Deutschland macht sich unbeliebt in Portugal

Kanzleramt Berlin - Lou Avers
Kanzleramt Berlin - Lou Avers
Der Unmut über die Europolitik der deutschen Bundeskanzlerin wächst in weiten Teilen Europas. Auch in Portugal wird die Kritik an Angela Merkel lauter.

Obwohl die portugiesische Regierung unter Premierminister Pedro Passos Coelho die Linie Deutschlands billigt, überschlagen sich Radioforen und politische Kommentatoren mit harscher Kritik an der deutsch-französischen Dominanz. Viele Altpolitiker ergreifen das Wort. Die Angst einer Fremdbestimmung der kleinen Länder durch die großen macht sich breit. Das sei nicht das Europa, das man sich vorgestellt hätte und deren Gründungsideale auf Solidarität beruhten. Angela Merkel wird als unsensible und technokratische Persönlichkeit beschrieben, die nur ihre eigenen Interessen im Blick hat.

Euro-Politik der Regierung Angela Merkel schürt antideutsche Stimmungen

Ob die Kritik an Angela Merkel berechtigt ist oder nicht, mag jeder selbst entscheiden. Fakt ist, dass ihr Hadern und Zögern die Lösung der europäischen Finanzkrise verschlimmerte. Dies bestätigen auch Experten in Deutschland. In Portugal melden sich Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Politiker zu Wort und warnen vor einer Vorherrschaft Deutschlands und Frankreichs. Der ehemalige Außenminister unter der Regierung von José Socrates Diogo Freitas do Amaral sprach in einem Interview im portugiesischen Radiosender Antena 1 gar von „Imperialismus, Protektorat und Diktatur“ der deutsch-französischen Allianz „Merkozy“. Wobei er Deutschland die größere Einflussnahme und Machtansprüche zuschreibt. Der Gründer der rechtskonservativen Volkspartei Partido Popular (PP) sieht die Autonomie Portugals in Gefahr und hält die Bestrebungen einer Regulierung durch die großen Länder für ein „illegales Vorgehen ohne Respekt der europäischen Organe“.

Ehemaliger Staatspräsident Mário Soares verurteilt Merkels Europapolitik

Auch der erste frei gewählte Premierminister Portugals und einstige Staatspräsident Mário Soares, unter dem Portugal 1986 in die EG eintrat, sieht Angela Merkel als die Hauptschuldige eines möglichen Scheiterns der Europäischen Währungsunion und bescheinigt ihr einen „katastrophalen“ Umgang mit der Eurokrise. In einem Interview zu seinem neuen Buch „Um político assume-se“ (Ein Politiker bekennt sich) warnt er vor einer Revolution nicht nur in Portugal sondern in ganz Europa, sollte Deutschland seinen Kurs nicht wechseln. Bei all dieser harten Kritik vergessen aber auch viele Portugiesen nicht, dass es Mário Soares war, der die Weichen für die Wirtschaftspolitik in Portugal stellte. Auch unter seiner Amtszeit kam es nicht zu den erforderlichen Strukturen im Bildungs-und Gesundheitswesen. Ein Hauptproblem Portugals ist, dass es keinen eigenen Reichtum produziert. Wenige Exportzweige halten den Markt aufrecht. Das Land ist somit äußerst schlecht aufgestellt, um im europäischen Wettbewerb zu überleben. Solange noch genügend EU-Fonds flossen, funktionierte das System einigermassen. Mit der Finanzkrise und dem Einschreiten des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank ist Portugal nun komplett abhängig.

Die portugiesische Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Die tiefsitzende Angst des kleinen Portugal, seine Souveränität zu verlieren und sich Regeln anderer Staaten zu unterwerfen, ist tief in der lusitanischen Geschichte verwurzelt. Der Stolz auf die einstige Größe als Seefahrernation wird in diesen Tagen wieder auf eine harte Probe gestellt. Das eigentliche Dilemma ist, dass sich die Portugiesen für wichtiger nehmen, als es ihnen die europäischen Nachbarn zugestehen. Die Panik, in eine Nichtigkeit abzudriften, ist heute größer denn je. Sicherlich ist das Land von der Finanzkrise gebeutelt und muss mit zahlreichen gravierenden Sparmaßnahmen in einen sehr sauren Apfel beißen. Bisher haben die Menschen diese Einschnitte relativ passiv hingenommen. Was sich nach Ansicht der Kirche und einigen Kommentatoren rasch ändern könnte. Die Arbeitslosigkeit von mehr als 11 Prozent und die hohe Auslandsverschuldung sind das Hauptproblem. Der Ausstieg aus der Euro-Zone wird deshalb derzeit von selbsternannten Experten beschworen. Wenn das Schiff schon untergeht, dann will man den Absprung ins kalte Wasser wenigstens selbst bestimmen. So sinngemäß lässt sich die Stimmungslage im Moment beschreiben.

Kritik an Angela Merkel auch aus Deutschland

Gerhard Schröder, Helmut Schmidt, Günter Öttinger und andere meldeten sich bereits zu Wort. Altkanzler Helmut Schmidt seinerseits warnte vor einem deutschen Alleingang in Sachen Eurokrise und mahnte mehr Solidarität mit Griechenland an. Sogar der einstige Merkel-Ziehvater Helmut Kohl wetterte in einem privaten Interview: „Angela Merkel macht mir mein Europa kaputt“. Die deutsche Bevölkerung bleibt bei all dem erstaunlich gelassen und scheint sich nicht wirklich Sorgen zu machen, ob die Euro Währungsunion scheitern könnte oder nicht. Es scheint dem deutschen Normalbürger vollkommen gleichgültig zu sein, ob die deutsche Bundeskanzlerin das Image Deutschland beschädigt oder nicht. So zumindest wirkt die coole Gelassenheit der deutschen Bevölkerung auf ausländische Beobachter.

Deutschland als neues Feindbild

Unabhängig davon, ob all die Kritiken berechtigt sind oder nicht und ob die einzelnen Schuldenländer nicht auch ihr eigenes Verfehlen analysieren sollten, ist das Image Deutschlands in Europa angekratzt. Reisende bekommen dieser Tage die antideutsche Stimmung durchaus zu spüren, uralte Ressentiments werden wieder aus der Geschichtskiste gekramt. Im portugiesischen Radio werden alte Kriegsdokumentationen über das nationalsozialistische Hitlerdeutschland wiederholt. In Diskussionsrunden ist gar die Rede davon, dass man wieder Angst vor diesem Deutschland mit Vorherrschaftsanspruch haben müsse. Äußerungen wie die Volker Kauders „In Europa spräche man jetzt Deutsch“ tun ihr übriges und sind Öl in das lodernde Feuer der Antipathie gegen Deutschlands Europapolitik.

Quellen:

Radio Antena 1, Portugal

Um politico assume-se, Mário Soares, Verlag Temas & Debates, Portugal

Kulturschock Portugal, Reise Know How Verlag

Silvia E. Baumann, Lou Avers

Silvia Baumann - Herzlich Willkommen auf meiner Profil-Seite! Seit 18 Jahren nimmt mich meine Leidenschaft - das Reisen - voll und ganz in Anspruch. Als ...

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