
- Angst vor Religion - Angela Parszyk / pixelio.de
Mediziner sprechen von Phobie, wenn jemand eine irrationale Angst vor bestimmten Situationen hat: Spinnenphobie, Schlangenphobie, Höhenangst, Claustrophobie (Angst vor geschlossenen Räumen) und so weiter. In letzter Zeit wird – wohl durch die zunehmende Egozentrik und Isolation – die Angst vor dem Fremden (Xenophobie) immer aktueller. Natürlich spielen da auch gewisse Medien und populistische Politiker eine größere Rolle.
Wenn Angst krankhaft wird
Angst ist zunächst einmal nicht krankhaft, wird es aber, wenn sie zur irrationalen Angst wird, die nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Sie kann dann außerdem in Aggression umschlagen, erklärt der Wiener Psychiater Raphael M. Bonelli, Gründer des Institutes für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie: „Je weniger man sich mit der eigenen Angst auseinandersetzt und ihre Ursachen versteht, desto mehr führt sie zu Aggressionen: Weil man sich der eigenen Motive nicht bewusst ist, kann man diese Angst so schwer kontrollieren und weiß nicht, wie man sie in den Griff bekommt“.
Die Wurzeln der Islamophobie
Die heute viel zitierte Islamophobie wurzelt einerseits in der Xenophobie, andererseits in einer allgemeinen Religionsfeindlichkeit. Atheisten tendieren naturgemäß mehr zur Religionsfeindlichkeit, Religiöse mehr zur Xenophobie. Letztere beharren in ihrer Welt und haben Angst vor jeglicher Veränderung. Wer Veränderung als bedrohlich erlebt, bei dem führt das zu Aggression und Verbitterung, so Bonelli. „Über die vielen Kinder mit Migrationshintergrund kann er sich nicht freuen. Nicht eingestandene rassistische Motive spielen hier auch eine Rolle“.
Egozentrik spielt ebenfalls eine große Rolle. In jedem Migranten sieht man jemanden, der einem den Arbeitsplatz wegnimmt. Das mündet in einer typischen Verbitterung darüber, dass das geliebte Heimatland unter diesen fremden Elementen untergeht, und dass man sich selber meist als Opfer dieser Entwicklung sieht. Charakteristisch ist auch der Unwillen oder die Unfähigkeit, wirklich zu argumentieren. Es geht ja gar nicht um Argumente, sondern nur um die Rechtfertigung ihrer eigenen Haltung. Tatsache ist zum Beispiel, dass Christen in Ägypten ermordet werden, aber deswegen in jedem Muslim in Österreich eine Bedrohung zu sehen, ist völlig irrational. Ebenso haben dort Christen Muslime erschlagen. Und beim Umsturz hat man gesehen, dass Moslems Christen schützten und umgekehrt.
Fehlgeleitete Christen
Bonelli, selbst bekennender Katholik, kritisiert gewisse Katholiken, „die darauf pochen, dass sie katholisch sind, und Sprüche klopfen, die klar dem Zweiten Vatikanischen Konzil und den Aussagen von Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. widersprechen. Es ist unglaublich, mit welchem Fanatismus sie die katholische Lehre vergewaltigen, um ihre eigene Islamophobie zu rechtfertigen und sich ihre politischen Motive nicht einzugestehen. Auch das ist irrational.“ Die Kirche versucht heute, im Hinblick auf andere Religionen das Gemeinsame über das Trennende zu stellen. Hier stellen sich überzeugte Katholiken eindeutig gegen die Kirche.
Die Angst der Atheisten vor der Religion
Etwas anders gelagert ist die Phobie der Atheisten. Sie haben angenommen, dass die Religionen im Gefolge der Aufklärung von selbst verschwinden werden. Für sie kommt es einer Beleidigung nahe, dass dem offensichtlich so nicht der Fall ist. Der antireligiöse Effekt entsteht für den Psychiater aus der narzisstischen Kränkung des Rationalismus darüber, dass die Religion in der Postmoderne nicht untergegangen ist. Jeder, der trotzdem an etwa Höheres glaubt, wird als Bedrohung empfunden. Wenn praktizierte Religiosität noch dazu zu einer Ordnung im Leben führt, verstärkt das die Bedrohung, denn das könnte bedeuten, dass Religion vielleicht doch mehr ist als nur ein sentimentales Gefühl.
Am meisten irritierend wird dann empfunden, wenn junge Menschen von sich aus, ohne Zwang religiös sind und ihre Religiosität noch dazu als befreiend erleben. Das ist völlig unverständlich für Menschen, die in den Religionen nur eine Unterdrückung sehen. „Für jemanden, der vom Ende der Religionen träumt, wird es bedrohlich, wenn ein junger Mensch fünf Mal am Tag betet. Gerade der junge Islam in Europa zeigt Begabung, Intellekt und Zukunft“, sagt der Katholik Bonelli. Für ihn ist Religion immer gesammelte Weisheit der Lebensgestaltung, in der sich die Lebenserfahrung von hunderten Generationen niederschlägt. Mittlerweile gibt es wissenschaftliche Belege darüber, dass Religiosität sozusagen gesund ist. Aber wie erklärt man das einem Atheisten?
Religiöser Extremismus und Fanatismus
Auf die Frage, wie religiöser Extremismus und Fanatismus entstehen, antwortet Bonelli, dass es sich dabei um Fehlformen von Religion handelt, um Ideologien als Religionsersatz. Dabei dient fehlgeleitete Religiosität der Egozentrik und dem „Beweis“, besser zu sein als die Anderen. Das Ziel von Religiosität ist es dagegen, das Ich zu übersteigen in einen größeren Zusammenhang des Ganzen hinein. Der religiöse Extremismus tendiert genau zum Gegenteil: Religion soll der Ich-Erhöhung dienen: Ich-Verwirklichung statt Selbst-Verwirklichung. Wenn dann offenbar wird, dass das Ich-Ideal nicht mit der Realität übereinstimmt, wird wie üblich ein Schuldiger gesucht, und das sind immer die anderen.
Quelle: Fachtagung „Das Unbehagen mit der Religion. Islamophobie und verwandte Phänomene“, 18. Juni 2011, Islamisches Zentrum Wien
