
- Äthiopischer Priester - http://directionstoorthodoxy.org/share/mod_gallery
Etwa 35 bis 40 Millionen Äthiopier, nahezu die Hälfte des Landes, gehören der äthiopisch-orthodoxen Kirche (Tewahdo) an, einer orientalisch-orthodoxen Kirche, die lange mit der ägyptisch-koptischen Kirche verbunden war, bis sie 1950 autonom wurde.
„Tewahdo“ geht auf das arabische Wort „Tauhid“ zurück und bedeutet soviel wie „Einheit“, wobei dabei die Vereinigung der beiden Naturen in Christus gemeint ist.
Geschichte
Über den Ursprung der äthiopischen Kirche berichtet der griechische Geschichtsschreiber Rufinus von Aquileia von zwei Brüdern, Frumentius und Aidesios, welche auf ihrer Heimreise nach Tyrus an der Küste des Roten Meeres überfallen und an den Hof des äthiopischen Königs von Axum verkauft worden seien. Dank ihrer griechischen Bildung stiegen sie zu Erziehern der Prinzen auf und vermittelten der Königsfamilie ihren christlichen Glauben. Frumentius reiste später zum Patriarchen von Alexandria, Athanasius und wurde von ihm zum Bischof von Axum geweiht. Der Übertritt des Königs zum Christentum ist durch Münzfunde für das 4. Jahrhundert archäologisch belegt. Seit diesem Zeitpunkt waren im christlichen Äthiopien Herrscher und Kirche eng miteinander verbunden.
Der Heilige Teklehaimanot, ein Mönch und Heiliger der äthiopisch-orthodoxen Kirche war mitverantwortlich dafür, dass 1270 die so genannte "salomonische Dynastie" an die Macht kam. Gewissermaßen als Belohnung erhielt die Kirche große Teile des Landes geschenkt. Äthiopisch-orthodoxe Geistliche stellten die Bildungselite des Landes dar und fanden daher Anstellung am kaiserlichen Hof. Die Kirche wehrte sich daher anfangs vehement gegen die Einführung des modernen Schulsystems durch Kaiser Menelik II. Von da an entfernten sich langsam Staat und Kirche, doch erst in der Verfassung von 1994 wurde offiziell die Trennung von Kirche und Staat vollzogen.
Glaubensleben
Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche hat durch ihre isolierte Lage im Hochland viele kulturelle und religiöse Eigenständigkeiten bewahrt und entwickelt. Es entstand zudem die Legende von der Abstammung des äthiopischen Herrscherhauses aus einem Verhältnis von König Salomon mit Makeda, der Königin von Saba (im äthiopischen Nationalepos „Kïbrä Nägäst“ aus dem 14. Jahrhundert wiedergegeben). Der gemeinsame Sohn Menelik soll die Bundeslade aus dem Tempel gestohlen und nach Äthiopien gebracht haben. Der äthiopisch-orthodoxe Bibelkanon umfasst sowohl im Alten wie im Neuen Testament Bücher, die in den restlichen Kirchen als apokryph gewertet werden (etwa das Buch Henoch oder das Jubiläenbuch), sodass die Bibel dieser Kirche mit 88 Büchern unter allen traditionellen Kirchen die längste darstellt.
Wie in einigen orientalisch-orthodoxen Kirchen nehmen Männer- und Frauenklöster in der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche eine zentrale Stellung als kulturelle, soziale und spirituelle Zentren ein. Das äthiopisch-orthodoxe Mönchtum wird auf die so genannten "neun Heiligen" zurückgeführt, die wahrscheinlich im 6. Jahrhundert vor der reichskirchlichen Verfolgung flohen. Die Mönche und Nonnen in den rund 800 äthiopischen Klöstern leben zumeist sehr ärmlich, bergen aber in ihren Kirchen enorme kulturelle Schätze (z. B. illuminierte Handschriften). Vom 6. Jahrhundert bis in die Gegenwart waren Klöster Verwalterinnen der traditionellen äthiopischen Schulbildung, in der hauptsächlich Geistliche ausgebildet wurden. (Heute verfügt die äthiopisch-orthodoxe Kirche auch über drei moderne theologische Ausbildungsstätten, deren wichtigste das Holy Trinity Theological College in Addis Abeba ist.)
Neben den Mönchspriestern kennt die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche auch verheiratete Priester, die ein ebenso hohes Ansehen genießen wie die Mönche. Zusammen mit Diakonen (die bereits in jugendlichen Jahren geweiht werden) und den Kirchensängern (däbtärawotsch) kommen alle Kleriker zusammen auf die enorme Zahl von etwa 400.000. Die Liturgiesprache der Kirche ist Ge'ez, geschrieben mit einer besonderen Schrift, dem „Fidäl“.
Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche kennt eine Fülle an Fasttagen (rund 200 Tage), an denen keinerlei tierische Produkte und bis mindestens Mittag gar nichts gegessen und getrunken werden darf. Dies sind jeder Mittwoch und Freitag, sowie diverse Fastenzeiten, die Wochen bis Monate dauern können.
Auch an Feiertagen spart das äthiopisch-orthodoxe Kirchenjahr nicht. Als Besonderheit innerhalb der christlichen Kirchen kennt der äthiopische Kalender monatlich wiederkehrende Feiertage.
Organisation
Zwischen 35 und 40 Millionen Menschen gehören derzeit der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche an. Kirchenoberhaupt ist der Patriarch, seit 1992 Abunä Paulos. Das oberste Gremium ist die Versammlung aller Bischöfe die zweimal im Jahr zusammenkommt; nur Mönche können Bischöfe werden. Die Bischöfe leiten die 38 Erzdiözesen im In- und Ausland, eine Aufgabe die von der Patriarchalverwaltung in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba koordiniert wird.
Weitere Informationen gibt es auf der Website der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche und ihrer Sonntagsschule, Mahbere Kidusan.
