
- Jan Faktor, Favorit Deutscher Buchpreis2010 - Susanne Schleyer
Sie heißen Jan Faktor, Thomas Lehr, Melinda Nadj Abonji, Doron Rabinovici, Peter Wawerzinek und Judith Zander. Sie wurden in Tel Aviv, in der Vojvodina, in Vorpommern oder in Prag geboren. Deutsch ist nicht immer ihre Mutter-, sondern mehrfach ihre Zweitsprache. Nur wenige passionierte Leserinnen und Leser kannten diese Namen vor der Publikation der Longlist und der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2010. Erwartet worden waren andere Namen, Thomas Hettche, Martin Mosebach, Andreas Maier, Hans-Joachim Schädlich. Nun bleiben zwei Frauen, vier Männer übrig. Auf der Longlist standen nur fünf weibliche Namen, 15 männliche Autoren. Aber das ist ein anderes Thema. Man betrachte also die sechs "Richtigen":
Buchpreis-Favoriten im Frankfurter Literaturhaus
Wer sind diese Autoren? Was verbindet die von der Jury 2010 ausgesuchten Bücher? Im Frankfurter Literaturhaus traten sie alle zusammen auf, eine Premiere, denn noch nie gelang es, alle Shortlist-Autoren gemeinsam dem Lesepublikum vorzustellen. Für diese Leistung gebührt dem Management des Frankfurter Literaturhauses ein dickes Lob.
Gegenwartsautoren mit Migrationshintergrund
"Gemeinsame Welthaltigkeit" nannte die Buchpreis-Jury als verbindendes Element der Sechser-Favoritenliste. In der Tat standen noch nie so viele Namen von Autoren mit einem Migrationshintergrund auf dieser Bestenliste. Auch die Romanschauplätze liegen allenfalls in den neuen Bundesländern oder in der deutschsprachigen Schweiz, meist aber im Ausland, kein Mal im Gebiet der alten Bundesrepublik Deutschland.
Peter Wawerzinek - "Rabenliebe"
Insider der deutschsprachigen Literaturszene wissen, dass Peter Wawerzinek (geboren 1954) sowohl den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis als auch den Publikumspreis (6.000 Euro) im Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb für seinen Roman "Rabenliebe" errungen hatte. Mit der autobiografischen Ich- und Mutter-Suche eines einst in Vorpommern verwahrlosten und verlassenen Kindes verarbeitet Peter Wawrzinek sein eigenes Kindheitstrauma. Er wuchs in DDR-Kinderheimen, bei Pflege- und Adoptionsfamilien auf. Bis zum Alter von sieben Jahren blieb der Spätentwickler stumm - hier findet sich eine erstaunliche motivische Parallele zu Hanns-Josef Ortheils großartigem Roman "Die Erfindung des Lebens" (2009).
DDR-Sozialgeschichte und Kindesvernachlässigung heute
"Ich bin ein wehes Herzkind", formuliert Peter Wawerzinek im Frankfurter Literaturhaus sein Lebensthema. Erst als Erwachsener nach 50 Jahren begibt sich die Romanfigur genau wie der Autor selbst auf eine ernsthafte Suche nach der Mutter. Zwar spürt er sie auf, mit ihr acht Halbgeschwister im Westen, jedoch hat die Mutter seine Existenz und die seiner Schwester verdrängt, sie erinnert sich nur an zwei "Totgeburten". Mit dem Roman "Rabenliebe" gelang Wawerzinek ein großer literarischer Wurf, der neben der individuellen Trauergeschichte auch ein Stück DDR-Sozialgeschichte lebendig werden lässt, aber mit Hilfe sehr geschickt platzierter Pressemeldungen über aktuelle Fälle von Kindesverwahrlosung und Babymorden durch Eltern einen Bogen zur Gegenwart schlägt.
Judith Zander - "Dinge, die wir heute sagen"
Auch Judith Zanders Roman "Dinge, die wir heute sagen" (frei nach dem Beatles-Songtitel "Things we said today") spielt in der nordostdeutschen Provinz, im Fantasieort Bresekow. Die Autorin erhielt ebenfalls in Klagenfurt einen Preis, das 3sat-Stipendium (7.500 Euro). Die 1980 in Anklam geborene, am berühmten Literaturinstitut Leipzig diplomierte Schriftstellerin (Lacher im Frankfurter Publikum) schrieb lange Zeit nur Lyrik, bevor sie ihren Debütroman vorlegte, das Panorama eines vorpommerschen Dorfes.
Von Elpe und Bussi: DDR-Sprache in der Literatur
Judith Zander zu interviewen, ist sehr schwierig, es ist ihr sichtlich unangenehm, über sich selbst und ihr Werk zu sprechen. Sie liest lieber vor und ihre poetische Prosa lässt versunkene Wortschöpfungen aus dem DDR-Alltag wiederaufleben: "Elpe" für LPG, "Bussi" für Bushaltestelle. Der Roman handelt vom Weggehen, Wiederkommen und Bleiben wegen und trotz deutsch-deutscher Wiedervereinigung.
Thomas Lehr - "September. Fata Morgana"
Der Berliner Thomas Lehr (geboren 1957 in Speyer) war mit dem Roman "42" bereits im Jahr 2005 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis vertreten. Ohnehin gilt er als einer der klügsten und wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren und bekam schon viele Literaturpreise. "September. Fata Morgana" ist sein fünfter Roman, er handelt von zwei Vätern in den USA und im Irak, die jeweils ihre Tochter verlieren. Die eine stürzt mit den Twin Towers in den Tod, die andere stirbt in Bagdad.
Roman über 9/11 und Irak-Krieg
Eine deutsche Tageszeitung in Berlin bewertete Thomas Lehrs Roman als "anstrengend", diese Einschätzung ist zweifelsohne korrekt. In seinem auf 476 Seiten ohne Punkt und Komma geschriebenen, aber durch bewusst gesetzten Zeilenfall quasi in melodischen Versen strukturierten Roman sprechen Väter und Töchter Monologe. Dem Frankfurter Lesepublikum berichtete Thomas Lehr, er habe viel aus Homers Illias gelernt und fühle sich durch Goethes "West-östlichen Diwan" inspiriert. Er wünsche sich, dass sein Text, "ein Oratorium", allein durch die rhythmische Strukturierung einen Sog erzeuge wie eine Sinfonie. "Man kann dabei nicht Geschirr spülen." (Warum eigentlich nicht, sobald das Hörbuch zum Roman erscheint?)
Jan Faktor - "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag"
Jan Faktor ist ein intellektueller Witzbold. Zum Beispiel liebt er es, viele deutliche Worte um Schmutz zu machen, bis dieser wirklich vollständig beschrieben ist. Er spricht Deutsch mit starkem tschechischem Akzent, schreibt aber in der Sprache seiner Wahlheimat - der 1951 in Prag Geborene übersiedelte 1978 nach Ostberlin, entwickelte seine bis dahin passiven Deutschkenntnisse erst dann aktiv. Er bezeichnet sich selbst aus diesem Grund "als schamlos mit Neologismen" und probierte viele experimentelle Formen aus, bevor er diesen zweiten Roman mit dem langen Titel vorlegte.
Roman über jüdisches Milieu in Prag
Jan Faktor erzählt die Geschichte einer so traurigen wie fantastischen Kindheit und Jugend im sozialistischen Prag der Nachkriegsjahrzehnte. Er beschreibt ein jüdisches Milieu, der Held wächst in einer großen Wohnung mit vielen Tanten mehrerer Generationen auf. "Ich kannte nur die witzige Seite der KZs", sagt er in Frankfurt. Der Wende- und Angelpunkt der Geschichte ist die mentale Veränderung der Stadt durch den Einmarsch russischer Truppen 1968 in Prag. Die anschließende Kernfrage, die jeder Bürger zu beantworten hatte und wovon sein gesamtes persönliches und berufliches Schicksal abhing lautete: "War der Einmarsch eine brüderliche Hilfe, ja oder nein?"
Melinda Nadj Abondi - "Tauben fliegen auf"
Melinda Nadj Abondi wurde 1968 im serbischen Becsej geboren, ihre Muttersprache ist eigentlich Ungarisch. Ihre Familie gehört zu den jugoslawischen "Traumausländern", die sich in den 70er Jahren in der Schweiz niederließen. Die Geschichte erzählt das Schicksal der Familie Kocsis, Teil einer ungarischen Minderheit in Nordserbien, die in die Schweiz übersiedelt. Sie handelt von den Problemen der Anpassung, von Ausländerfeindlichkeit und von der Rückkoppelung an die durch den Balkankrieg untergehende Heimat in der von vielen verschiedenen Minderheiten bevölkerten Vojvodina. Die Romanerzählung setzt 1993 ein, drei Jahre nach Kriegsbeginn.
Vojvodina und die Sprache von Heinrich von Kleist
Melinda Nadj Abondi, deren Roman "Tauben fliegen auf" auch für den Schweizer Buchpreis 2010 nominiert wurde, schreibt sehr plakativ und zugleich poetisch. Als literarisches Vorbild nennt sie Heinrich von Kleist, an dessen Sprache sie "gekaut" habe. "Die Sprache bewegt sich immer auf unsicherem Boden", erklärt sie. Wohl wahr, es entstehen wundervolle Sätze wie dieser: "Als wir an den Pappeln vorbeifahren, mir dieses Flirren den Verstand raubt, unser schokoladenfarbenes Schiff geräuschlos von einem Baum zum nächsten gleitet, dazwischen die Luft der Ebene, die sichtbar wird, ich kann sie sehen, die Luft, die jetzt stillsteht, weil die Sonne so erbarmungslos ist, da sagt mein Vater zur Klimaanlage hin, immer noch alles genau gleich, mit kleiner Stimme sagt er, hat sich nichts verändert, gar nichts."
Doron Rabinovici - "Andernorts"
Auch Doron Rabinoci wurde nicht im deutschsprachigen Raum geboren, sondern in Tel Aviv (Jahrgang 1961). Er wuchs in Wien auf, wo er bis heute arbeitet. Für seine Studie "Instanzen der Ohnmacht" über die erzwungene Kooperation von Juden mit dem NS-Regime erhielt der Historiker und Essayist den Jean-Améry-Preis. Er ist außerdem Träger des Clemens-Brentano-Preises. Sein Name sei die rumänische Schreibweise eines hebräischen Namens, erklärt er. Der Roman "Andernorts" spielt in Israel und Wien. Rabinovici bettet das tragische Thema der Shoah in eine witzige jüdische Familiengeschichte ein, es geht um Familiengeheimnisse, Lügen, Erinnerung und Politik. Im Zentrum steht der Wiener Kulturwissenschaftler Ethan Rosen, der zu seinem sterbenden Vater nach Israel reist und dort allerhand Verblüffendes erlebt. Zum Beispiel wird er mit der Begründung, das Erbgut Jesu in sich zu tragen, um eine Samenspende gebeten.
