Das Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei der Weltmeisterschaft 1998 war peinlich. Nicht nur wegen des 0:3 (0:1) im Viertelfinale gegen Kroatien. Nicht nur wegen des schlechten Fußballs, den sie während des gesamten Turniers in Frankreich gespielt hatte. Sondern vor allem wegen des schlechten Stils, den die Beteiligten an den Tag legten. Allen voran der Chef, Bundestrainer Berti Vogts: Dem kroatischen Trainer verweigerte er nach dem Abpiff den Handschlag und verschwand sofort in der Kabine.
Am Tag darauf präsentierte Vogts Verschwörungstheorien: Der Schiedsrichter Rune Pedersen habe Deutschland das Spiel gegen Kroatien verpfiffen und die anderen Nationen seien neidisch auf den deutschen Erfolg. Damit unterstellte er nichts anderes als Betrug. Er fand noch weitere Fehlerquellen. Das KO-System zum Beispiel sei schlecht und sollte durch eine zweite Gruppenphase ersetzt werden. Es gab aber auch welche, die aus Vogts Sicht keine Schuld am deutschen Ausscheiden trugen: Die Nationalelf und ihr Trainer.
Matthäus zurückgeholt
Im Vorfeld der WM in Frankreich erlebten die Fußballfans das Spiel der Zehn kleinen Afroamerikaner – nur umgekehrt. Vogts überredete fast alle Weltmeister zum Comeback: Olaf Thon, Jürgen Kohler oder den 37 Jahre alten Lothar Matthäus. Thomas Berthold winkte ab; Rudi Völler hatte seine Karriere zu seinem Glück schon beendet. Und auch sonst bewies Vogts Mut zur Feigheit: Statt den kreativen Mehmet Scholl oder Mario Basler nahm er Steffen Freund mit. Der Dortmunder war nach Verletzungen völlig außer Form; ein Einsatz kam gar nicht in Frage. Vogts schätzte an dem defensiven Mittelfeldspieler lediglich, dass er während des Turniers die Klappe halten würde.
Die Vorrunde ließ wenig Gutes hoffen. Gegen die zweitklassigen Iran und USA gewann die Nationalelf je 2:0. Das Durchschnittsalter betrug gegen den Iran 31,7 Jahre; nie zuvor oder danach war ein deutsches Team älter. Deutschland siegte souverän, zeigte aber wie bei der ganzen WM enttäuschenden Fußball: langsam in Kopf und Beinen, mit Libero taktisch veraltet und ohne kreativen Kopf im Mittelfeld.
Ärger um die „Schwabenschwuchtel“
Zudem herrschte im Team Streit und Neid. Die Feindschaft zwischen Matthäus und Klinsmann war bekannt, die Rückkehr von Matthäus konnte dem späteren Teamchef nicht gefallen. Die Toleranzschwelle war niedrig. Harald Schmidt zeigte auf SAT1 das fiktive WM-Tagebuch von Loddar, darin nannte der Pseudo-Matthäus Klinsmann eine „Schwabenschwuchtel“. Klinsmann ließ eine weitere Ausstrahlung gerichtlich verbieten.
Der erste Tiefpunkt war das Vorrundenspiel gegen Rest-Jugoslawien. Sportlich hätte Deutschland eine Niederlage verdient gehabt, lag 0:2 zurück. Ein Eigentor von Sinisa Mihajlovic und ein Treffer von Oliver Bierhoff brachten den späten Ausgleich.
Polizist Daniel Nivel berufsunfähig geschlagen
Schlimmer war, was außerhalb des Stadions passierte: Deutsche Schläger verprügelten und traten den am Boden liegenden Polizisten Daniel Nevel derart schwer, dass dieser nie wieder vollständig gesund werden oder seine Arbeit aufnehmen wird. DFB-Präsident Egidius Braun dachte über einen Rückzug aus dem Turnier nach, Vogts redete ihm das aus.
Das sportlich Aus war schon im Achtelfinale gegen Mexiko wieder nahe. Deutschland lag bis kurz vor Schluss 0:1 zurück. Klinsmann und Bierhoff setzten ihre körperliche Überlegenheit ein und drehten mit je einem Treffer das Spiel. Die internationale Presse ätzte danach: „Im Fifa-Regelwerk sollte stehen “ die anderen spielen gut und Deutschland gewinnt.“
Rote Karte für Wörns
Gegen Kroatien war das anders. Christian Wörns sah nach 40. Minuten die Rote Karte. Das war eine harte Entscheidung – aber eine berechtigte angesichts der harten Linie, die bei der WM 98 gefahren wurde. Aber nicht nur die Unterzahl schwächte die Deutschen, sondern das Niveau, das einige mitbrachten. Jörg Heinrich zum Beispiel; sein Abwehrversuch vor dem 0:1 erinnerte eher an missglücktes Männerballett als an Fußball. Das 0:3 war am Ende noch schmeichelhaft.
Spieler wie Matthäus schlossen sich der Schiedsrichterschelte an. Lediglich Klinsmann zeigte Mut und Größe: Er entschuldigte sich am nächsten Tag auf eigene Initiative beim Gegner. Kroatien habe eine starke Leistung gezeigt und völlig verdient geworden. Gemeinsam mit Bierhoff war er der einzig deutsche Feldspieler des Turniers mit Normalform, auch Torwart Andy Köpke überzeugte. Weltmeister wurde Frankreich nach einem 3:0 gegen Brasilien.
