
- DT-Kammerspiele, Nachtansicht - Steffen Kassel
Die Kommune, die als alternatives Lebensmodell eine Art Gegengesellschaft bildete, ist heute nur noch ein Auslaufmodell, obwohl einige Projekte immer noch existieren. Wesentliche Grundzüge sind Gemeinschaftseigentum, hierarchieloses Zusammenleben und gemeinsame Entscheidungsfindungen. Dementsprechend erklärt der durch Erbschaft zum Hausbesitzer gewordene Erek, dass es in der Gruppe keine Autoritäten und Hierarchien gebe. Doch kaum kommt es zum Streit, schlägt der hochideologisierte Erek andere Töne an: „Es ist immer noch mein Haus“, verkündet er gebieterisch und fordert den Auszug der Rebellen. Zu den ungeschriebenen Gesetzen des Hauses gehören auch Ich-Entfaltung und Offenheit – Verhaltensweisen, die bei den anderen Mitbewohnern allerdings seelische Wunden und die Untergrabung individueller Bedürfnisse herbeiführen.
Antiautoritäre Kommunarden essen Körnerfrüchte
Die Bühne wird von einem extrem langen Tisch eingenommen, auf dem Teller mit Obst, Joghurts, Müsli-Packungen und andere ökologische Körnerfrüchte herumliegen, als befänden sich einige Kommunarden momentan in einer makrobiotischen Erleuchtungsphase. Davon sind die meisten aber noch weit entfernt, denn es wird viel gestritten und debattiert, zumeist über Kleinigkeiten, die sinnlos aufgebauscht werden. Trotz der antiautoritären Gruppendynamik ist Matthias Neukirch als Erek ein heimlicher Wortführer, der jederzeit eine antiautoritäre Selektion durchführen und ein Mitglied aussortieren kann. Auch scheint es eine Art Aufnahmeverfahren für neue Wohnkandidaten zu geben, zumindest eine Prüfung, die ohne Plenumsitzung vonstatten geht. Virgil (Ernest Allan Hausmann) kreuzt in der Kommune auf, verliert aber nach ein paar leicht bohrenden Fragen schon die Lust und möchte wieder gehen. Immerhin bleibt er am Tisch sitzen und plaudert im Stil der politisierten 70er Jahre darüber, dass unilaterales Handeln der Vergangenheit angehöre und in Zukunft die friedliche Koexistenz dominiere. Ansonsten bleibt der Abend erstaunlich unpolitisch, dafür rücken häusliche Probleme in den Vordergrund.
Gruppengefühl im Singen
Trotz etlicher Differenzen kommt es gelegentlich zu angeahnten Gemeinschaftserlebnissen, vornehmlich dann, wenn gesungen wird. Zunächst wird die Melodie von „Popcorn“ angestimmt, dem Charts-Hit von Hot Butter aus dem Jahr 1972. Danach verliert man sich tief in den Eingeweiden der Flower-Power-Ära und singt „California Dreaming“ von den Mamas & Papas. Nach dieser psychischen Präparierung der Älteren im Publikum, die mit einer einfühlsamen Brechstange in eine frühere Zeit transformiert werden, gehen harmloses Klönen und verbalen Kleingefechte munter weiter. Belanglosigkeiten sind Trumpf, Peter Molzen als Ole beispielweise hat sich ein Bier genommen, ohne es auf die Liste zu setzen. Bevor nun wegen Verstoßes gegen die Hausordnung ein Hauskrach entsteht, einigen sich Ole und Erek darauf, dass von nun an über die Haushaltskasse weitergetrunken wird. Die meisten Kommunarden sitzen meistens am Tisch, Ole hingegen wandelt gern als ideologischer Hohepriester umher und verkündet seine Weisheiten in Manier eines genossenschaftlich denkenden Ober-Gurus. Auf eine plötzliche Eingebung wartet man vergeblich, stattdessen soll nach dem Konsensprinzip entschieden werden, ob über ein bestimmtes Thema noch weiter diskutiert wird.
Psychische Probleme bedrohen das Kollektiv
Speziell diese Kommune hält es nicht so sehr mit der sexuellen Freizügigkeit, schon gar nicht mit dem Partnertausch. Wäre dies möglich, so könnte Erek in spielerischem Wandel zu Emma wechseln (Anita Vulesica), an die er neuerdings seine Gefühle geheftet hat, obwohl seine Gattin Anna (Judith Hofmann) mit ihren verbrauchten Reizen immer noch sein Bett teilt. Eifersüchteleien gehören nicht gerade zum Programm funktionstüchtiger Kommunen, hier hat man es jedoch mit einem Kollektiv zu tun, das sich offenkundig der psychischen Probleme ihrer Mitglieder verschrieben hat. Anna wird wütend, begehrt auf und bringt das ganze Projekt in Gefahr, hinzu kommen dann noch Schwierigkeiten mit ihrer Tochter Freja (Felicitas Madl). Die ist immerhin in der Gymnastik so weit vorangeschritten, dass sie eine respektable Brücke vorführen kann, was von der Schlafanzug-Gesellschaft auch honoriert wird. Susanne Wolffs Mona läuft unausgesetzt in einem hellblauen Pyjama herum, ist intellektuell unterbelichtet und nicht unbedingt geschaffen für tiefgreifende Utopie-Entwürfe. Ihre Motzigkeit kühlt sie mitunter ab an den auf der linken Bühnenseite postierten Blumenkästen, die zum verspielten, liebevollen Hantieren geradezu einladen. Und von Ole erwartet man einfach, dass er im Laufe des Abends endlich einmal ein veritables Plenum ankündigt – leider wird nur halbherzig, beinahe familiär diskutiert. Trotz der bei dieser Lebensform vorprogrammierten Streitereien bleiben die ernsthaften Konflikte letztlich aus und es wäre eine Situation wünschenswert, bei der weniger zart miteinander umgegangen wird und richtig die Fetzen fliegen. Immerhin liefert der Regisseur einen reizvollen Ansatz, der noch ausbaufähig ist, zumal bei jeder Aufführung neu improvisiert wird.
Die Kommune
von Thomas Vinterberg, Mitarbeit Mogens Rukov
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Ursula Leuenberger, Musik: Cornelius Borgolte, Dramaturgie: Sonja Anders, Licht: Thomas Langguth.
Mit: Peter Moltzen, Ernest Allan Hausmann, Susanne Wolff, Matthias Neukirch, Thorsten Hierse, Judith Hofmann, Zoe Hutmacher, Felicitas Madl, Anita Vulesica, Cornelius Borgolte.
Premiere vom 22. Januar 2012, Kammerspiele
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten
Bildnachweis: © Steffen Kassel
