
- Krimi von Daeninckx über Paris 1920 - liebeskind
Der Roman "Le der des ders" (wörtlich "Der Letzte der Letzten" im Sinne des Sprichworts "Den Letzten beißen die Hunde") handelt von einem melancholischen Privatdetektiv, der im Paris des Jahres 1920 versucht, sich mit kleinen Aufträgen zu ernähren und dabei die in seinem Kopf festgefrorenen grässlichen Kriegsbilder, Kriegsgerüche, Kriegsgeräusche zu verdrängen. Die Anspielungen auf Raymond Chandlers berühmten Kriminalroman "The Big Sleep" (1939), verfilmt mit Humphrey Bogart in der Rolle des Philipp Marlowe unter dem Titel "Tote schlafen fest" (1946) sind überdeutlich, geradezu plump.
Krimi "Tod auf Bewährung" von Didier Daeninckx
Der krimierfahrene Leser wird sich vermutlich fragen, warum ausgerechnet dieser frühe Roman von Daeninckx (1985) einer der wenigen ist, die überhaupt aus der großen Bücherkiste des französischen Bestsellerautors in deutscher Übersetzung erschienen sind – und vielleicht auch, warum er jetzt in vielen Feuilletons und Büchersendungen gefeiert wird. Sollte man nicht lieber Chandler im Original lesen, statt sich mit dem platten deutschen Titel "Tod auf Bewährung" zu begnügen? Ja und nein!
Philipp Marlowe in Paris
Nein: Die kriminalistische Handlung ist streckenweise langweilig, die Macken und Eigenheiten des Privatdetektivs René Griffon - Geldmangel, Junggesellenbude, Hauptfreizeitbeschäftigung Sex mit der Assistentin - sind eher anödende, gar nicht prickelnde Anspielungen auf Chandler. Ja: Der ehemalige Drucker und Journalist Didier Daeninckx nutzt (ähnlich wie Martin Walker mit seinen Bruno-Chef-de-Police-Krimis) das Krimigenre, um politisch brisante Themen unters Volk zu bringen, und das funktioniert: Zumindest in Frankreich sind Daeninckx Bücher sehr erfolgreich.
Feiertag 11. November in Frankreich zum Weltkriegsende 1918
In Frankreich gedenkt man des Endes des Ersten Weltkriegs mit einem ernst genommenen Feiertag: Am 11. November finden Defilees und Paraden in Erinnerung an den Waffenstillstand von Compiègne 1918 statt. Erst im Jahr 2008 nahm letztmals ein überlebender Kriegsveteran an den Feierlichkeiten teil; als er starb, richtete Präsident Sarkozy ihm ein Staatsbegräbnis aus (übrigens angeblich gegen den Willen des Verstorbenen). In Deutschland lebt die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und seine Opfer lange nicht so intensiv weiter wie in Frankreich. Dies liegt nicht nur daran, dass in der "Grande Guerre" (Großer Krieg) 1914-18 über eine Million französische Soldaten fielen und Hunderttausende als Versehrte zurückkehrten. Vor allem aber blieb der Krieg im Gedächtnis der Bevölkerung, weil große Gebiete Nordfrankreichs nach dem jahrlangen Kampf in Schützengräben vollkommen verwüstet waren.
Frontsoldaten in Paris
Der Roman "Tod auf Bewährung" spielt 1920 in der ersten Nachkriegszeit in Paris. Die Stadt ist voller heimgekehrter Frontsoldaten, viele davon mit entsetzlichen Verstümmelungen in Sanatorien mehr vegetierend als lebend. René Griffon kam zwar körperlich gesund, psychisch aber durch die Kriegserlebnisse traumatisiert zurück und verdient sich nun seine Brötchen mit der moralisch zweifelhaften, aber einträglichen Suche nach vermissten Ehemännern, deren Gattin nichts lieber täte, als einen halb toten Veteranen als den Ihren zu identifizieren – um schnellstmöglich die Scheidung einreichen zu können. Und ein Mann, der sich noch nicht mal an seine Identität erinnern kann, kann sich nicht wehren, wenn eine Dame ihn "wiedererkennt". So lautet denn Griffons Agenturangebot: "Blitzscheidungen. Spezialist für an der Front Verschollene. Fotokartei". Schließlich gerät der Detektiv doch noch in einen richtigen Fall, den zu schildern aber nicht wirklich lohnt.
Kölnisch Wasser, Eau de Cologne oder Eau de Louvain?
Interessant in diesem Buch sind besonders die atmosphärisch einfühlsamen historischen Schilderungen. Man erfährt, wie es wohl in den Sanatorien zuging, welchen Traumata die Heimkehrer aus den Schützengräben ausgesetzt waren und natürlich viel über das rege Nachtleben von Paris und die Kriegseinflüsse auf die französische Gesellschaft. Die eigentliche Stärke des Autors liegt vermutlich in seinen minutiösen Recherchen über die beschriebene Zeit. Zum Beispiel gibt ihm Griffons Geliebte Irène, die sich gern mit Eau de Cologne besprüht, das man vier Jahre lang als Eau de Louvain bezeichnen musste, Anlass für eine Reflexion über Sprachregelungen während der deutsch-französischen Kriegszeit, um nicht als Spion der "boches" denunziert zu werden: "Da kaufte man Salzgebäck statt Bretzels. Man musste sich daran gewöhnen, an der Avenue Jean-Jaurès auszusteigen statt an der Avenue d'Allemagne. Ganz zu schweigen von der ungeheuren Willensanstrengung, nur ja kein Preußischblau zu kaufen oder etwa Frankfurter Würstchen!"
Pariser Privatdetektiv fährt Packard
Ganz nebenbei erfährt man von dem Autofreak René Griffon Details über den zunehmend motorisierten Straßenverkehr und die gängigen Automarken der Zeit. Auch bedeutendere Facetten der Kriegspolitik und Nachkriegswirren holte Daininckx ans Licht, sodass man das Fazit ziehen kann: Der Roman "Tod auf Bewährung" wird routinierte Krimileser nicht um den Nachtschlaf bringen, bietet aber unterhaltsam aufbereitete Informationen über das chaotische Leben im Paris der frühen 20er Jahre.
Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung. Roman. Aus dem Französischen von Stefan Linster. Gebunden. 262 Seiten. Verlagsbuchhandlung Liebeskind München 2011. 18,90 Euro
