
- Supertalent-Jury 2011 - Stefan Gregorowius
Die Stimmen, mit dem deutschen Fernsehen werde die Gesellschafft sukzessive auf absteigendes Niveau gelenkt, werden immer lauter. Es sind vorrangig diese Samstage und Sonntage, denen der deutsche TV-Zuschauer Sendungen wie "Das Supertalent", "Deutschland sucht den Superstar" oder "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" zunehmend mit Kopfschütteln begegnet.
Was ist mit dem journalistischen Anspruch passiert?
Wenn fragwürdige Persönlichkeiten der Öffentlichkeit ebenso fragwürdige Talente präsentieren, Jugendliche aus sozial schwachen Umfeldern um die große Gesangskarriere kämpfen, die Suche einsamer Bauern mittleren Alters nach der großen Liebe zum TV-Highlight wird oder "gefallene" Prominente mit einem Dschungelaufenthalt erneute Aufmerksamkeit suchen und das dem deutschen Fernsehzuschauer zu besten Sendezeiten präsentiert wird, stellt sich die Frage, was mit dem journalistischen Anspruch passiert ist.
Das Ärgernis über die gefühlte "Verunstaltung" der gesellschaftlichen Darstellung findet in der Außenwelt großen Zuspruch. Nur selten hört man Stimmen, die tatsächlichen Gefallen an dem ein oder anderen TV-Format der "neuen Generation" ausdrücken. Da stellt sich die Frage: Warum überhaupt gibt es vermehrt derartige Sendeformate? Aber vielmehr noch: warum dann überhaupt können sich die Sender über entsprechend hohe Einschaltquoten freuen?
(Peinliches) Entertainment? Ja, bitte!
Dass das Ziel eines jeden TV-Senders möglichst hohe Einschaltquoten sind, ist kein Geheimnis. Es ist wohl kaum vorstellbar, dass die Verantwortlichen Geld und intensive Arbeit vorrangig zur eigenen Bespaßung investieren als vielmehr zur erfolgsversprechenden Umsetzung eines Formats, was eine möglichst breite Zielgruppe anspricht.
Zum einen könnte man behaupten, die Verantwortung für den ständigen Nachahmungstrieb und die Bewunderung für das, was in Ländern wie den USA mit ausgefeiltem Entertainmentfaktor vorgelebt wird, ist in unserer Gesellschaft verankert.
Wenn die USA mit dem DSDS-Pendant "American Idol" gesangliche Rohdiamanten oder Großbritannien mit "Britain's got Talent" das Supertalent sucht und wir die Susan Boyles und Paul Potts mit unaufhaltsamer Begeisterung verfolgen, auf sozialen Plattformen wie Facebook teilen, bis es kaum jemanden gibt, an dem diese "Phänomene" vorbeigezogen sind, liegt der Anstoß der Formatumsetzung in Deutschland nahe. Wobei angemerkt werden sollte, dass die Art gesanglicher Unterhaltung auf diesem Niveau sicher vertretbar ist.
Zum anderen dennoch lebt Erfolg dieser Sendungen von der Hervorhebung derartiger Ausnahmetalente durch das "Vorführen" zum Teil sehr peinlicher Auftrittsmomente. Der Kontrast steigert die Bewunderung für tatsächliche Talente und der Zuschauer durchläuft die emotionale Kette: von Tränen der Rührung bis hin zu Fremdschämen. In einem Format ist damit, sicher verschärft, verpackt, was der Mensch nur zu gut aus dem alltäglichen Leben kennt.
Schwer erkennbar aber vorhanden sind die jedem bekannten Emotionsfaktoren auch in Sendungen wie dem Dschungelcamp: Die subtile Klaffung von Extremen in Ausnahmesituationen. Zwischen dem Gefühl von Zusammenhalt und gegenseitiger Hilfe auf der einen Seite und egoistischem Überlebensinstinkt auf der anderen. Zwischen Umarmung und Anfeindung.
Der Faktor "Emotionen" ist ein häufig eingesetzter, wenn es um den Erfolg von Produkten geht. Die Identifizierung mit emotionalen Elementen ist ein altbewährtes Rezept in der anvisierten Aufmerksamkeitsgenerierung.
Sind die Zuschauer die eigentlichen Sendungsmacher?
Am Ende sollte sich der Zuschauer solcher TV-Formate darüber bewusst sein, dass all das, was einem auf den ersten Blick beim Zappen mittlerweile mehr verärgert als entzückt, ein Abbild der Interessensentwicklung ist, hervorgerufen durch emotionalen Wiedererkennungswert - auf extreme Weise. Ob es eine unterhaltsame Flucht aus dem stressigen Alltag ist oder das allzu menschliche Phänomen das eigene Leben an den Problemen und Charakterzügen anderer positiver zu definieren - jeder hat seine ganz eigenen Gründe sich vom deutschen Fernsehen in eine andere Welt entführen zu lassen.
Die negativen Stimmen zu den genannten Beispielformaten sind verhältnismäßig groß, vergleicht man sie mit den jeweiligen Einschaltquoten und stellt sie den Zahlen mancher als anspruchsvoller empfundenen Sendungen gegenüber.
Letztendlich ist das Angebot für den deutschen TV-Zuschauer sicher (noch) recht angemessen und die Auswahl an Entertainment verschiedener Art gegeben. Der Deutsche Fernsehpreis 2011 ist ein guter Indikator für die Mischung, den Erfolg und die damit verdiente Anerkennung von Formaten unterschiedlichster Art für Zuschauer mit unterschiedlichen Ansprüchen.
