Thilo Sarrazin legt nach. Vielleicht will er seine Gattin Ursula unterstützen, die als Grundschullehrerin wegen ihrer Erziehungsmethoden in Verruf geraten ist. Er lobt Chinas strenges Bildungssystem, wo Kinder mit harten Methoden auf Erfolg programmiert werden. Man solle sich die positiven Effekte ansehen, empfiehlt er und hält wohl die deutschen Schulen immer noch für Horte der Kuschelpädagogik. Ist Ursula Sarrazin also der Fels in der kuschelpädagogischen Brandung? Können nur an Frau Sarrazins Wesen deutsche Kinder genesen?
Ursula Sarrazin als pädagogisches Vorbild?
Viele halten sie genau dafür nicht, stigmatisieren sie als schreckliche Lehrerin, die angeblich schon 2001 einer Schülerin mit einer Blockflöte über den Kopf geschlagen habe. Allerdings trug sie in manchen Interviews entscheidend zu dieser Charakterisierung bei, gab sich markig und unerbittlich, als bewerbe sie sich um eine Aufnahme im Schwarzbuch für Pädagogik. Letztlich ist ihr Handeln in der Schule nur schwer zu bewerten. Sie selbst hält sich für konsequent und klar und sieht sich als Opfer einer Medienkampagne, die eigentlich ihren Mann Thilo meine. Ob sie tatsächlich in der Schule zu weit gegangen ist, lässt sich nicht einfach herausfinden. Aber eine erneute öffentliche Debatte über die Bedeutung von Autorität in der Schule hat sie allemal losgetreten.
Die Debatte um Autorität in der Pädagogik ist alt
Die letzte hatte Bernhard Bueb, der ehemalige Leiter der Internatsschule Salem im Jahre 2006 mit seinem Bestseller „Lob der Disziplin“, eröffnet. Mittlerweile befindet sich bereits die 6. Auflage auf dem Markt, auch wenn Bueb selbst nicht mehr so häufig in der Öffentlichkeit zu hören ist. Für den Hinweis eines Hörfunkjournalisten, wonach Buebs Buch, würde man nur wenige Passagen streichen, auch als das bildungspolitische Programm der NPD gelesen werden könne, dafür trage der Autor selbst die Verantwortung, meinte der Schriftsteller Matthias Altenburg in einem kritischen Beitrag für die Zeit. Und weiter: "Wenn er sagt, die Nationalsozialisten seien Meister der Gemeinschaftserziehung gewesen, das dürfe man nicht verschweigen und zudem behaupte, Gehorsam habe in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik verloren, aber nicht in der Armee, dann, so Altenburg, seien Vorwürfe über eine geistige Nähe zur NPD nicht verwunderlich.
Autorität bedeutet Vertrauen
Ein wenig scheint sich die Schärfe der Debatte jedoch gelegt zu haben. Es werden ruhigere Stimmen laut. So bezieht der in Basel lehrende Pädagogikprofessor Roland Reichenbach wohltuend sachlich Position. In seinem demnächst erscheinenden Werk "Pädagogische Autorität" interpretiert er Autorität in der Pädagogik vor allem als Vertrauen. Lehrern mit Autorität folgten ihre Schüler freiwillig, ganz entscheidend seien dafür menschliche Qualitäten und ein solider Wissens - und Erfahrungsvorsprung. Reichenbach sieht einen deutlichen Unterschied zwischen einem autoritären Lehrer und einem Lehrer mit Autorität. Zugespitzt könne man es so formulieren, meint er. „Eine autoritäre Lehrperson besitzt keine Autorität oder hat sie verloren, während eine Lehrperson, der Autorität zuerkannt wird, kein autoritäres Verhalten braucht. Denn der Schüler ist mal mehr und mal weniger bereit sich führen und anleiten zu lassen. Eine so verstandene Autorität erwirbt ein Lehrer nur sehr begrenzt durch Amt oder Alter, vielmehr muss er sie immer wieder neu gewinnen."
