Die Amsterdamer Börse

Das Warengeschäft im Amsterdam des 16. Jahrhunderts

Mit seinem Stapelmarkt und der Professionalisierung der Börse avancierte Amsterdam zum wichtigsten Warenumschlagplatz der Welt.

Mit Beginn des 16. Jahrhunderts veränderte sich das Gesicht der europäischen Wirtschaft. Bis dahin war sie in zwei größere Zonen geteilt. Im Süden die Städte der Mittelmeerregion, die mit hochwertigen Waren, wie Gewürzen, Seide und anderen wertvollen, aber wenig Raum einnehmenden Produkten untereinander Handel trieben und im Norden der Ost- und Nordseeraum, der mit umfangreichen, aber weniger wertvollen Waren, wie Holz, Getreide, Hanf und ähnlichem handelte. Die Entwicklungen im Schiffbau während des 15. Jahrhunderts und die damit verbundenen Entdeckungsfahrten ermöglichten ein Eindringen französischer und spanischer Massenwaren, wie Salz und Wein, in den baltischen Raum. Aus diesem Handel entstand ein Netzwerk von Märkten, die eng und regelmäßig miteinander handelten.

Die Entwicklung des Warengeschäfts

In der Mitte dieses Netzwerkes avancierte Antwerpen während des 16. Jahrhunderts zum ersten Stapelmarkt und Handelszentrum Europas. Dort kamen die Luxuswaren aus dem Süden und Westen zusammen, um von dort weiterverkauft oder durch das hochentwickelte Gewerbe der südlichen Niederlande weiterverarbeitet und dann verkauft zu werden. Nach dem Fall Antwerpens im niederländischen Unabhängigkeitskrieg übernahm Amsterdam diese Funktion - mit einer einzigen, aber entscheidenden Erweiterung.

Vom Getreidemarkt Europas zur Vorratskammer des Universums

Während Antwerpens Kaufleute hauptsächlich von den sogenannten „rich trades“, den hochwertigen, wenig Platz beanspruchenden Waren, Handel trieben, war Amsterdam durch sein Getreidemonopol zum Zentrum der Massengüter aufgestiegen. Mit dem Zustrom der Antwerpener Kaufleute kamen auch die „rich trades“ nach Amsterdam und erstmalig waren alle Waren in einer Stadt vereint.

Die zahlreichen Vorratshäuser, die für Getreide und die Massenwaren gebaut worden waren, füllten sich nun auch mit den Luxuswaren der Welt. Durch die Ausweitung des Handels nach Asien, Afrika und Südamerika erweiterte sich das Angebot des Marktes ständig. Eine hoch spezialisierte Industrie siedelte sich in und um Amsterdam herum an, um die Rohstoffe oder Halbwaren, die auf diesen Stapelmarkt gelangten, weiterzuverarbeiten. Diese Waren wurden ebenfalls über den Stapelmarkt in Amsterdam verkauft. Die Fähigkeit der Amsterdamer Kaufleute, die Ladung ganzer Schiffsflotten aufzukaufen, zu lagern, sowie Schiffe zur Verfügung zu stellen, um die Waren so schnell wie möglich an ihren Bestimmungsort zu bringen, trugen enorm zur Anziehung des Stapelmarktes bei. So sorgte der Stapelmarkt in Amsterdam für eine Bündelung des Angebots, das durch die Nachfrage bestimmt wurde. Angebot und Nachfrage allein regulierten die Preise. Die wichtigste Institution, die den Stapelmarkt dabei unterstützte, war die Amsterdamer Börse.

Angebot und Nachfrage regeln den Preis

Die ältesten erhalten gebliebenen Preislisten der Amsterdamer Börse datieren auf das Jahr 1585, doch es ist anzunehmen, dass diese Preislisten und damit auch die Börse schon früher existierten - vermutlich seit Amsterdam zum Zentrum des Getreidehandels aufgestiegen war. Eng mit dem Börsengeschäft verbunden war das Maklerwesen, welches schon im 15. Jahrhundert erwähnt wird, doch erst seit 1578 in einer Gilde zusammengeschlossen auftrat. Für einen bestimmten Prozentsatz waren die Makler die Vermittler zwischen Käufern und Verkäufern. Mit der Ausweitung des Handels steigerte sich dementsprechend die Anzahl der Makler. Um 1612 gab es etwa 300 lizensierte Makler in Amsterdam. Darunter waren interessanterweise auch zehn sephardische Juden, die aus Angst vor der Inquisition Spanien oder Portugal verlassen und in den Niederlanden eine neue Heimat gefunden hatten. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet des Maklerwesens waren für den Erfolg der Amsterdamer Börse so entscheidend, dass man sie sogar in die Gilde aufnahm.

Zentrum des Welthandels

1608 wurde den Maklern ein eigenes Gebäude für ihre Tätigkeit errichtet: die Amsterdamer Börse. Hier wurden jeden Tag die Angebote und die Preise der Kaufleute notiert. So wurde sicher gestellt, dass fremde Kaufleute oder Neuankömmlinge schnell und problemlos einen Käufer für ihre Waren finden konnten. Amsterdam war nach dem Fall Antwerpens zum Markt für alle Waren geworden, die es mit Geld zu kaufen gab. Kaufleute aus aller Welt kamen hierher, um zu kaufen oder zu verkaufen. Die Börse und damit auch die Makler waren die einzigen, die noch halbwegs einen Überblick über die unglaublichen Mengen hatten und die für eine Stabilität der Preise sorgen konnten. England, Spanien, Frankreich, Dänemark, Schweden, Österreich und Russland hatten zeitweise oder sogar permanent Agenten in Amsterdam, die für sie kauften oder verkauften.

Nur in Amsterdam gab es genügend von allem für alle und so hatte die Stadt bald den Ruf einer „allgemeinen Vorratskammer des Universums“. An der Börse konzentrierte sich der gesamte Eigen- und Kommissionshandel der Niederlande, der die eigentliche Grundlage des Handels bildete.

Frühformen der Aktienspekulation

Darüber hinaus entwickelten sich auch neue Formen der Spekulation, wie der Aktienhandel. Natürlich nicht im heutigen Sinne, sondern ein Vorläufer dessen in sehr bescheidener Form. Strategien gab es noch nicht. Stattdessen beschränkte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts der Aktienhandel auf Anteile der Kaufmannskompanien, der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOK) und der West-Indischen Kompanie (WIK), die gegründet worden waren, um die Portugiesen aus dem sehr lukrativen Gewürzhandel in Asien zu drängen. Die persönlichen Anteilscheine der Kompanie-Teilhaber wurden an der Börse gehandelt, indem sich Baisse- und Hausse-Parteien bildeten.

Über diese Aktien entstand schon früh ein reger Terminhandel. Man handelte mit Waren, die entweder noch nicht in Amsterdam eingetroffen waren oder mit Ernten, die noch nicht eingebracht worden waren. Gingen die Schiffe mit der Ware unter, oder war die Ernte schlecht, zog das vielfach Verluste nach sich. Dieses Geschäft war sehr riskant und hoch spekulativ und so mancher verspekulierte Haus und Hof, doch solange damit genügend Geld gemacht werden konnte, drückte auch die Obrigkeit ein Auge zu.

Sarah Essing - Werdegang: Lehramtsstudium Deutsch und Geschichte in Bielefeld, Volontariat, Lokal-Redakteurin, Referendariat, ...

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