
- Briefmarke BRD - dido-ob
Geboren in den ersten Jahren der Nachkriegszeit zeichnet Johannes sein eigenes und das Leben seines Zwillingsbruders Josef im „schwerenöterischen“ Deutschland nach, das die beiden durch seine Geschichte reizt. Das ungleiche Zwillingspaar repräsentiert zwei deutsche Leittypen: melancholisch der eine, feurig-revolutionär der andere. Sie gehören zusammen gleich Apoll und Dionysos und sind genauso grundlegend verschieden, dass sie sich zeit ihres Lebens nicht miteinander versöhnen können. Als Repräsentanten des Deutschtums geraten sie in jedem Lebensabschnitt aneinander; als Zwillinge sind sie untrennbar vereint.
Vaterlos
Ohne Vater, und somit ohne Vorbildfigur, aufgewachsen, suchen sie nach einem, wenn auch nur virtuell, möglichen, den sie am politischen Horizont finden. Die zwei Lebensgeschichten verknüpfen sich mit Figuren wie Konrad Adenauer, John F. Kennedy, Willy Brandt und Rudi Dutschke. So nimmt es kein Wunder, dass die beiden schon früh am politisch-gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Revolutionäres Blut
Johannes, der aus der Retrospektive der 80er nach einem kürzlichen Aufenthalt in einer Anstalt erzählt, und sein Bruder Josef verfolgen die wesentlichen Stationen deutscher Nachkriegsgeschichte und partizipieren selbst an der 68er Bewegung. Als Pianist und Erzähler erscheint Johannes introvertierter als sein aktivistischer Bruder, der niemals zur Ruhe kommt, sondern ein durch und durch revolutionärer, schließlich reformierender, Zeitzeuge ist.
Antipoden
In frühen Jahren aufgrund kindlicher Zwistigkeiten getrennt, führen die ungleichen Zwillinge erst ein separates Leben, deren Lebenslinien sich später jedoch mehrfach kreuzen: Insbesondere im klösterlichen Internat und während der 68er Bewegung. Aufgrund ihrer ureigenen Wesensverschiedenheiten verwundert es nicht, dass dem schüchternen Johannes der Umgang mit dem anderen Geschlecht stets schwer fällt, während der aufgeschlossene Josef seinen Bruder in diesem Bereich meist einen Schritt voraus ist. Gemeinsam ist ihnen jedoch ihr Eigensinn, mit dem sie ihr Leben bestreiten, und das politisch-gesellschaftliche Interesse, das sie schon früh entwickeln. Schon im Internat geraten sie mit den Klosterbrüdern in Zwistigkeiten, später leben sie ihren Aktivismus gezielt in den Studentenrevolten aus. Man scheint sie nicht bändigen zu können.
Zeitgeschichtlicher Spiegel
Vielleicht sind die ungleichen Brüder als personifizierte Pendants zur ost- und westdeutschen Politik zu begreifen. Josef, offen und fortschrittlich, repräsentiert die westliche, während Johannes, verschlossen bis leicht regressiv, DDR-Politik widerspiegelt. Als Zwillinge sind sie jedoch zeit ihres Lebens untrennbar vereint, können nicht mit und nicht ohne den anderen.
Großes Erzählwerk
Obwohl nur fragmentarisch erzählt, gewährt der 800-Seiten dicke Wälzer, geschrieben schon zu Beginn der 80er, doch erst seit Dezember 2009 als Taschenbuch erhältlich, einen nicht unrealistischen Einblick in deutsches Zeitgeschehen. Ein Leckerbissen für politisch interessierte Leser, aber auch für Freunde des Entwicklungsromans.
Hans-Josef Ortheil: Schwerenöter. btb: 2009. Tb, 12,00 Euro, 797 Seiten.
