
- Atomkraft stellt Deutsche vor innere Zerreißprobe - © Sergej23/Pixelio
Die Deutschen gelten gemeinhin als ordentlich, fleißig und pflichtbewusst. Sie haben für alles Regeln, halten sich streng an die Gesetze und tun sich schwer mit tiefgreifenden Veränderungen. Das Bedürfnis nach einem sicheren, entdramatisierten Alltag ist sowohl in der Politik als auch auf der Straße immer zu spüren. Doch genau diese kollektive Mentalität macht den Umgang mit der Atomkraft für die deutsche Bevölkerung wahrscheinlich so schwierig, so unangenehm.
Probleme der Atomkraft sind bekannt
Man weiß um die Gefahren der Stromerzeugung mithilfe von Atommeilern. Ereignisse wie die Katastrophe von Tschernobyl sind auch hierzulande nicht vergessen, eine Stadt, die für Jahrhunderte unbewohnbar geworden ist. Und auch in den heimischen Medien wird der Bürger immer wieder daran erinnert, dass man für den vermeintlich sauberen Strom einen hohen Preis zahlen muss. Atomare Endlager, die sich in salzige Schwimmbäder verwandeln oder Atomkraftwerke, die nur durch brennende Generatoren Wärme erzeugen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Meiler nicht einmal günstigen Strom für den Endverbraucher liefern, sondern lediglich den Konzernen siebenstellige Renditen pro Tag bescheren. Doch all dies weiß die Bevölkerung, es ist bittere Realität.
Atomstrom als vermeintliche Rettung vor der Dunkelheit
Der Atomausstieg ist nun trotzdem kein Thema mehr. Seit letztem Jahr regiert eine demokratisch legitimierte Koalition, die den mühsam erkämpften Abschied von der Atomkraft auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Sie hat damit Wahlkampf betrieben, es war kein Geheimnis. Trotzdem errang die schwarz-gelbe Regierung eine sichere Mehrheit, es war ein ungefährdeter Sieg. Sind die Deutschen deshalb ignorant? Oder der Atomkraft verfallen? Nein, sie kennen den Preis und haben auch keine Sympathien mehr für die bunkerähnlichen Kraftwerke an ihren Flüssen. Aber sie haben vor allem auch eines: Angst vor der Dunkelheit. Angst vor düsteren Wohnungen, Straßen und Kaufhäusern. Vor warmen Kühlschränken, kalten Heizungen und stillstehenden Zügen. Vor einem Rückfall in die Steinzeit.
Energiekonzerne schüren Angst vor Armut
Wann immer Umweltorganisationen oder Wissenschaftler der Atomkraft ihren Nutzen absprechen, bemühen Konzerne die Angst vor der sozialen Katastrophe. Sie beschwören Arbeitsplatzverluste und die „Stromlücke“. In Hessen werden Auszubildende der Atomindustrie zu bezahlten Demonstranten gemacht, die die „Zukunftstechnologie Atomkraft“ vor dem Untergang bewahren wollen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestaates Deutschland wäre nicht mehr gegeben, wenn der Strom nur noch von „Vogelschredderanlagen“ (Windkraft) erzeugt würde. Armut würde um sich greifen, und der ruhige, geordnete Alltag wäre dahin. Und die Deutschen glauben jenen Schauergeschichten nur zu gern. Sie wollen ihren redlich erworbenen Wohlstand, ihr gemütliches Leben nicht wieder aufgeben. Für die versprochene soziale Sicherheit sind sie bereit, die großen Unsicherheiten der Atomkraft in Kauf zu nehmen. Sie laufen vermeintlich ins Licht, aber sie sind lediglich geblendet.
