, ihn als solchen zu sehen. Seine Kenntnisse reichen über Theologie, Mythologie, Musik, Rechtskunde, ritterliche Bräuche und höfische Lebensart bis hin zu antikem und zeitgenössischem Gedankengut. Es ist wahrscheinlich, dass er seine Ausbildung in einer Lateinschule oder an einer berühmten Universität absolviert hat. Mit abschließender Gewissheit lässt sich jedoch nichts über seine Stellung sagen.
Großer Dichter
Die Biografen, die sich mit Gottfried von Straßburg auseinander gesetzt haben, sehen in ihm einen kultivierten Stadtbürger, der sich in seiner Art von anderen zeitgenössischen Dichtern unterscheidet. Sein unglaubliches Wissen setzt er in seinem Werk nie in Szene, trumpft nie damit auf. Mit großer Kunstfertigkeit setzt er es ein und bleibt dabei immer bescheiden. Szenen höfischer und ritterlicher Lebensart werden bei Gottfried nie ausschweifend und opulent erzählt, wie es in der zeitgenössischen Literatur sonst üblich ist. Es legt den Schluss nahe, dass er diese Art von Inszenierung nicht befürwortet. Wer sein Werk liest, merkt, dass Gottfried von Straßburg wahrlich ein außergewöhnlicher Mensch gewesen ist, gesegnet mit einer herausragenden Intelligenz, mit einem Scharfsinn und literarischen Können, das seinesgleichen sucht.
Quellen:
Gottfried von Straßburg, Tristan, Band 3, Kommentar, Reclam Verlag, Stuttgart, 7. Auflage, 2005.
Joachim Bumke, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, dtv-Verlag, München, 5. Auflage, Februar 2004.
Christoph Huber, Gottfried von Straßburg, Tristan, Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2. Auflage, 2001.
