Nie zuvor gab es im Herrentennis eine derart dominierende Figur wie den Schweizer Roger Federer. Gleich drei Mal (2004, 2006, 2007) holte er innerhalb einer Saison drei von vier Grand-Slam-Titeln. Von 2004 bis 2007 gewann er 11 von 16 Grand-Slam-Turnieren. Er ist die unangefochtene Nummer 1. Bald dürfte der Schweizer den Amerikaner Pete Sampras als Spieler mit den meisten Grand-Slam-Erfolgen (14) ablösen. Kein Wunder, dass manche behaupten, Federer sei der beste Tennisspieler aller Zeiten. Aber stimmt das?
Federers Erfolge haben einen Makel
Nein, es stimmt wohl nicht. Federers Erfolge haben einen Makel: Er errang sie gegen vergleichsweise schwache Konkurrenz. Ein Blick auf die aktuelle Weltrangliste beweist: Außer dem starken Nadal und dem hochtalentierten Australian Open-Sieger Novak Djokovic – beide schlugen den Schweizer schon mehrfach – stehen fast ausschließlich typische Sandplatzwühler in den Top 10.
Federer musste sich nie mit einem genialen McEnroe herumschlagen, nie mit einem kampfstarken Becker, nie mit einem Agassi in Bestform. Tennis auf höchstem Niveau ist (vielmehr: war) jedoch nicht zuletzt ein Spiel, das im Kopf entschieden wird. Genau dieser Belastung sieht sich Federer kaum ausgesetzt. Er musste sich noch nie in einem Turnier durchsetzen, in dem etliche andere Grand-Slam-Sieger (oder ehemalige Weltranglistenerste) ebenfalls Chancen auf den Sieg hatten. Man darf schon fragen, warum der Schweizer – der derzeit beste Tennispieler der Welt – im Herbst 2007 zumindest einen von drei Schaukämpfengegen Pete Sampras verlor. Natürlich, Federers Saison war lang und anstrengend, Schaukampf ist Schaukampf, sein Gegner war hochmotiviert. Andererseits: Pete Sampras ist bereits vor fünf Jahren (!) zurückgetreten. Allein dies relativiert Federers derzeitige Dominanz erheblich.
Die 10 besten Tennis-Spieler aller Zeiten
Platz 1
Es gibt Spieler, die mehr Erfolge errungen haben. Aber keiner spielte so genialisch-verrückt wie John McEnroe (USA). Sein Aufschlag, seine Volleys – unerreicht. Er war der spektakulärste Serve-and-Volley-Spieler aller Zeiten. Von 1981 bis 1984 beendete er das Tennisjahr als Nr. 1 der Weltrangliste, drei Mal siegte er in Wimbledon, vier Mal bei den US Open. Sein bestes Jahr war 1984: 82 Siege, drei Niederlagen – gegen stärkste Konkurrenz. McEnroe war ein Ereignis auf dem Platz, auch wegen seiner Wutausbrüche bei (vermeintlichen) Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. "BigMac" war als einziger Spieler – neben Stefan Edberg – sowohl im Einzel (77 Titel) als auch im Doppel (78 Titel) die Nummer 1. Der Beste!
Platz 2
Nein, Pete Sampras (USA) war nie sehr beliebt. Agassi sah besser aus, Rafter erst recht, Becker spielte spektakulärer, Edberg eleganter. 14 Grand-Slam-Titel gegen stärkste Konkurrenz sprechen dennoch eine deutliche Sprache. Nur ein Sieg bei den French Open gelang ihm nie. Sampras' Aufschlag war nahezu unbezwingbar, seine Nervenstärke legendär. Man musste "Pistol Pete" nicht mögen, aber Respekt war Sampras stets sicher.
Platz 3
Er gewann sechs Mal die French Open, fünf Mal in Wimledon und prägte während seiner kurzen Karriere das Herrentennis: Björn Borg (Schweden). Ruhig bis ins Mark, scheinbar apathisch, wehrte er die Angriffe seiner Gegenspieler – etwa Connors, McEnroe, Vilas, Nastase – mit souveränem Grundlinientennis ab. Da Borg seine Karriere bereits mit 26 Jahren beendete, bleibt für immer die Frage, was er noch hätte erreichen können...
Platz 4
Langweilig. Unsympathisch. Ivan Lendl (Tschechien, später USA) galt nicht gerade als Idol – schon gar nicht im Vergleich zu anderen Haudegen. Dennoch: Er war lange Zeit der Beste unter extrem vielen, sehr guten Spielern. Ein Spieler ohne Schwächen. Solides Grundlinientennis und Nervenstärke sicherten Lendl je drei French Open- und US Open-Siege sowie zweimal den Titel der Australian Open. Er stand acht Mal im Folge im Finale der US Open und beendete zehn Jahre hintereinander unter den Top 3. Bemerkenswert, dass Lendls wohl berühmtestes Spiel eine Niederlage war: das kuriose Match gegen Michael Chang bei den French Open 1989.
Platz 5
Fünf Jahre in Folge (1974 bis 1978) beendete Jimmy Connors (USA) das Tennisjahr als Nummer 1. Fünf US-Open-Siege, zwei in Wimbledon und einen bei den Australian Open konnte er mit seiner aggressiven Spielweise erringen. Borg, später McEnroe und Lendl waren seine größten Kontrahenten. 1991 – mit fast 39 Jahren – erreichte "Jimbo" noch einmal das Halbfinale der US Open. Ungemein kampfstark, nie aufgebend: Connors war ein Naturereignis auf dem Court.
Platz 6
Er begann als Rebell auf dem Tennisplatz und beendete seine Karriere als respektierter Held. Andre Agassi (USA) ist der einzige Spieler der letzten 40 Jahre (!), dem es gelang, alle vier Grand-Slam-Turniere wenigstens einmal zu gewinnen. Seine herausragende Stärke war der Return – damit trieb er nicht selten seine aufschlagstarken Gegner wie Becker, Edberg oder Sampras zur Verzweiflung. Er feierte seinen großen Durchbruch 1992 in Wimbledon: Nach Siegen über die Giganten McEnroe und Becker bezwang er im Finale Goran Ivanisevic.
Platz 7
Roger Federer. Es ist noch Luft nach oben für den Schweizer. Gelänge ihm ein Sieg bei French Open, zöge er mit Agassi gleich und hätte alle Grand-Slam-Turniere wenigstens einmal gewonnen. Gewänne er nochmals in Wimbledon, überträfe er Borg. Er kann (und wird) wahrscheinlich noch viele Rekorde aufstellen. Doch der Makel bleibt: Wie stark ist ein Spieler, der kaum ernsthafte Konkurrenz hat, wirklich? Wie stark ist ein Spieler, der gegen einen vor 5 Jahren zurückgetretenen Pete Sampras verliert?
Platz 8
Die pure Eleganz. Neben McEnroe war Stefan Edberg (Schweden) der einzige Spieler, der sowohl im Einzel als auch im Doppel die Nummer 1 errang. Keiner kam nach dem Aufschlag – gerne auch dem zweiten! – so schnell so nah ans Netz. Keiner spielte gefühlvollere Volleys. Keiner behielt dabei eine derart coole Frisur wie der "Schweiger von Växjö". Je zweimal siegte Edberg in Wimbledon, bei den Australian und den US Open. Stefan Edberg wurde gleich fünf Mal als fairster Spieler der ATP-Tour ausgezeichnet.
Platz 9
Der Stil von Boris Becker (Deutschland) unterschied sich gewaltig von dem Edbergs. Power, Willensstärke und enormes Durchsetzungsvermögen zeichneten Becker aus. Kein anderer Spieler gewann mehr Spiele, in denen er bereits mit 0:2 Sätzen zurücklag, der Spitzname "Come-Becker" war also berechtigt. Kampfkraft, der großartige Aufschlag und starke Volleys bildeten die Grundlage für seine Siege in Wimbledon (3x), bei den Australian Open (2x) und den US Open (1x).
Platz 10
Ähnlich wie bei Borg war die ernsthafte Tenniskarriere von Mats Wilander (Schweden) recht kurz. Doch in seiner besten Phase besiegte er alle: Lendl, Becker, Edberg, McEnroe. 1988 errang er – bis auf Wimbledon – alle Grand Slam Titel und wurde die Nummer 1 der Weltrangliste. Obwohl eigentlich ein klassischer Grundlinienspezialist (mit fast einzigartiger Laufstärke), feierte Wilander auch im Doppel einige große Erfolge.
