
- Bodenspuren - H. J. Scholten
Das Rheinische Industriebahn Museum in Köln Longerich ist ein Club von Eisenbahnfans. Im alten denkmalgeschützten Ausbesserungswerk Nippes halten die Mitglieder Fahrzeuge der deutschen Eisenbahngeschichte Instand, darunter zum Beispiel der legendäre „Rheingold-Express“. Den Mitgliedern des Vereins ist zur Auflage gemacht worden, das Dach der genutzten, ungefähr 50 mal 100 Meter großen Halle aus dem Jahr 1913 abzudichten. Begründung: Eindringendes Regenwasser würde zu Ausschwemmungen führen, wodurch eine Belastung des Grundwassers entstanden ist. Doch die Grundfläche der Halle ist nur ein Bruchteil der gesamten Bahnbetriebsanlage.
Das Areal des Bahnbetriebsgelände
Das ehemalige Ausbesserungswerk und ein Güterbahnhof erstrecken sich über drei Kilometer von Köln-Longerich bis Köln-Nippes. Am nördlichen Ende befand sich bis 1990 der Flugplatz Butzweiler Hof, am südlichen Ende mündet der Standort im Gereonsbahnhof vis à vis dem heutigen Hauptbahnhof. Ein Großteil des Geländes wird nach der Umstrukturierung der Bahn AG nicht mehr genutzt und steht zur Disposition, beziehungsweise ein Teilstück wurde schon verkauft.
Der erste Verkauf im Kölner Norden
Einer der ersten Eigentümer laut Grundbucheintrag ist die Firma RWR (Rohstoff- und Wertstoff-Recycling GmbH & Co. KG), wie der Geschäftsführer Wolfgang Michels, anlässlich einer Sitzung mit Fragestunde der Bezirksvertretung Nippes mitteilte. Auf der Grundlage einer geduldeten Nutzung braucht die Firma RWR das Gelände für ihre Belange. Dazu wurde die Fläche befahrbar gemacht und bei der Stadt Köln der Antrag auf Einordnung als eingeschränktes Industriegebiet gemacht.
Einordnung zum Nutzen des Käufers
Einer der wesentlichen Aspekte bei der Entwidmung des Geländes ist die von behördlicher Seite festgelegte Einordnung als Industrie, Gewerbe oder Wohngebiet. Angesichts des über 100 Jahre von der Eisenbahn genutzten Areals auch eine Frage, die den Verkaufswert bestimmt. Schließlich ist der Eigentümer bei Verkauf für ökologisch wirksame Altlastenbeseitigung verantwortlich.
Gutachter sind keine Mediziner
Vor dem Verkauf alter Bahngelände werden deswegen Gutachter zu Rate gezogen, die von der Bahn AG oder vom Käufer bezahlt werden. Auf rechtlicher Grundlage wird eine Einordnung der Belastung analysiert. Recheriert werden dabei alle Einträge, die im Boden stattgefunden haben. Auswirkungen auf die Gesundheit, zum Beispiel durch die Emission von Staub wie er bei der Nutzung im Fall der RWR entsteht, werden dabei aber nicht zur Diskussion stehen. Letztendlich ist die Langzeitwirkung der eingebrachten giftigen Stoffe von medizinischer Seite unbestritten.
Spuren der Bodenverschmutzung
Neben den normalen Einträgen, die im Internet durch eine Studie der Schweizerbahn mit dem Titel Gewässerschutz an Bahnanlagen (EAWAG-Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz, (pdf) gut dokumentiert sind. Dem, was alljährlich von der Eisenbahn an Betriebstoffen freigesetzt wird, vom Abrieb am Bremsklotz bis zum Herbizid um die Gleise vom Bewuchs zu befreien, gehört dazu alles was in den letzten 120 Jahren seit Bau der Trasse eingebracht wurde. Besonders dort wo Unternehmer Wolfgang Michels das Gelände planiert hat, wird das Dilemma deutlich. Dunkele Flecken auf dem Boden sind Spuren, auch im Bereich des Güterbahnhof sind Kontaminierungen vorhanden. Die nahen Brunnen sind ohnehin geschlossen, an manchen Plätzen ist die Erde metertief schwarz, bestätigen Mitglieder des Museums.
Dokumentation der Unteren Wasserbehörde berichtet von ausgelaufenem Kesselwagen
Beim Amt wird das Gelände als Verdachtsfläche geführt. Eine genaue Erfassung aller relevanten Vorkommnisse auf dem Gelände, die zu Bodenbelastungen führte gibt es seit 1982. Ein ausgelaufener Kesselwagen mit Diesel ist dabei die Spitze des Eisbergs.
Altlasten sind nicht kalkulierbar
Egal, ob Verschmutzung durch den normalen Betrieb entstanden ist, durch Unfälle oder Leckagen. Ob im Krieg durch Bomberpiloten, die das Areal der Eisenbahn zum Zielgebiet hatten und bei Angriffen auf abgestellte Güterzüge Gifte gleich tonnenweise freisetzten. Die Verantwortung für die entstandenen Schäden müßen gegebenenfalls von der Bahn AG getragen werden. Von daher ist die Bahn AG einer der größten Grundbesitzer der Republik, bei diesem Land, selbst bei stillgelegten Trassen, handelt es sich strenggenommen um Sondermülldeponien. Die Vermutung liegt nahe, dass eine komplette Sanierung, eine Rückführung in den ursprünglichen Zustand, für die Deutsche Bundesbahn ein finanzielles Desaster erster Ordnung wird. Auch wenn der Bund, der größte Eigentümer der Bahn, bei Nachweis von Kriegsfolgen für die Kosten einsteht. Rechtliche Grundlagen berücksichtigen in erster Linie den wirtschaftlichen Aspekt, denn Müll zu entsorgen macht manchmal noch mehr Müll, mit den damit verbundenen Kosten. Die Bodenbelastung in Nippes, das von der Deutschen Bahn AG in der Verdachtskategorie "Mittel" eingestuft ist, wird entsorgungstechnisch als Z 1.2 eingeordnet. Das darunterliegende Kiesbett wird vorraussichtlich als Z 0 Material verwertet werden. Eine Streichung aus dem Altlastenkataster ist das Ziel.
Gesundheit geht vor
Gefahren für die Gesundheit können bei der Eigenwasserversorgung durch Bahnanlagen nahe Brunnen, durch Staubentwicklung oder direktem Kontakt mit den kontaminierten Böden entstehen. Ein Nachweis, der einen direkten Zusammenhang bestätigt wird indes schwer. Schließlich werden manche Krankheiten, die im Zusammenhang mit der Kontaminierung stehen könnten, erst Jahrzehnte später akut.
