Die Geburtsstunde der Kriminalliteratur fällt in jene Zeit, in der begonnen wurde, die Aufklärung von Verbrechen methodisch anzugehen, sei es durch Profis wie organisierte Polizeikräfte oder durch Amateure wie private Detektive. „Mit dieser systematischen Verbrechensbekämpfung wurde als Ergebnis der Aufklärung, Anfang des 19. Jahrhunderts, begonnen. Heute ist kaum vorstellbar, dass es davor keine organisierte Verbrechensbekämpfung gab“, erzählt der österreichische Experte für Kriminalliteratur, Dr. Richard Donnenberg, der sich seit rund dreißig Jahren intensiv mit Kriminalromanen sowie mit Sekundärliteratur über Autoren, ihre Werke und der Geschichte des Krimis auseinandersetzt.
Entstehung von Kriminalromanen
In den meisten einschlägigen Büchern über die Geschichte des Kriminalromans liest man, dass die 1845 erschienene Erzählung „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ von Edgar Allen Poe den modernen Kriminalroman begründet hat. „Das trifft wohl auf den englischen Sprachraum zu, aber es hat in deutschen Landen auch davor schon Werke gegeben, die man als Krimis oder zumindest als Vorläufer des Krimis bezeichnen kann“, korrigiert Richard Donnenberg. Er bringt eine Reihe von Beispielen, wie Friedrich von Schillers „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ (1786/92), E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scudéri“ (1819), Franz Grillparzers „Das Kloster bei Sendomir“ (1828) oder den eindeutigen Krimi von Adolf Müllner „Der Kaliber. Aus den Papieren eines Kriminalbeamten“ (1828).
Historisches Vorbild
Es ist eine Tatsache, dass der angelsächsische Krimi etwa mit Sherlock Holmes, Agatha Christie und Raymond Chandler dieser Gattung weltweit gewaltige Anstöße gegeben hat. Dennoch entwickelt sich der Kriminalroman seit einiger Zeit in vielen Ländern auf seine eigene Art, gleichsam aus der jeweils eigenen Kultur heraus, auch wenn diese Kulturen weltweit gemeinsamen Strömungen unterworfen sind.
Krimikulturen
Jedes Land entwickelt seine eigene Kriminalliteratur, die oft die Grenzen nicht überschreitet. Polnische Krimis werden praktisch nur in Polen gelesen, tschechische nur in Tschechien, estnische nur in Estland. Selbst in ihren Nachbarländern sind sie so gut wie unbekannt. „Ein extremes Beispiel ist Belgien, wo der flämische und französische Markt innerhalb ein und desselben Landes so stark voneinander getrennt sind, dass mir flämische Autoren beim besten Willen keinen Namen eines zeitgenössischen wallonischen Krimiautoren oder einer -autorin nennen konnten“, erzählt Donnenberg, der auch als Referent zu internationalen Krimiveranstaltungen geladen wird.
Ausgeprägte Übersetzungskultur
Im deutschsprachigen Raum hat das Übersetzen eine ganz große Tradition. Das fängt bei wissenschaftlichen Werken an und schließt auch den Kriminalroman ein. „Wir können Werke aus vielen Ländern lesen und dadurch unseren Horizont erweitern. Aber die Welt des Krimis ist mittlerweile so groß geworden, dass die literarische Landkarte trotzdem große Lücken aufweist“. Tschechische Krimis, so Donnenberg, seien im deutschsprachigen Raum noch so gut wie unbekannt.
Verschiedene Entwicklungsrichtungen
Grundlegend hat sich das Bild des Krimis in der deutschsprachigen Gesellschaft im Lauf der letzten Jahrzehnte positiv verändert, vom „Schundroman“, über dessen Lektüre man nicht offen spricht, zum angesehenen Bestsellertyp, der von vielen nachgeahmt wird und in seiner verfilmten Form aus dem täglichen Fernsehprogramm nicht mehr wegzudenken ist. „Der deutschsprachige Krimi kann sich weltweit sehen lassen – obwohl meines Erachtens noch immer zu wenige Krimis aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt werden.“
Neue Märkte
Die Skandinavier sind in den letzten Jahren en vogue, nicht nur bei uns, sondern auch im angelsächsischen Raum. Dort sieht man sehr viele Übersetzungen aus dem Schwedischen und Isländischen. Donnenberg blickt positiv in die Zukunft: „Ich glaube, dass die zunehmende Zahl der Übersetzungen ins Englische auch den deutschen Krimis den Weg in diese Märkte öffnen wird, wo man bisher außer Friedrich Dürrenmatt, Patrick Süskind und Jakob Arjouni nicht sehr viel aus dem deutschsprachigen Raum sieht.“
Wann genau das sein wird, wagt auch der Experte für Kriminalliteratur nicht abzuschätzen, wenngleich Richard Donnenberg als Mitbegründer der AIEP Österreich, der Vereinigung österreichischer Krimiautoren als Teil des weltweiten Verbandes „Asociacion Internacional de Escritores Policiacos”, es sich zum Ziel gesetzt hat, Krimiübersetzungen den Weg zu bahnen.
