Der Schleier der Zeit hat vielen einst berühmten Dichtern und Autoren ihren Ruhm geraubt. Walther von der Vogelweide ist einer der wenigen Autoren, die den Menschen auch heute noch ein Begriff sind. Diese Bekanntheit verdankt er in erster Linie den Handschriften, die sein Werk und seinen Namen überliefern und die sich durch die Wirren der Zeit hindurch gerettet haben. Glücklicherweise sind sie der Wissenschaft erhalten geblieben und künden nun von der Unterhaltungskultur vergangener Tage.
Walther von der Vogelweide und sein Beruf
Als Autor im heutigen Sinne darf man sich einen mittelalterlichen Dichter nicht vorstellen. Es gibt eine schriftliche Quelle, die Walther von der Vogelweide als cantor bezeichnet. Die Wissenschaft ist sich einig, dass man diese Berufsbezeichnung am besten mit „fahrendem Sänger“ umschreiben kann, der für verschiedene Auftraggeber tätig wurde. Walther von der Vogelweide dichtete als erster überlieferter Dichter in unterschiedlichen Gattungen, wobei all seine Werke als Lieder, vor Publikum, vorgetragen wurden. Bedauerlicherweise sind nur wenige Melodien zu den Texten Walthers überliefert. Die Texte können zwar gelesen werden, ihr Klang und ihre Melodien sind aber in den meisten Fällen für immer verloren.
Unsichere Herkunft Walthers von der Vogelweide
Die Mittelalterforschung sieht sich immer wieder mit dem Problem konfrontiert, fehlende oder bruchstückhafte Quellen als Forschungsgrundlage zu haben. Viele Begebenheiten lassen sich daher nur vermuten und eine abschließende Gewissheit gibt es nur in besonderen Glücksfällen. Über das Leben Walthers von der Vogelweide ist nichts Konkretes überliefert. Vieles spricht dafür, dass er um 1170 in Österreich geboren wurde, sicher ist es jedoch nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit hielt er sich als junger Mann am Wiener Hof auf, den er vermutlich, nach dem Tod Herzogs Friedrichs I., um 1198 verließ.
Leben im Dienste der Kunst
Nach dem Verlassen des Wiener Hofes reiste Walther von der Vogelweide an verschiedene Höfe, war für verschiedene Herrscher tätig. Die einzige Quelle, die ihn, den Berufssänger benennt, ist die Reiseabrechnung Wolfgers von Passau im Jahre 1203. Diese Rechnung hält die Auszahlung von fünf langen Schillingen für einen Pelzrock fest. Sein weiterer Lebensweg lässt sich nur anhand seiner überlieferten Texte zusammenstellen. Nachdem Walther für Friedrich I. tätig gewesen war, trat er vermutlich im Zeitraum von 1198 bis 1201 für König Philipp von Schwaben in den Dienst. Jedoch nicht ausschließlich, denn es lassen sich in diesem Zeitraum auch Texte für Leopold und für den Landgrafen Hermann von Thüringen feststellen. Sicherlich dichtete er nach dem Tod Philips von Schwaben auch für Otto IV. Seit Ende 1213 wird eine Tätigkeit für Friedrich II. angenommen. Sein Tod wird um das Jahr 1230 vermutet.
Grabstätte Walthers von der Vogelweide
Um das Jahr 1350, etwa 120 Jahre nach dem Tod Walthers von der Vogelweide, ließ der Würzburger Protonotar und Scholaster Michael Leone eine Handschrift anlegen, die Auskunft über das Grab des großen Dichters gibt. In dieser Handschrift wird überliefert, dass das sich sein Grab in Würzburg im Kreuzganggarten des Neumünsters befindet.
Walthers Werk und sein Nachwirken
Das Werk Walthers von der Vogelweide, welches bis in die Neuzeit hinein überliefert ist, weist eine ungewöhnliche Größe auf. Es sind in etwa 90 Lieder, 140 bis 150 Sprüche und ein Leich überliefert. In seinem Werk deckt Walther als erster deutscher Dichter alle drei lyrischen Gattungen ab: das Minnelied, der Sangspruch und das religiöse Lied, auch Leich genannt. Damit weist Walther in seinem Werk eine bisher unbekannte Vielfalt auf, die ihn auszeichnet. Seine Dichtung sprüht vor Witz und Wortgewandtheit, er spielt mit Ironie und Spott und erreicht in seinen Liedern eine Emotionalität, die den Rezipienten stark anspricht. Seine Lieder sind erstaunlich oft in der Ich-Form gehalten, was in der Forschung zu starken Diskussionen führte, wie dieses Ich verstanden werden sollte. Es ist heute jedoch klar, dass die Ich-Form in den Liedern nicht biografisch zu verstehen ist. Mehr als 25 Handschriften, eine außergewöhnlich hohe Zahl, zeugen von Walthers großen Ruhm. Er fand in seinem künstlerischen Ausdruck immer wieder neue Wege und inspirierte damit auch seine Nachfolger. Diese ehrten ihn mit Nennungen und Ehrerweisungen in ihren Werken. Dieser Ruhm ist nie komplett verblasst und leuchtet uns auch heute noch aus den mittelalterlichen Texten entgegen.
Quellen:
- Joachim Bumke, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, dtv-Verlag, 2004
- Manfred Günter Scholz, Walther von der Vogelweide, Verlag J.B. Metzler, 2005
