Deutschland: Religiosität nach dem 11. September

Steigende Kirchenbesuche nach den Terroranschlägen

Die Deutschen ändern ihr Verhältnis zur Kirche und ihre Glaubenseinstellung während der Krisenzeit, aber nicht auf Dauer.

Religiöse und Zivilreligiöse Elemente sind in nahezu allen politischen Reden, die kurz nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York gehalten wurden, zu finden. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder kam am 12. September in seiner Regierungserklärung zum Terrorakt vor dem Deutschen Bundestag nicht umher, um auf die „Prinzipien menschlichen Zusammenlebens in Freiheit und Sicherheit" hinzuweisen. Er fuhr weiter fort: „Freiheit und Demokratie, die Werte des friedlichen Zusammenlebens der Menschen und der Völker, werden diese Prüfung bestehen". Obwohl Bundeskanzler Gerhard Schröder 1998 in seinem Amtseid auf den religiösen Zusatz „So wahr mir Gott helfe" verzichtet hatte und auch sonst bewusst religiöse Termini vermied, konnte auch er sich nicht dem gesamtgesellschaftlichen Minimalkonsens entziehen. So verwies er eine Woche später in seiner Regierungserklärung vom 19. September zu den Anschlägen in den USA auf die „große Errungenschaft und das Erbe der europäischen Aufklärung". Diese Werte der Menschenwürde, der freiheitlichen Demokratie und der Toleranz seien unsere Stärke im Kampf gegen den Terrorismus.

Kein grundlegend neues Verhältnis zur Religion

Das Meinungsforschungsinstitut EMNID befragte die Bundesbürger im Oktober 2001: „Hat sich nach dem Attentat auf das World Trade Center am 11. September Ihr Verhältnis zur Religion verändert?" Die Auswertung fiel überraschend aus. Die meisten Deutschen sagten Nein. An ihrer Glaubenseinstellung habe sich nichts geändert. Nur rund zwei Prozent der Befragten antworteten: „Ich bin jetzt gläubiger als zuvor". Die Vermutung, dass die Religiosität in Krisenzeiten zunimmt, hatte sich also nicht bestätigt. Dies schien im Kontext der Umfrage nämlich nur für Menschen zu gelten, die sowieso eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Glauben und Religion haben. Sie suchten nach den Anschlägen das Gebet und die Gemeinschaft in den Kirchen. Nur sehr wenige Menschen hatten entweder ihre positive Einstellung zum Glauben oder ihre Ablehnung intensiviert. Die meisten blieben stabil in ihrer Einstellung. 56 Prozent aller Befragten erklärten, dass sich an ihrer Glaubenseinstellung nichts geändert habe, da sie auch vor dem Attentat bereits gläubig gewesen seien. 35 Prozent gaben an, dass die Religion in ihrem Leben auch nach den Attentaten keine Rolle spielt.

Unterschiede zwischen Ost und West

Erwartungsgemäß fanden sich bei den Antworten zwischen West und Ost deutliche Unterschiede. Für 64 Prozent der Befragten in den westlichen Bundesländern hatte sich die Glaubenseinstellung nicht geändert, da sie vor dem Attentat schon gläubig gewesen waren. In allen östlichen Bundesländern waren dies fast gleichbleibend 21 Prozent. Und umgekehrt: Rund 65 Prozent der Menschen im Osten gaben an, nicht gläubig zu sein, und daran habe sich auch nach den Terroranschlägen nichts geändert. Aus den Umfrageergebnissen könnte man schlussfolgern, dass sich auch das Verhältnis der Menschen zur Zivilreligion nicht verändert hat. Die Realität sah aber anders aus: In der Zeit nach dem 11. September nahmen wesentlich mehr Menschen an Gottesdiensten teil als vorher. Unter ihnen waren auch viele konfessionslose Menschen. Wenn Solidarität mit den US-Amerikanern beziehungsweise den direkt oder indirekt betroffene Personen in Kirchen oder bei öffentlichen Kundgebungen demonstriert wurde, spiegelte dies zivilreligiöse Elemente wider. Die enorm große Zahl der Kondolenzschreiben, Blumenniederlegungen und die 200.000 Menschen, die am 14. September allein in Berlin an einer Demonstration teilnahmen, hatten alle eins gemeinsam: den zivilreligiösen, überkonfessionellen Konsens.

Lars Hartfelder - Lars Hartfelder, M.A. Geboren 1977 in Finsterwalde (Brandenburg). Arbeitet seit 2005 als freier Journalist in Cottbus, unter anderem ...

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