Poetry Slam wird üblicherweise als „Dichterwettstreit“ übersetzt. Was aber tatsächlich passiert, wenn Poetry Slammer, also die „Dichter“ zusammenkommen, ist eine moderne Variante, die den neudeutschen Wortschatz gründlich ausschöpft: Hier geht es nicht nur um den Vortrag eigener Lyrik, hier wird „performt“, „gebattelt“ und manchmal auch gerappt. Der Slammer, wie der Künstler kurz genannt wird, hat im unmittelbaren Kontakt zum Publikum ein unerbittliches Messinstrument für seine Darbietung. Applaus oder verständnisloses Schweigen – die Vorstellung lebt von der Interaktion mit den Zuhörern. Deshalb spielt die Performance neben den Inhalten auch eine wichtige Rolle. Slammer tragen ihre Texte im Idealfall auswendig vor, sie untermalen den Inhalt mit Gesten und Mimik, setzten ihre Stimme ein: mal flüsternd, mal brüllend, mal rhythmisch, mal leiernd …
Besondere Merkmale des Poetry Slams: Selbstoffenbarung durch Wortakrobatik
Zur publikumswirksamen Vortragsweise gesellt sich meist ein gutes Stück Selbstoffenbarung. Slammer teilen in ihren Texten eine persönliche Weltanschauung mit. Sie gehen offenen Auges durch die Welt, haben einen kritischen Blick auf den Mainstream, sie analysieren alltägliches Verhalten, nicht zuletzt ihr eigenes, klagen an und propagieren nicht selten Umdenken und neues Handeln. Ihr Mittel ist ein neuer, eigener Umgang mit Sprache. So beginnt dann ihre Analyse oft beim Wort selbst, dessen Bedeutung auseinandergenommen und neu zusammengesetzt wird, damit es bewusst in seiner Bedeutung wahrgenommen wird oder in seinem Sinn erweitert, umgedeutet. Manchmal rückt auch Alltägliches, Nebensächliches in den Mittelpunkt des Interesses. Die Themen des Poetry Slams erreichen auf diese Weise eine große Bandbreite. Im Prinzip spiegeln sich alle wichtigen Themen der Literatur wider: Liebe, Hass, Tod und Leben. Viele Slammer fangen schon als Jugendliche damit an, ihre Lyrik vorzutragen. Ihre „Wortakrobatik“ ist unmittelbarer Ausdruck des Lebensgefühls einer jungen Generation.
Der Poetry Slam als Wettstreit, das Publikum als Schiedsrichter
Nimmt man die Komponente des Bühnenwettstreits hinzu, wird klar, dass die Texte auf eine offene Vortragsform ausgelegt werden müssen. Als gelesene Literatur funktionieren sie daher nur bedingt. Landesweit finden in vielen deutschen Städten (darunter Berlin, München, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, aber auch Augsburg, Freiburg, Karlsruhe und viele andere) regelmäßig Wettbewerbe statt – bis hin zu Meisterschaften, die die zuvor erlangte Qualifikation voraussetzen. Entscheidend für das Weiterkommen ist die Stimmigkeit von Text und Vortragsweise, ihre Unmittelbarkeit und Lebendigkeit. Die Textgattung dagegen ist sekundär. Kurze Erzählungen sind ebenso erlaubt, wie Comedy-Beiträge, Lyrik in Reimform oder modern. Hauptsache, der Vortrag kommt beim Publikum an, denn dieses entscheidet durch Applaus, welche Slammer ihm am besten gefallen haben. Und wer eine Runde weiter kommt.
Der Unterschied zur klassischen Lesung
Auch bei einer klassischen Lesung geht es mitunter lebendig zu. Lautes Lachen, Jubel oder Buh-Rufe gehören aber definitiv in die Rubrik Poetry Slam. Während Schriftsteller einer klassischen Lesung mit einem bereits gedruckten Buch auf Lesereise gehen, handelt es sich bei den Beiträgen auf Slams um Texte, die vielleicht erst die Nacht zuvor entstanden sind. Oder auf dem Weg zur Bushaltestelle. Vor allem aber ist der Kontakt zwischen Dichter und Publikum außergewöhlich groß. Auch die große Anzahl an Künstlern, die sich gegenseitig inspirieren können, ist ein zentraler Unterschied zur üblichen Lesung. Nicht selten entsteht ein Netzwerk zwischen den Slammern und allen Interessierten. Man trifft sich in den verschiedenen Städten auf verschiedenen Slams wieder.
