Die Abschaffung der Arten - Rezension

Der ungewöhnliche Science-Fiction-Roman von Dietmar Dath

Dath: Die Abschaffung der Arten - Suhrkamp Verlag
Dath: Die Abschaffung der Arten - Suhrkamp Verlag
In einem neuen Zeitalter, weit in der Zukunft, versuchen neue Wesen zu ergründen, warum das Projekt der Menschen und ihrer Nachfolger gescheitert ist.

Achtung: Die Handlung dieses ungewöhnlichen Science-Fiction-Romans beginnt 500 Jahre nach unserer Zeit und umfasst eintausendfünfhundert Jahre. So weit in die Zukunft katapultiert, hat der Leser es zunächst schwer, sich zu orientieren. Es gibt auf Erde, Venus und Mars reichlich Lebewesen, Tiere mit Sprache und Mischwesen, die wir nicht kennen und die zudem noch Form, Geschlecht und Namen wechseln, sowie neue Technologien. Aber wenn man sich einmal auf diese fremde Welt eingelassen hat, ist Dietmar Daths verrückter Roman „Die Abschaffung der Arten“ ein großartiges Leseabenteuer.

Zukunftsvision Teil 1: Tiere mit Sprache, die Gente

So beginnt es: Die Menschheit ist besiegt. Ein paar verwahrloste Exemplare vegetieren zwar noch außerhalb der drei großen Städte, doch sie sind nicht mehr von Bedeutung. Ihre Epoche, „die Langeweile“ genannt, ist zu Ende. Jetzt herrschen die Gente, intelligente Tiere mit einer neuartigen Technologie. Sie kommunizieren über Pherinfone, Schnupperquanten und werden angeführt vom Löwen Cyrus Golden. Seine Berater sind eine Fledermaus und eine Libelle, sein Botschafter ist der Wolf Dimitri. Die Dachse stellen das Militär, der Fuchs lenkt das Kapital, ein Affe repräsentiert die Kunst, ein Esel die Bürokratie. Aber es handelt sich keineswegs um eine Fabel mit Menschen in Tiergestalt, die uns etwas lehren soll. Der Autor hat weitergedacht und eine neue Zivilisation erfunden, die ihrerseits nicht unangefochten bleibt.

Zukunftsvision Teil 2: Die Zivilisation der Keramikaner vertreibt die Gente

Im brasilianischen Urwald braut sich nämlich etwas zusammen. Supercomputer sind entstanden, die die Gente-Welt bedrohen und schließlich besiegen. Die Zeit des Löwen ist um, das Projekt der Gente ist ebenso gescheitert wie das der Menschen zuvor. Vorher aber lieben sich Luchsin und Wolf und zeugen ein Kind. Oder zwei? Der schlauen Luchsin gelingt es, vor der Vernichtung der Gente „Setzlinge“ auf den Mond und von da aus auf Mars und Venus zu exportieren. Dort entwickeln sich ganz neue, andersartige Zivilisationen. Genaue Geschichtskenntnisse haben sie nicht, doch ein Rest Erinnerung an ältere Kulturen bleibt.

Zukunftsvision Teil 3: Die Kinder von Wolf und Luchs kehren zur Erde zurück

Schließlich werden die Kinder von Luchsin und Wolf auf die Erde geschickt, um zu erkunden, wie es dort jetzt aussieht und ob noch etwas Altes erhalten geblieben ist. Prinz Feuer und die Echse Padmasambhava betreiben eine Art Archäologie an Wesen, die noch gar nicht existieren. Die einzige handelnde Person in Menschengestalt, die Komponistin Cordula Späth, spielt dabei eine wichtige Rolle, und mit ihr die Musik, für die sich auch die neuen Wesen empfänglich zeigen. Die Frage hinter alledem lautet: „Wieso ist den Menschen eigentlich passiert, was ihnen passiert ist?“ Haben sie an einer falschen Wirklichkeit festgehalten, anstatt sich der Wahrheit zuzuwenden?

Ein Roman wie ein Computerspiel

Das Buch funktioniert wie ein Computerspiel. Von einer Ebene werden wir auf eine andere geschickt. Kaum hat man sich dort orientiert, findet man sich auf dem nächsten Level wieder, dann geht es wieder zurück auf eine völlig veränderte Erde. Und die Zeit ist nicht einmal linear, sie hat Risse und Spalten. „Verspannte Denkmuskeln auflockern“ wollte Dath nach eigener Aussage mit diesem Roman. Er möchte den Möglichkeitssinn wecken, um andere Welten denken zu können. Dem Leser schwirrt der Kopf, aber wenn er sich einlässt und dabeibleibt, hat er auch Spaß an diesem grandiosen Denkspiel und will selbst anfangen zu spekulieren, was einmal sein könnte.

Der Autor Dietmar Dath

Da beim Lesen doch viele Fragen offen bleiben, hat Dietmar Dath eine Website eingerichtet, auf der er einige davon aufgreift und beantwortet. Erst dadurch, dass „Die Abschaffung der Arten“ auf die Shortlist zum deutschen Buchpreis kam, wurde eine breitere Öffentlichkeit auf diesen äußerst produktiven Schriftsteller aufmerksam. Dath, 1970 geboren, war Chefredakteur von Spex und Redakteur der FAZ Er hat mehrere Romane und Sachbücher, über alle Gattungsgrenzen hinweg, veröffentlicht, in denen es um Technik, Politik und Kunst geht. 2008 erhielt Dath den Lessing-Förderpreis.

Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten. Suhrkamp Verlag 2008. Gebunden, 552 Seiten. Euro 24,80.

Ruth Lisa Knapp, Ruth Lisa Knapp

Ruth Lisa Knapp - Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie war ich als Lehrerin im In- und Ausland tätig, später als ...

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