
- Anonymer Bewerber? - S. Hofschlaeger, Pixelio
In anderen Ländern wie etwa USA, Großbritannien und Tschechien ist die anonyme Bewerbung schon seit einigen Jahren gang und gäbe. Frankreich testet diese Form der Bewerbung derzeit in 50 Unternehmen. In der deutschen Wirtschaft ist der Widerstand gegen anonyme Bewerbungen groß.
Was ist eine anonyme Bewerbung?
Bei anonymen Bewerbungen wird auf die Mitteilung persönlicher Daten wie Name, Anschrift, Geburtsdatum und -ort, Staatsangehörigkeit und Konfession sowie auf die Beifügung eines Bewerbungsfotos verzichtet. Damit der Arbeitgeber dennoch Kontakt zum Bewerber aufnehmen kann, ist lediglich die Angabe einer Telefonnummer oder geschlechtsneutralen E-Mail-Adresse wie etwa Oekonomie10@yahoo.de obligatorisch.
Ziele von anonymen Bewerbungen
Obwohl das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz seit August 2006 in Kraft ist, werden gerade bei größeren Unternehmen dennoch versteckte Diskriminierungen bestimmter Bewerbergruppen vermutet wie zum Beispiel bei Ausländern, älteren Arbeitnehmern, Frauen im gebärfähigen Alter, Frauen mit Kindern oder Schwerbehinderten. Selbstverständlich würde kein Unternehmen es offen zugeben, wenn die Auswahl von Bewerbern nach Kriterien wie Aussehen, Staatsangehörigkeit, Alter erfolgt anstatt sich auf die fachlichen Kriterien (Qualifikation, Berufs- und Branchenerfahrung) zu konzentrieren. Zur Vermeidung von allzu subjektiven Beurteilungen von Bewerbungen sollen auch vermeintlich ungeliebte Arbeitnehmergruppen wie die oben genannten eine größere Chance erhalten, im Bewerbungsprozess mit ihrer Qualifikation und Persönlichkeit im Vorstellungsgespräch überzeugen zu können. An dem Pilotprojekt beteiligen sich unter anderem der Kosmetikkonzern L’Oréal und der Körperpflegemittelhersteller Procter & Gamble.
Die Großkonzerne laufen Sturm gegen anonyme Bewerbungen
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt behauptet, dass anonyme Bewerbungen einen größeren bürokratischen Aufwand mit sich bringen, wobei der Bewerberauswahlprozess an sich grundsätzlich immer mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden ist, insbesondere, wenn mehrere hundert Bewerbungen auf eine Stelle eingehen.
Wenn sich anonyme Bewerbungen tatsächlich durchsetzen, würde dies ein Stück Machteinbuße für die Arbeitgeber bedeuten, denn es wäre dann nicht mehr möglich, bereits im Vorfeld Kandidaten aufgrund sehr subjektiver Kriterien, die jeder sachlichen Grundlage entbehren, auszusortieren. Die Personaler wären also wieder gezwungen, sich auf objektive Maßstäbe zu konzentrieren, das heißt, Stil und Layout, Vorhandensein von beruflichen Qualifikationen. Gleichwohl entfiele das Ausspionieren von Bewerberdaten im Internet und auch das Profiling, das ebenfalls in kleinerem Maße über Bewerber betrieben wird.
Es liegt der Verdacht nahe, dass gerade größere Unternehmen mit eigener Personalabteilung in den vergangenen Jahren eher subjektive Beurteilungskriterien bei der Bewerbervorauswahl zugrunde gelegt haben. Die Süddeutsche Zeitung titelte offensichtlich aus diesem Grund in einer Zwischenüberschrift eines am 6. August 2010 veröffentlichten Artikels ziemlich provokativ „Jobs nur noch für Models?“. Gleichwohl wurde an anderer Stelle festgestellt, dass Unterlagen mit ganz anderen Augen gelesen werden, wenn jemand Murat oder Hülya heißt und somit nicht über einen klassischen deutschen Vornamen wie etwa Michael, Paul oder Thomas beziehungsweise Karin, Stefanie oder Michaela verfügt.
Auffällig ist jedoch, dass anonyme Bewerbungen in anderen Ländern seit Jahren erfolgreich praktiziert werden, in Deutschland jedoch pauschal ein Sturm der Entrüstung darüber losbricht und erst einmal wieder alles ausdiskutiert und schlecht geredet wird. Während die Politik und kommunalen Verwaltungen dem Thema offen und positiv gegenüberstehen, läuft die Wirtschaft Sturm dagegen; nicht nur Arbeitgeber, sondern vielfach auch Weiterbildungseinrichtungen.
Praktikabilität anonymer Bewerbungen für Kleinbetriebe
Da der Kontakt in kleinen Firmen zwischen Chef und Belegschaft häufig viel enger ist, sehen diese anonyme Bewerbungen in der Regel als überflüssig an, da sie sich seltener von vermeintlichen Ausschlusskriterien wie Online-Profil, Aussehen, Nationalität et cetera beeinflussen lassen. Die Inhaberin eines Essener Frisiersalons gibt beispielsweise an, sowohl ältere als jüngere Kolleginnen einzustellen, da sich in ihrer Kundschaft Menschen aller Altersklassen befinden, wobei ältere Kunden gerne von älteren Friseurinnen bedient werden und junge Menschen wiederum von jungen Friseurinnen. Den meisten Kleinbetrieben erscheinen anonyme Bewerbungen aus diesem Grunde überflüssig.
Praktikabilität anonymer Bewerbungen für den Bewerber selbst
Es ist noch relativ einfach, in den Unterlagen Anschreiben, Lebenslauf und gegebenenfalls Dritte Seite oder Deckblatt sämtliche persönliche Angaben weg zu lassen und stattdessen nur eine Telefonnummer und geschlechtsneutrale E-Mail-Adresse, die Rückschlüsse auf die Person des Bewerbers aufgrund ihrer Geschlechtsneutralität erschweren, anzugeben. Im Lebenslauf müssen geschlechtsneutrale Berufsbezeichnungen, analog zu Stellenausschreibungen angegeben werden; also statt „Krankenpflegerin“ müsste dann dort stehen „Krankenpfleger (m/w)“.
Bei den Zeugnissen und Zertifikaten wird es jedoch schon wesentlich aufwändiger, wenn sämtliche Namensangaben und Personalpronomen (Er/Sie) geschwärzt oder entfernt werden müssen. Gerade bei längeren Arbeitszeugnissen kann es doch einmal passieren, dass der Kandidat ein Personalpronomen überliest. Auch die äußerliche Form der Unterlagen leidet sicherlich darunter, wenn Stellen mit Tipp-Ex oder schwarzem Filzstift überpinselt wurden beziehungsweise wenn bei Zeugnissen in digitalisierter Form die relevanten Stellen auf anderem Wege aus dem Dokument entfernt wurden, zum Beispiel durch die Radiergummi-Funktion beim Programm Paint, die in jpg-Dokumenten eingesetzt werden kann.
Gleichwohl kann sich jeder Personaler denken, dass ein Bewerber nicht mehr ganz so jung sein kann, wenn in einem Arbeitszeugnis steht „…war vom 1. Juni 1983 bis 30. Juni 2010 als… beschäftigt.“ Es macht wenig Sinn, solche Daten zu entfernen, da dann die Richtigkeit der Angaben im Lebenslauf nicht anhand der Arbeitszeugnisse überprüft werden kann.
Was sagen die Arbeitnehmer selbst zu anonymen Bewerbungen?
Einige begrüßen diese Idee verständlicherweise, zumal sie sicherlich schon mehr als einmal in ihrem Berufsleben erleben mussten, dass sie aufgrund bestimmter Kriterien aussortiert wurden – auch wenn sie es objektiv nicht beweisen konnten. Die meisten jedoch befürchten, dass personalisierte Bewerbungen weiterhin den anonymen vorgezogen werden und führen zudem aus, dass sie aufgrund ihrer gesamten Persönlichkeit zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden möchten und nicht nur aufgrund der Unkenntnis ihres Geschlechts, Aussehens oder ihrer Nationalität. Wie der Erfolg des Pilotprojekts zu anonymen Bewerbungen in Deutschland ausfällt, bleibt in seiner Gesamtheit abzuwarten.
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Bildnachweis:
- Silhouette: (c) S. Hofschlaeger, Pixelio
- Firmengebäude Ernst & Young: (c) Peter van Bechen, Pixelio
- Handschlag: (c) Stephanie Hofschlaeger, Pixelio
