
- Demonstranten sammeln sich auf dem Klagesmarkt - Achim Meyer-Heithuis
Am verregneten Samstag 6. November versammelten sich auf dem Klagesmarkt in Hannover Demonstranten aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, um gegen die soziale Kälte zu protestieren. Die Organisatoren – Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) und Sozialverband Deutschland (SoVD) – schätzten die Teilnehmerzahl auf 15.000. Vom überfüllten Platz setzte sich der Zug in Bewegung durch das Zentrum der Stadt bis zum Opernplatz.
Limousine mit Merkel und Chöre, besorgt um die Zukunft
Mittendrin der protestierenden Massen fuhr eine weiße Edel-Limousine. Vom ihren Dach winkte eine unechte Merkel mit Champagner-Glas in der Hand; in den Fenstern steckten zwei Pappfiguren von Ackermann und Schäuble. Die großen Lettern an der Seite des langen Wagens verkündeten die frohe Botschaft: „Uns geht’s gut. Eure Regierung, Arbeitgeber, Banker und Hoteliers“.
Die Demonstration wurde von wenigen Polizisten begleitet. Einer von ihnen versuchte vorm Hauptbahnhof die Marschierenden zu überzeugen, die ganze Breite der Straße auszunutzen. Die Polizisten sorgten diesmal nicht nur für die Sicherheit, sie gehörten auch zu den Protestierenden als Polizeigewerkschafter und schwenkten ihre grünen Fahnen neben vielen roten, darunter von den Linken und SPD-Jusos, und einigen gelben von Atomkraft-Gegnern.
Die Braunschweiger Gewerkschaftsjugend dominierte den Demonstrantenzug akustisch. „Wir sind wir, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut“ skandierten sie wiederholt. Auf ihrem Transparent gaben sie ihrer Wut Ausdruck: „Es reicht. Seid Sand, nicht Öl im Getriebe dieser Politik“.
Kundgebung 5 vor 12
Pünktlich 5 vor 12 begann auf dem Opernplatz die Kundgebung. Hartmut Meine, Bezirksleiter IG Metall, forderte nach Wirtschaftsdemokratie und warnte die Regierenden: „Schau her, wir lassen uns nicht alles gefallen“. Er attackierte Spekulanten, die die Krise verursacht haben und denen man das Handwerk endlich legen müsse. Gleichzeitig sprach er sich entschieden gegen die Rente mit 67: Wer dafür eintrete, habe keine Ahnung über die Praxis. Der Arbeitsministerin Ursula von der Leyen schlug er vor, sich die Arbeit in den Betrieben anzuschauen oder mehrere Praktika zu absolvieren. Hartmut Meine bezweifelte die Fachkräftemangel und verlangte Ausbildungsplätze, die Übernahme von Leiharbeitern und Auszubildenden, wie auch die Bildung und Fortbildung nicht nur in den Sonntagsreden.
Über sozialen Ausgleich predigen
Michael Sommer, der Vorsitzender des DGB, stellte eine Schieflage in Deutschland fest. Er erinnerte daran, wie die Regierenden noch in der Krise den sozialen Ausgleich predigten. Jetzt aber werden die Arbeitnehmer nach dem Motto behandelt: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“. Sommer stellte „die selbsternannten Eliten“ an den Pranger und bezeichnete als Skandal, dass „diejenigen, die uns mit ihrer grenzenlosen Gier in die Krise gestürzt haben, sich heute wieder ungehemmt die Taschen füllen“. So steigen die Gehälter von den Managern - anders als bei den Arbeitnehmern - immer. Sommer sprach über Millionen Menschen, die nur vegetieren und nannte die Zahl von 8 Millionen, die die Leistungen des Arbeitsamtes oder Hartz IV beziehen. Er kritisierte dabei die verlogenen Statistiken, die der Wirklichkeit nicht entsprechen. Der Ausverkauf guter Arbeit und Zerstörung anständiger Arbeitsverhältnisse durch den Missbrauch von Leiharbeit, Ein-Euro-Jobs, Armutslöhne müsse aufhören, verlangte er. Sommer schlug als Alternative zum Sparpaket vor, sich die 70 Milliarden bei den Reichen zu holen, und verlangte einen Kurswechsel: „Wir brauchen mehr soziale Gerechtigkeit“.
Bildnachweis: Achim Meyer-Heithuis
