Während in Deutschland Sozial- und Gesellschaftsgeschichte im Vordergrund der historischen Forschung stehen, hat sich in Frankreich die Mentalitätsgeschichte durchgesetzt. In der Art der Betrachtung der Vergangenheit unterscheiden sich die deutsche und die französische Geschichtsschreibung. Während deutsche Historiker sich hauptsächlich der Methoden der Sozial- und Kulturwissenschaften bedienen, beziehen französische Historiker alle Wissenschaften mit ein, mit denen sich etwas über die Vergangenheit herausfinden lässt, beispielsweise Philosophie, Geographie, aber auch Psychologie, Anthropologie u.a.
Menschen machen Geschichte - Die französische Geschichtsschreibung
Die französische Mentalitätsgeschichte hebt besonders „lang anhaltende, kollektive Vorstellungen, Einstellungen, Gewohnheiten und Praktiken“ hervor. Dabei dienen ihr nicht, wie bei der Sozialgeschichte, Wirtschaftsdaten und demographische Daten, sondern beispielsweise Testamente und Votivtafeln, aber auch sprachliche Strukturen und Anschauungsweisen als Quellen.
In der französischen Geschichtsschreibung tauchte der Begriff „histoire totale“ auf, die Vision einer allumfassenden Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Im Gegensatz zur deutschen Geschichtsschreibung, die an eine menschenunabhängige Existenz der Tatsachen glaubte, war die Schule der „Annales“ davon überzeugt, dass Menschen Tatsachen schaffen. Dabei trat die Vorhersehung der Gegenwart hinter dem Erkennen der „Grundlagen der gegenwärtigen Existenz der Menschheit“ zurück.
Konflikte sozialer Gruppen - Geschichtsschreibung in Deutschland
In der deutschen Geschichtsschreibung stehen politische Entscheidungsprozesse im Vordergrund. Das heißt, die „Gesellschaft“, bzw. die „Nation“ als Gesellschaft, die sich durch außenpolitische Beziehungen auszeichnet, stehen im Vordergrund – und mit ihnen politische Entscheidungsträger und -prozesse. Beim Betrachten der Gesellschaft werden stets soziale Gruppen und Klassen unterschieden, deren Konflikte analysiert werden. So sind politische Entscheidungen das Ergebnis von Konflikten zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen und Interessenverbänden. Dabei stehen häufig langfristige Prozesse im Vordergrund.
Die menschliche Wahrnehmung - Mentalitätsgeschichte
Die Schule der „Annales“ lehnt dieses Konzept der personen- oder ereigniszentrierten Geschichtsschreibung ab und nähert sich der Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen an. Beispielsweise auf der Ebene der Wirtschaftswissenschaft, der Sprachwissenschaft u.a. Dadurch gewinnen „die geschichtlichen Bewegungen […] eine wechselseitige Unabhängigkeit“. Dabei spielt die Zeitwahrnehmung eine wichtige Rolle. Menschen nahmen in verschiedenen Epochen die Zeit unterschiedlich wahr. Des Weiteren spielt eine Rolle, inwiefern Menschen gegenwärtige Veränderungsprozesse wahrnehmen. Beispielsweise haben Wirtschaftszyklen einen anderen Rhythmus als Parlamentsperioden oder der Wandel des Klimas. Dort sahen Historiker wie Fernand Braudel ihr Aufgabe: Ereignisse aus der Überlagerung derartiger verschiedener Zyklen im Zeitpunkt eines Ereignisses festzustellen. Dabei spielen auch Zufälle eine große Rolle, von denen die Sozialgeschichte glaubt, sie durch gesetzmäßige Prozesse unterlaufen zu können.
Die französische Geschichtsschreibung interessiert sich in einem größeren Maße für Denkweisen vergangener Generationen und besitzt daher eine stärkere Selbstreflexivität als die Sozialgeschichte, die sich an Wirtschaftsdaten und Ereignissen und deren prozesshafter Entstehung orientiert.
