
- Kilian Rüthemann: Stripping - bb5, Kilian Rüthemann
Die seit 1996 alle zwei Jahre stattfindende Berlin Biennale hat eine Menge Karrieren in der deutschen Kunstszene beflügelt. Gründungsmitglied Klaus Biesenbach wurde im letzten Jahr Chefkurator für das Department Media am Museum of Modern Art in New York. Berlin-Biennale-Teilnehmer wie Franz Ackermann, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Monika Bonvinci oder Jonathan Meese sind heute international gefeierte Stars. Die letzte Biennale, 2006, fand noch einmal entlang der Auguststraße in Berlin-Mitte statt und nahm auf fast schon nostalgische Weise Bezug auf die Aufbruchszeit im Ost-Berlin der Neunziger.
Heute ist die Berlin-Mitte ein gentrifizierter Ort, der fest in der Hand der Touristen und langweiliger Shopping-Ketten ist. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum die Kuratoren der 5. Berlin Biennale den räumlichen Horizont der Ausstellung ausgeweitet haben. Neben den Kunstwerken an der Auguststraße haben sie drei weitere neue Ausstellungsorte gewählt. Zusätzlich zur Ausstellung gibt es verteilt über die ganze Stadt ein Abendprogramm mit Vorträgen, Performances, Lesungen und Musik.
Wilder Stilmix in sozialistischem Prunkbau
Die neu hinzugekommen Orte stehen in besonderem Bezug zur Geschichte der ehemals geteilten deutschen Hauptstadt. Der Schinkelpavillion ist ein zu DDR Zeiten gebautes neoklassizistisches Gebäude in der historischen Mitte Berlins. Der Besucher findet dort eine seltsame Mischung aus historischer Rekonstruktion und DDR-Moderne. Im Schinkelpavillion stellen einige der Biennale Teilnehmer für sie wichtige Künstler aus. Zum Start präsentiert die iranische Künstlerin Nairy Baghramian Spiegelobjekte der Designerin Janette Laverriere.
Kunst auf dem ehemaligen Todesstreifen
An der Grenze der Stadtteile Kreuzberg und Mitte haben die Kuratoren auf dem ehemaligen Todestreifen der einst geteilten Stadt einen Skulpturenpark eingerichtet. Es handelt sich um eine Brache, die eingekesselt ist von hässlichen Bürobauten. Alle Investorenphantasien sind hier gescheitert. Das Unkraut wächst wild, Bauschrott türmt sich, Anwohner führen dort die für die Gegend typischen Kampf-Hunde aus.
Die im Skulpturenpark Mitte präsentierten Arbeiten versuchen, den Non-Space nicht aufzuwerten oder ihn zu verschönern. Die Kunst bleibt hier unscheinbar und ordnet sich unter. So ist beispielsweise die Klangarbeit der in Berlin und London lebenden Künstlerin Susan Hiller in einem Schuttberg versteckt. Kilian Rüthemann hat 300 halbkugelförmige Löcher in die Erde gegraben, die wahrscheinlich beim ersten großen Regen weggespült werden. Die irische Künstlerin Aleana Egan hat ihre Skluptur in der äußersten Ecke des Geländes versteckt. Das filigrane Stahlskelett übersieht man fast. Pedro Barateiro hat eine Bushaltestelle nachgebaut, wie sie an den einsamen Landstraßen in Kasachstan stehen. Sie fügt sich nahtlos in das trostlose Plattenbauensemble ein. Wenn im Frühling das Gras wächst und die Bäume Blätter tragen, wird die Kunst an diesem Ort wahrscheinlich noch mehr in den Hintergrund treten.
Tempel der Moderne
Neben diesem ungemein hässlichen Ort haben die Kuratoren der 5. Berlin Biennale einen Ort absoluter Schönheit und Perfektion gewählt: die Neue Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe im Westteil Berlins. Das 1968 fertig gestellte Gebäude gilt als Meisterwerk der Spätmoderne. Die Biennale sucht hier die Auseinandersetzung, fragt nach der Legitimität der Moderne und den Möglichkeiten der Präsentation von Kunst. Marc Camille Chaimowicz wagt es, gemusterte Vorhänge in dem kühlen Palast aus Glas und Stahl anzubringen. Paola Pivi versperrt direkt hinter den Eingangstüren den unmittelbaren Zugang durch eine monumentale Gitterstruktur. Auf der Oberfläche der Skulptur sind billige Glitzersteine in allen erdenklichen Farben aufgebracht. Der Glitzer-Kitsch wirkt ebenso wie die ornamentalen Muster der Vorhänge in diesem aufgeräumten Tempel der Moderne wie eine Provokation.
Kunst auf dem Rückzug
Die Biennale fordert den Betrachter ständig heraus. An ihren Hauptschauplatz, den Kunstwerken in der Auguststraße, ist der größte Raum völlig leer. Erst nach genauerem Hinsehen entdeckt man, dass der Boden asphaltiert ist. Der türkische Künstler Ahmet Ögüt präsentiert hier seine erstmals 2007 in Istanbul realisierte Arbeit "Ground Control". Was zunächst wie Minimal Art aussieht, ist in Wirklichkeit ein Hinweis auf die Praxis in der Türkei, dass Land zunehmend durch Straßen zu erschließen. Damit verbessert sich nicht nur die Infrastruktur des Landes, sondern steigt vor allem die staatliche Kontrolle und Macht.
Arbeiten mit Hintergrund, Orte mit Geschichte – das ist typisch für die 5. Berlin Biennale. Die teilnehmenden Künstler sind unbekannt, ebenso fehlen große Gesten. Oft ist es nicht einfach, die Kunst überhaupt wahrzunehmen. So pflanzt Ulrike Mohr Weiden und Birken im Skulpturenpark, die vorher auf dem ehemaligen Parlamentsgebäude der DDR, dem „Palast der Republik“, wild wuchsen. Die Bäume sind nur als Ausstellungsstücke zu erkennen, weil dort Schilder angebracht sind.
Biennale Kurator Adam Szymczyk wirkt in seinen zu engen Anzügen nicht wie ein cooler Hedi Slimane Boy, sondern wie ein schüchtener Nerd. Die Kunst, die er ausstellt, wird dem Kunst-Jet-Set, dem Mode- und Designpublikum und den Leuten vom Berliner Stadtmarketing nicht gefallen. Sie ist leise, verschlossen und zurückgezogen, verweigert sich dem Event, stellt Fragen statt Antworten zu geben.
